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Mater Ecclesia
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 01.10.2005, Serie: Rollenspiel, Autor(en): , Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 192, Erschienen: September 2005, Preis: 31,95 Euro


Mater Ecclesia erfüllt vor allem zwei Funktionen: Erstens gibt der Band einen vertieften Einblick, wie die Gesellschaft im post-apokalyptischen Europa des 27. Jahrhunderts, der Szenerie von Engel, funktioniert. Zweitens liefert das Quellenbuch die nötigen Informationen, um nicht nur mit den Engeln als Spielercharakteren, sondern auch mit "ganz normalen" Menschen dieser Welt umzugehen. Und obendrein zupfen die Autoren immer mal wieder leicht an dem Schleier, der die Wahrheit über die angelitische Kirche verbirgt; allerdings auch diesmal ohne endgültig zu enttarnen, was diese anscheinend allmächtige Organisation nun genau hinter ihrem gewaltigen Lügengespinst verbirgt.

Am Anfang steht etwas abstrakt und daher auch komplett als Outgame-Text der "theologische" Hintergrund des angelitischen Glaubens. Grundlegende Vorstellungen und Lehren - beispielsweise die Schöpfungsgeschichte oder die acht Gebote - sowie Sakramente, eine regestenhafte Zusammenfassung der Angelitica (der "Bibel" der Kirche), die Gestaltung der Gottesdienste und ein Bauplan eines typischen Gotteshauses finden sich dort. Auch auf die eigenwillige Hochschätzung von Kindern und auf die Frage, was unter Ketzerei zu verstehen ist, wird eingegangen. Platz findet darüber hinaus die "weltliche" Politik, sofern man in diesem Szenario überhaupt von so etwas sprechen kann. Neben einem Schnelldurchlauf durch das Lehnsystem geht es vor allem um die Rolle der Schrottbarone, die in Wirklichkeit bei weitem nicht so entschieden bekämpft werden, wie die Kirche behauptet. Reichlich Platz nimmt die Vorstellung der Inquisition ein, sozusagen der Geheimdienst der angelitischen Kirche. Ihre Entwicklung, die innere Struktur und ihre bevorzugte Vorgehensweise werden näher erläutert, ebenso das Auftreten der Inquisitoren in den einzelnen Ordensländern, zwischen denen es gewaltige Unterschiede gibt.

Das zweite Kapitel widmet sich dem Klerus und geht dazu noch einmal detaillierter auf das Lehnsystem ein, mit dem die Kirche die Herrschaft über die Menschen organisiert, was allerdings dazu führt, dass es die eine oder andere Wiederholung im Text auftritt. Im Fokus steht das Verhältnis zwischen Lehnsherren und Vasallen auf den verschiedenen Ebenen. Strukturiert geschildert wird auch der übliche Ausbildungs- und Karriereweg der Matern oder Patern, sozusagen der weltlichen Priester der angelitischen Kirche, sowie der in den Klöstern lebenden Monachen und Beginen. Vor allem letztere, der Aufbau eines Klosters sowie dortiger Tagesablauf und Hierarchie stehen im Fokus. Auf jeweils zwei bis drei Seiten stellt der Band die Eigenschaften der fünf Orden vor, also ideologische Besonderheiten, Status der klerikalen Untergruppen, die "Consulti" genannten Facharbeiter sowie wichtige Heilige. Das Kapitel schließt mit einem für Spielleiter vorbehaltenen Blick hinter die Kulissen ab, der vor allem die Intrigen um den Untergang des Samaels- und des Raguelsordens, die Umformung der Sarieliten und die Peccati beleuchtet, die im Auftrag der Kirche in die sündigen Geheimnisse der Technik eingeweiht werden.

Ähnlich wie die Beschreibung der Kleriker ist auch das Kapitel über die wichtigsten weltlichen Helfer der Kirche aufgebaut: Die Templer. Ausrüstung, Truppengattungen, Kampftaktiken, Ausbildung sowie die Strukturen der Armatura, der Templerfamilie, sind Themen. Analog zu den Klerikern gibt es Abschnitte zu den Templern der einzelnen Orden. Die übrigen weltlichen Diener, also vor allem die gefürchteten Beutereiter, die den Manna und Menschen als Kirchenzehnten einsammeln, sowie Händler, die "Zugvögel" genannten Söldner und einfache Bauern werden in einem eigenen Kapitel knapp vorgestellt.

Reichlich Platz erhalten die besonderen Nichtspielercharaktere, allen voran das Konsistorium, das vermeintlich höchste Gremium der angelitischen Kirche. Diesen Charakteren wird fast schon etwas zu viel Raum zuerkannt, wenn man bedenkt, wie hoch sie in der Hierarchie stehen und dass Spieler, um mit ihnen in näheren und länger anhaltenden Kontakt zu kommen, an wahrlich weltbewegenden Geschehnissen beteiligt sein müssen. Neben dieser Spitzengruppe bietet der Band eine bunte Mischung aus Klerikern und Templern niedrigerer Ränge, vom fanatischen Vernichter der Heiden und Ketzer über die unfähige Verwalterin einer Provinz und die getarnte Metze Luzifers bis hin zur gehetzten Begine, die ängstlich ein Geheimnis der Ragueliten verbirgt.

Kommt der Band bis dahin weitgehend ohne die Behandlung von Regelmechanismen aus, so ist dieses Material im letzten Kapitel gebündelt. Vor allem finden sich dort zwei Klassen und drei Prestigeklassen für das Spielen von Engel im d20-System. Vorgestellt werden der Gelehrte, ein Handwerker und Forscher, der über atemberaubende Möglichkeit zum Steigern seiner Fertigkeiten verfügt, und der Würdenträger, ein Meister im Manipulieren von Menschen. Allerdings bleibt angesichts der schwachen Kampffähigkeiten dieser Klassen fraglich, ob sie für Spieler besonders attraktiv sind. Prestigeklassen sind der Palmarus, die regeltechnische Umsetzung des Inquisitors, der Bellicus, ein Elite-Templer mit durchschlagenden Kampffähigkeiten, und der Rottenmeister, ein besonders erfahrener Templer-Veteran. Von den d20-Angeboten ist der Bellicus sicher das interessanteste. Die Prestigeklasse ist liebevoll gestaltet und weist einige sehr stilvolle, jeweils ordensspezifische Sonderfähigkeiten auf. Darüber hinaus gibt es Hinweise zum Einsatz einiger NSC-Klassen des Standard-d20-Systems sowie Talente, mit denen die Herkunft aus einer bestimmten Region des Angelitenreiches in Regeln gefasst werden kann.

Fast schon erscheint es unnötig zu erwähnen, dass auch dieser Engel-Band wieder einmal ein Fest für die Augen ist. Die Gestaltung ist dem charakteristischen Grundmuster aller Produkte der Reihe angepasst, die Illustrationen können mit Fug und Recht als Kunstwerke bezeichnet werden. Besonders gelungen sind die Tafeln, die nebeneinander jeweils Angehörige der verschiedenen Kasten eines Ordens darstellen.

Fazit: Mater Ecclesia ist ein stimmungsvoller Hintergrundband. Wer allerdings schon einen oder mehreren der Ordensbände besitzt und nur im Umfeld dieses Teils des angelitischen Europas spielen möchte oder sich auf die Engel selbst konzentrieren will, kann wahrscheinlich auf ihn verzichten. Als Gesamtüberblick, zum Eintauchen in die Stimmung und für die vertiefte Beschäftigung mit den "Normalsterblichen" ist das Buch jedoch eine echte Schatztruhe. Und ein Augenschmaus ist es sowieso.




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