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JUSTITIAN: Die gerechte Faust
Von Stefan Moriße

Rezension erschienen: 03.11.2005, Serie: Rollenspiel, Autor(en): , Verlag: Sighpress Verlag, Seiten: 204, Erschienen: 2005, Preis: 34,95 Euro


Degenesis-Spieler mussten lange warten, um das erste Quellenbuch ihres Rollenspielsystems in den Händen zu halten. Mit Justitian – Die gerechte Faust liegt es als opulentes Hardcoverbuch mit rund 200 Seiten nun vor. Getreu dem Motto "Was lange währt, wird endlich gut!" präsentiert sich der Band in der selben hohen Qualität, mit der bereits das Grundregelwerk überzeugen konnte. Die Verschmelzung von Layout und Text, die Symbiose aus grafischer Gestaltung und Inhalt durchzieht das gesamte Werk auf gleichbleibend hohem Niveau und kann die Messlatte, die das Basisbuch aufgestellt hatte, problemlos halten.

Justitian – Die gerechte Faust ist in vier Kapitel eingeteilt, die sich wiederum in mehrere Teile gliedern. Verbunden werden die Abschnitte durch eine jeweils einleitende Kurzgeschichte, die sofort Lust auf mehr und den Leser direkt mit der düsteren Endzeitstimmung vertraut macht. Die Zeitreise in das 26. Jahrhundert kann beginnen.

Den Anfang macht das Kapitel Das Protektorat, in dem auf das Umland der Stadt eingegangen und ein Blick auf die historischen Ereignisse geworfen wird. Dank atmosphärischer Schreibe verkommt die Vorstellung der durch das Protektorat an Justitian gebundenen Ortschaften nicht zu einer lieblosen Aufzählung, sondern bietet stattdessen Anregungen für Szenarien in und vor allem um Justitian. Dank einer stimmungsvollen Umgebungskarte, die sich auf der vorderen Umschlagsseite finden lässt (die hintere Umschlagsseite zeigt eine Detailansicht Justitians), fällt es leicht, sich zurechtzufinden.
So zieht schon allein die Lektüre der ersten Seiten den Leser in die düstere, aber faszinierende Welt von Degenesis. Man merkt es den Texten an, dass sich die Autoren mit viel Liebe zum Detail ans Werk gemacht haben, um ein optimales Endergebnis abzuliefern.

Das zweite Kapitel wirft schließlich den Blick auf die titelgebende Stadt Justitian. Dort herrschen die Richter, eine der zwölf Kulte in Degenesis, und sorgen auf ihre Weise für Recht und Ordnung. Kontrolle, Überwachung und Intrigen sind an der Tagesordnung. Straftäter werden gekennzeichnet, bei wiederholtem Vergehen droht ihnen deutlich schlimmeres. Denn die Richter tragen ihre Richthammer keineswegs nur zur Schau.
Alle Facetten des rauen Stadtlebens werden ausführlich beleuchtet, so dass ein überaus plastisches Bild entsteht, und man das Leben in der Metropole förmlich durch den Text hindurch zu spüren beginnt. Man fühlt sich als Reisender, dem das Leben in einer fremden Stadt näher gebracht wird, mit allen Anekdoten, die ein langjähriger Bewohner zu erzählen hat – auch wenn die meisten davon nicht erheiternd, sondern eher todernst sind.
Von einem trockenen Textstil kann keine Rede sein, im Gegenteil, das Buch ist unterhaltsam und erzähltechnisch überzeugend. Und der Spielleiter findet genügend Informationen, die er für Abenteuer in dieser Region nutzen kann. Diese werden ihm nur nicht als bloße Anhäufung von Daten vermittelt, sondern in stimmungsvolle Beschreibungen eingepackt, die den Lesespaß deutlich erhöhen.

Das umfassendste dritte Kapitel, das etwa die Hälfte des Buches ausmacht, wirft den Blick auf alle zwölf Kulte in Justitian. Sind die Beschreibungen der afrikanischen Kulte wie etwa die Neolibyer knapp gehalten, nehmen die vorherrschenden Richter, Chronisten oder Spitalier deutlich mehr Platz ein. Alle wichtigen Nichtspielercharaktere werden mit detaillierten Hintergrundinformationen vorgestellt, ein jeweils abschließender Kasten für die Spielwerte rundet die NSC-Pakete ab. Da der kennzeichnende, sarkastisch-düstere Stil auch in diesem Kapitel vorherrscht, fällt auch der üblicherweise eher eintönige Abschnitt über die Nichtspielercharaktere in diesem Fall qualitativ nicht ab. Weniger wäre hier allerdings mehr gewesen, denn die zehn bis zwanzig NSCs pro Kult sprengen doch deutlich den Nutzwert dessen, was für den Spielleiter sinnvoll ist. Mag sich der ein oder andere sicherlich über die fertige Ausarbeitung der in Justitian lebenden wichtigen Persönlichkeiten freuen, wird er kaum die ganze Fülle an NSCs nutzen können (oder wollen).

Die letzten Seiten nimmt das Kapitel Sperrzone ein, das Anregungen für Abenteuer und Kampagnen in Justitian gibt. Zwar sind keine vollständig ausgearbeiteten Abenteuer enthalten (das hätte wohl den Rahmen gesprengt), aber die Szenarioideen bieten zahlreiche Ansätze, die mit ein wenig Eigeninitiative für die eigene Spielrunde herangezogen werden können. Sowohl actionbetonte als auch detektivisch vorgehende Spielrunden kommen voll auf ihre Kosten.

Fazit:
Mit Justitian – die gerechte Faust ist es Sigh Press gelungen, ein rundum überzeugendes Quellenbuch abzuliefern, das sowohl inhaltlich als auch grafisch die Referenz in Sachen Rollenspielbuch darstellt. Schwachpunkte weist der Band an keiner Stelle auf, lediglich das Kapitel über die Kulte hätte etwas kürzer ausfallen können.
Rollenspieler, die auf ein Endzeit-Setting (im Degenesis-Slang Primal Punk bezeichnet) stehen, können bedenkenlos zugreifen. Diejenigen, die bereits das Grundregelwerk ihr Eigen nennen, sowieso. Und alle anderen sollten zumindest einmal hinein gesehen haben. Es wäre zwar schade, es nur aufgrund des Aufmachung zu kaufen und es dann in den Schrank zu stellen. Doch selbst dort gibt es noch eine hervorragende Figur ab.




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