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London - Im Nebel der Themse
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 28.11.2004, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Jan Christoph Steines (Redaktion), Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 233, Erschienen: 2004, Preis: 29,95 €


Mit "London – Im Nebel der Themse" erscheint wieder eine deutsche Eigenproduktion für das allseits beliebte Cthulhu-Rollenspiel: eine Mischung aus Quellenbuch und Abenteuerband rund um die englische Hauptstadt. Das Material wurde fast zu 100 % neu recherchiert und geschrieben (und nicht, wie man vermuten könnte, aus dem "London Guidebook" von Chaosium übersetzt).
"London – Im Nebel der Themse" knüpft in Sachen Gestaltung und Qualität an die bisherigen Quellenbücher aus dem Hause Pegasus Press an. Das komplett in Schwarz-Weiß gehaltene Buch überzeugt durch ein einfaches, aber atmosphärisches Layout und zahlreiche Originalfotografien aus dem London der 1920er Jahre. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte Englands und Londons stellt das Buch in dem Kapitel "Streifzüge durch London" die einzelnen Stadtviertel vor, legt Schwerpunkte auf einige berühmte Museen und Gebäude (British Museum, Tower of London …) und leitet schließlich zu einigen für Cthulhu besonders interessanten Themen über: der alte Fluß Themse, der sich durch die Stadt schlängelt, die London Tube samt einzelner vergessener oder geschlossener U-Bahn-Stationen, uralte Kanäle, Irrenanstalten und Grabanlagen. Auch einige beispielhafte Geistergeschichten werden erwähnt. Das alles liest sich spannend und ist gut recherchiert; allerdings wartet dieses Kapitel nur gelegentlich mit Überraschungen auf.
Dieser Eindruck setzt sich während des folgenden Kapitels (Leben in London) fort: Routiniert wird die englische Gesellschaft in den 1920ern und 1880ern vorgestellt, nebst Informationen über Verkehr, Sport und Kultur in der Hauptstadt. Dann folgt der obligatorische Abschnitt über Polizei, Gerichtswesen und Verbrechen (samt einer ausführlichen Beschreibung spektakulärer Kriminalfälle); ein Steinbruch für ambitionierte Rollenspieler, die Cthulhu als Detektivrollenspiel betreiben und dabei reale Kriminalfälle mit dem Mythos verkreuzen. Auffällig ist, dass die literarische Gestalt des Sherlock Holmes als reale Figur eingeführt wird; hier muß wohl jede Spielrunde entscheiden, ob sie tatsächlich den berühmten Detektiv in ihre Cthulhu-Runde einbauen will.
Eher kurz gehalten ist das Kapitel über "Spielcharaktere in London"; eine Handvoll neue Berufe werden vorgestellt, dann folgen Hinweise zur Informationsbeschaffung (Bücherläden, Bibliotheken, Archive). Das letzte Kapitel "Okkultismus und Mythos in London" widmet sich typischen Geheimbünde und okkultistischen Vereinigungen, unter anderem einem finsteren Mythos-Kult. Auch dieses wichtige Kapitel ist meines Erachtens etwas zu knapp geraten.
Die beiden Szenarien schließlich ("Nebel der Wahrheit" von Jens Peter Kleinau und Heiko Gill, "Elwoods Kinder" von Wolfgang Schiemichen) nutzen London als Kulisse für cthulhuoide Abenteuer: Im ersten Szenario jagen die Spielcharaktere nach dem vermeintlichen Mörder Jack the Ripper, im zweiten erwachen im unheimlichen Fluß Themse einige gräßliche Kreaturen zum Leben. Beide Abenteuer sind gut geschrieben und inszeniert, wenn auch nicht wirklich innovativ. Die Handouts hingegen sind wieder einmal handschriftlich erstellt und damit ein besonderer Augenschmaus – absolut vorbildlich!
Was bleibt schließlich an Kritik? Zweifellos ist "London" ein äußerst gut geschriebenes, hervorragend recherchiertes Quellen- und Abenteuerbuch, das Lust auf einen Rollenspiel-Ausflug in die englische Metropole macht. Anderseits muß sich das Buch an den bisherigen Produktionen von Pegasus Press messen lassen, und die haben die Latte sehr hoch gelegt. Gegenüber der Deutschland-Box fällt das London-Quellenbuch deutlich ab – es fehlt an Innovationen, Überraschungen und insgesamt etwas an Esprit. Nur wenige Male trat während des Lesens ein wirklicher Aha-Effekt auf. Trotzdem: "London – Im Nebel der Themse" kann jeder Spielrunde, die sich für die britischen Inseln interessiert, bedenkenlos empfohlen werden, denn es bleibt eine gut gemachte Produktion, die zudem zu einem fairen Preis angeboten wird. Der hohe Standard, den man von der deutschen Ausgabe des Cthulhu-Rollenspiels gewohnt ist, bleibt in der Rollenspielszene eine Ausnahmeerscheinung.




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