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Liberty Völkerband Nr.1
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 17.11.2004, Serie: Rollenspiel, Autor(en): André Wiesler u.a., Verlag: Image 3033 Verlag und Werbeagentur GmbH, Seiten: 95, Erschienen: 2004, Preis: 24,80 €


Hoch gerüstet und in ein starres Kastensystem gepresst: So präsentiert sich »Liberty«, die Zivilisation im Mittelpunkt des gleichnamigen Völkerbands für das Rollenspiel Lodland.

Wie der bereits bekannte Rat der Länder (RDL) sind die Libertys Nachfahren von Menschen, die sich vor einer neuen Eiszeit auf den Meeresgrund geflüchtet haben. Nur entwickelte sich das Leben in den Unterseekuppeln dieser Nation anders als in den verschiedenen Fraktionen des RDL. Der GreatFather führte die Liberty-Vorfahren vor rund 300 Jahren unter die Meeresoberfläche. In der Gegenwart des Szenarios herrscht er noch immer, weil er nach offiziellem Glauben der ChurchOfLiberty Gottes Sohn ist.

Zugleich steht der GreatFather an der Spitze eines Kastensystems, das alle Bürger Libertys umfasst. Jeder Angehörige der Zivilgesellschaft und des Militärs sowie alle Schüler verfügen über eine Rangzahl von 1 bis 18, die genau festlegt, wo er oder sie steht und wer wem Befehle erteilen darf. Durch Tests, die regelmäßig oder zu besonderen Anlässen abgelegt werden, kann jeder seinen Rang und damit Einkommen und soziales Ansehen steigern. Allerdings funktioniert dieses Kastensystem nicht ganz reibungslos. Immer wieder kommt es zu Ungehorsam oder gar Aufständen, die die allgegenwärtige Militärpolizei, die "Attendants" genannten Blockwarte und die Spezialtruppe FathersAngels mit ihren PSI-Kräften gewaltsam niederschlagen. Darüber hinaus haben einige wenige Bewohner bereits vor fast 200 Jahren Liberty den Rücken gekehrt und sich als "Renegades" außerhalb des Hoheitsbereichs von GreatFather niedergelassen. Von dort versuchen sie nun, das Regime mit Raubzügen und Terrorakten zu stürzen.

Der Völkerband umfasst alle Aspekte der Liberty-Gesellschaft, vom Kastensystem über die einzelnen Untersee-Städte des 11-Millionen-Volks bis hin zur Freizeitgestaltung. Auch die Wirtschaftsstruktur, die auf zahlreichen kleineren Unternehmen basiert, und die Bildungseinrichtungen werden skizziert. Als "Arbeitsmaterial" für eine Spielrunde liefert der Band eine Sammlung von bedeutenden Liberty-Persönlichkeiten, mit denen die Charaktere in Kontakt kommen können, sowie Informationen über Sprache und Alltag, die immer noch von den amerikanischen Wurzeln der ehemaligen Eiszeit-Flüchtlingen geprägt sind. Auch vier neue Archetypen und reichlich neue Ausrüstungsgegenstände, darunter neun Schiffe bis hin zum "U-Boot-Flugzeugträger" FathersFist, dürfen nicht fehlen. Auf relativ wenigen Seiten gelingt es den Autoren so, das wichtige Wissen über Liberty zu komprimieren. Manchmal wirkt das etwas sehr wie eine trockene Abhandlung und weniger wie eine lebendige Spielwelt, allerdings liegt das zumindest zum Teil an der Tatsache, dass Liberty eben ein totalitärer Staat ist, in dem es eher dröge als spannend zugeht.

Dieser Eindruck verschwindet spätestens, wenn die Sprache auf die Renegades kommt, die ebenfalls in dem Band vorgestellt werden. In den Reihen dieses Rebellenvolks dürften sich Spielercharaktere vermutlich deutlich wohler als unter den Libertys fühlen: In den Renegade-Städten herrscht der ein andauernder Überlebenskampf. Die Versorgungslage ist schlecht, ständig drohen Angriffe aus Liberty, sowohl mit Kampf-Unterseebooten als auch durch Kommando-Aktionen der FathersAngels. Allerdings schlagen die Renegades auch ihrerseits zu, denn sie haben keine andere Wahl. Nahrungsmittel und Technik sind fast nur als Beute aus überfallenen Liberty-Schiffen zu bekommen. Außerdem arbeiten ihre Spione in den gegnerischen Städten an dem Fernziel, das System zu stürzen.

Zum sofortigen Einstieg in das Spiel mit dem neuen Volk bietet der Band zwei Abenteuer-Szenarien. Zunächst geht es in "Father, oh Father" um den Versuch einer Sekte, innerhalb Libertys einen Anschlag zu verüben. Die Spielercharaktere müssen dies verhindern. Das Szenario ist als Einstiegsabenteuer für eine Liberty-Runde gedacht. Wahrscheinlich weist der Plot auch deshalb einige Schwächen auf: Die Verschwörer verhalten sich mitunter reichlich dämlich. So wollte der Autor wohl sicherstellen, das auch Anfänger die Anschlagspläne aufdecken können. Hochspannung, dafür allerdings auch eine größere Herausforderung an den Spielleiter, verspricht dagegen das zweite Szenario "Liberty meets RDL". Die Spieler können hier Zeugen eines wahrhaft historischen Ereignisses werden: des ersten Kontakts zwischen Liberty und RDL. Wie angesichts der Hochrüstung des Kastenstaats nicht anders zu erwarten, endet dieser Kontakt mit einem U-Boot-Gefecht. Das Szenario kann wahlweise auf jeder der beiden Konfliktparteien ausgespielt werden. An das Abenteuer schließt sich die offizielle Chronologie der Auseinandersetzungen zwischen RDL und Liberty an, die mit mehreren knappen Vorschlägen für Abenteuer in dieser Atmosphäre angereichert wird.

Layout und Illustrierung erreichen für das Produkt eines vergleichsweise kleinen Verlags ein absolutes Top-Niveau. Computergrafiken und Handzeichnungen wechseln sich ab. Die Umschlaginnenseite zieren farbige Karten der Liberty- und Renegade-Territorien.

Die "Liberty"-Autoren lassen dem Spielleiter einige Freiheiten. So sind mehrere Städte als "weiße Flecken" angelegt, die nach Belieben ausgearbeitet werden können. Der wichtigste "weiße Fleck" ist allerdings der GreatFather selbst. Lebt er wirklich noch? Wie ist das möglich? Und warum zeigt er sich nie in der Öffentlichkeit? Diese Fragen lässt der Völkerband ungeklärt. Ihnen auf den Grund zu gehen, dürfte eine der spannendsten Herausforderungen des Szenarios sein.

Fazit: Der rigide Liberty-Kastenstaat enthüllt seine rollenspielerischen Reize oft erst auf den zweiten Blick. Durch die Renegades und das Zusammentreffen mit dem RDL kommt jedoch die nötige Dynamik ins Spiel. Vor diesem Hintergrund gibt es reichlich Gelegenheit für spannende Untersee-Schlachten, Spionage- und Sabotage-Aktionen sowie diplomatische Annäherungsversuche.




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