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Die unsichtbaren Herrscher
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 01.05.2001, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Timo Gleichmann, Gunter Kopf, Verlag: Fantasy Productions GmbH, Seiten: 80, Erschienen: 2000, Preis: 26,95 DM


Wir erinnern uns: Im Jahr 241 v. Hal wurde im Frieden von Kuslik vereinbart, dass sich der Herrscher des Lieblichen Feldes niemals Kaiser nennen dürfe. Knapp dreihundert Jahre später, im Jahr 17 Hal, nahm Königin Amene III. den Horas-Titel an - unter Berufung auf ein Schriftstück, das sie als Nachfahrin des Kaisers Silem-Horas auswies. Die sogenannte Comto-Ogman-Urkunde diente Amene zur Rechtfertigung, das Liebliche Feld in direkte Konkurrenz zum Mittelreich zu setzen.
Was aber, wenn die Comto-Ogman-Urkunde nur eine Fälschung wäre? Wenn gar Silem-Horas, der angebliche Urahn Amenes, niemals gelebt hätte? Diese Behauptung stellt der Geschichtsforscher Doktor Rohalion Sarostes auf; er will die Urkunde einer neuen Untersuchung unterziehen. Dies ruft prompt eine Reihe obskurer Geheimgesellschaften auf den Plan. Sarostes Tochter wird entführt, und eine ganze Armee Geheimagenten aus In- und Ausland verfolgt den unermüdlichen Wissenschaftler. Flugs trommelt Sarostes einige Abenteurer - die Spielercharaktere - zusammen, um seine Tochter zu befreien und die Urkunde aus einer Wanderausstellung zu stehlen.
Ein Abenteuer also in der Welt der Geheimorganisationen und Agenten ... das klingt kompliziert. Schon auf der Rückseite dieses DSA-Supplements findet sich die kleingedruckte Angabe: "Komplexität Meister/Spieler: Experte/hoch". Das ist stark untertrieben! Vom Spieler wird ein immenses Vorwissen über die Struktur und Geschichte des Lieblichen Feldes verlangt. Dem Spielleiter hingegen wird zugemutet, zehn (!) unterschiedliche Geheimorganisationen zu führen, die ihre Agenten gegen die Helden ins Feld werfen. Darunter sind einige wirklich harte Brocken wie der KGIA und die Hand Borons. Diverse Rivalitäten zwischen den Geheimorden sollen ebenso berücksichtigt werden wie die Intrigen der beteiligten Adeligen, die im Hintergrund agieren. Schon beim ersten Durchlesen wird klar, dass dies selbst einen brillanten Spielleiter überfordern muss. In seiner bestehenden Form ist das Abenteuer schlicht unspielbar.
Eigentlich schade - denn die Autoren haben es verstanden, einige wirklich atmosphärische Spielsituationen auszuarbeiten. Die Helden, die mehrmals zwischen horasischen Städten hin- und herreisen müssen, werden unter anderem Zeugen der wohl größten Grabumbettung in der Geschichte des Lieblichen Feldes: Der Bestattung sämtlicher Kusliker Kaiser in der neuen Kaisergruft zu Horasia. Hier wimmelt es nur so von murakistischen Fanatikern und sonstigen Nationalisten - zweifellos die beste Szene des Buches! Auch das Weingut, das zur Tarnung über einer uralten Grabanlage gebaut wurde, vermag zu gefallen - hier kommt gegen Ende des Abenteuers richtige Dungeon-Stimmung auf.
Leider vergreifen sich die Autoren bei ihren Schilderungen mehrmals im Ton. Manche Elemente wollen schwerlich zum Renessaince-Charakter des Lieblichen Feldes passen. Dies beginnt bei der oben genannten Wanderausstellung (!) und führt bis zu einem doch recht modern anmutenden Bankgebäude (mit Empfangsdame, Sitzecken und Grünpflanzen). Wenn dann noch pausenlos Agenten mit "vorgehaltenen" Armbrüsten oder Arbaletten "im Anschlag" den Raum stürmen und dabei "Stehenbleiben! KGIA! Ihr seid festgenommen!" rufen, fühlt man sich endgültig in eine Folge von 'Akte X' versetzt.
Die dargestellten Intrigen der Geheimbünde erscheinen mir arg aufgesetzt: Die benannte Urkunde erweist sich als Fälschung; später taucht das Original doch noch auf, und zwar in einem Haufen ausgemusterter Akten! Ein verzwicktes Rätsel, das anhand von Symbolen in einer Schwertscheide gelüftet werden soll, trägt zur weiteren Verwirrung bei. Auch dass Doktor Sarostes sich als leibhaftiger Nachfolger von Kaiser Silem-Horas entpuppt, der den geheimnisvollen "Ucuri-Funken" in sich trägt, ist eine recht seltsame Konstruktion. Es bleibt ein unglaubwürdiges, in sich nicht wirklich schlüssiges Abenteuer, in das der Spielleiter noch eine Menge Zeit investieren muss, um es spielbar zu machen. Ich persönlich rate, die Geheimgesellschaften um mindestens die Hälfte zu reduzieren und die ominöse gefälschte Urkunde ganz zu streichen. Wer sich die Arbeit machen möchte, wird mit ein paar spannenden Szenen belohnt, die (großes Lob!) auch ohne Dämonenterror auskommen.
Um noch einen positiven Aspekt des Abenteuers zu nennen: Die Meisterinformationen, in denen dem Spielleiter Hilfestellungen zur den einzelnen Szenen gegeben werden, sind absolut vorbildlich gestaltet! Alternativen werden aufgezeigt, Querverweise und Auswege aus verfahrenen Situationen angegeben. Hier haben die Autoren wirklich gute Arbeit geleistet. Alles in allem hinterlässt das Abenteuer einen zwiespältigen Eindruck. Es sollten sich definitiv nur erfahrene Spielgruppen an "Die unsichtbaren Herrscher" heranwagen, die nicht davor zurückschrecken, sich eine Menge Hintergrundwissen über das Liebliche Feld und seine Geschichte anzueignen.




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