Willkommen Gast - LORP.de v2.45.00
LORP.de  
Seite drucken Seite empfehlen Leserbrief schreiben Translate into English with Google
 

Startseite » Rezensionen » Rollenspiel » Cthulhu » Necronomicon (HC)

Necronomicon (HC)
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 12.01.2005, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Frank Heller (Redaktion), Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 260, Erschienen: 2004, Preis: 34,95 €


Neulich habe ich das Necronomicon gelesen. Nun sitze ich hier in dieser kleinen, weißgestrichenen Zelle, mit Schaum vor dem Mund, die Augen irre zur Decke gerichtet, wo ein seltsam purpurn schillerndes Insekt um die Deckenlampe kreist. Von draußen klingen die Schreie der anderen Patienten; panisch verlangen sie, in eine andere Zelle verlegt zu werden, fort von mir; und ein zitterndes Grinsen schneidet sich in mein um Jahre gealtertes Gesicht ...

Nein, halt - so schlimm war es gar nicht! Um ehrlich zu sein, war die Lektüre des Necronomicons aus dem Hause Pegasus Press völlig ungefährlich, wenn man den Inhalt außer Acht läßt, der einen bis zur letzten Seite fesselt. Denn mit Necronomicon - Geheimnisse des Mythos hat die Cthulhu-Redaktion um Frank Heller erneut ein Meisterwerk abgeliefert - und das Unglaubliche geschafft: nämlich das ebenfalls 2004 erschienene Malleus Monstrorum zu übertreffen.
In Necronomicon geht es um das legendäre Buch, das in Lovecrafts Geschichten eine so düstere und wichtige Rolle spielt - und um viele andere grauenhafte Bücher der Großen Alten. Diese Werke sind mehr als schöngeistige Schauerliteratur; sie enthalten ein Wissen, das jeden Menschen in den Tod und Wahnsinn treiben kann. Schon die Abschriften führen bei unvorsichtiger Lektüre in den Abgrund; die Originalexemplare hingegen gleichen magischen Kreaturen, deren bösen Einfluß sich niemand entziehen kann.
Mit großer Hingabe widmen sich die Autoren dem Book of Eibon, den Pnakotischen Manuskripten oder den geheimnisvollen Xanthu-Tafeln; nahezu alle Werke sind vorbildlich aus Lovecrafts Werk, bzw. aus den Romanen und Kurzgeschichten seiner zahlreichen Epigonen, recherchiert. Jedes Buch wird ausführlich vorgestellt: Zunächst schildert ein stimmungsvoller Text (oft ein Brief, ein Telegramm oder ein Zeitungsartikel), wie es jenen ergeht, die sich mit dem geheimnisvollen Buch einlassen. Dann folgen die harten Fakten: In welchen Auflagen ist das Buch erschienen? Wo befinden sich die Originale? Welches Mythoswissen enthält das Buch? Welche Auswirkungen hat die Lektüre auf den unvernünftigen Leser? Das alles ist glänzend geschrieben; die grausigen Schicksale all der bedauernswerten Forscher, Künstler und Journalisten sind durchweg originell, und die Texte lassen sich zudem sofort als Quellenmaterial verwenden.
Hinzu kommen die aufwendigen Illustrationen: Die Autoren haben sämtliche Bücher nachgebaut und dann abfotografiert. Der Effekt ist gelungen; fast möchte man ganz in der Tradition Lovecrafts an der Fiktion des Dargestellten zweifeln. Ob die Bibliothek im Hause Pegasus Press vielleicht wirklich ein Necronomicon enthält? Nein, hier finden die Autoren klare Worte: Schon in der Einleitung wird all jenen Hobby-Magiern, die tatsächlich an die Existenz der Mythoswerke glauben, der Boden unter den Füßen weggezogen.
Doch zurück zum Inhalt. Den angenehm ausführlichen Buchbeschreibungen haben die Autoren einen hervorragenden Einleitungsartikel über die Geschichte der Schrift, des Papiers und des Buchdrucks vorangestellt. Außerdem enthält der Quellenband nicht nur Mythoswerke; es werden auch zahlreiche echte mystische Bücher vorgestellt, so daß man zugleich eine historische Bibliographie magischer Texte in der Hand hält. Schließlich runden spieltechnische Artikel den Themenkomplex ab: Hinweise zum Umgang mit Mythosbüchern im Rollenspiel, Stiltips für das Erstellen eigener Mythostexte sowie ein, leider etwas zu kurzer, Beitrag zum Kodieren und Dekodieren von Texten. Die redaktionelle Arbeit läßt wirklich keine Wünsche offen!

Und das ist noch nicht alles: Da offenbar noch genug Platz im Buch war, folgen nochmals knapp 50 Seiten mit »Arkanen Raritäten« - geheimnisvolle Artefakte der Großen Alten, die besser nicht in Menschenhand geraten sollten. Auch diese sind nach Art des Malleus Monstrorum illustriert. Andere Herausgeber hätten diesem Thema einen eigenen Quellenband spendiert und nochmals abkassiert - nicht so Pegasus Press. Bemerkenswert!
Tja, und natürlich verfügt das Buch über eine abschließende »Erzählung« mit »originalen« Mythosbuchauszügen, die sich natürlich auch für eine Spielrunde einsetzen lassen. Eine Liste der wichtigsten neuen Zauber und ein umfassender Index runden das ganze ab. Auch hier hat die Redaktion ganze Arbeit geleistet.

Wenn man zudem das sehr schöne, thematisch passende Cover (nicht ganz so verspielt wie sonst) und den blutroten Lesefaden beachtet, kann man nur sagen: Wieder hat Pegasus Press die Meßlatte für deutsche - und nicht nur deutsche - Rollenspielprodukte höher gelegt. Ein besser geschriebenes, recherchiertes und illustriertes Quellenbuch ist mir bisher nicht untergekommen. Uneingeschränkte Kaufempfehlung, und zwar nicht nur für Cthulhu-Spieler, sondern auch für Lovecraft-Fans, die mit Rollenspiel nichts am Hut haben. Der Preis von 35 € ist absolut gerechtfertigt; sowohl durch den Inhalt, als auch durch die Seitenzahl. Und ich freue mich schon auf das nächste Produkt aus dem Hause Pegasus Press!




LORP.de Copyright © 1999 - 2019 Stefan Sauerbier, Alle Rechte vorbehalten.