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Kleine Ängste
Von Stefan Sauerbier

Rezension erschienen: 18.06.2004, Serie: Rollenspiel, Autor(en): J.L. Blair, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 117, Erschienen: Oktober 2003, Preis: 22,95 €


In einem handlichen und für den deutschen Markt ungewöhnlichen Format präsentiert sich das Rollenspiel »Kleine Ängste« aus dem Hause Feder & Schwert. Die optische Gestaltung des Covers und die herausragende Qualität des Buchmaterials ziehen neugierige und vor allem interessierte Blicke auf sich.

Der Titel »Kleine Ängste« lässt bereits vermuten, worum es in diesem Rollenspiel geht. Allerdings zeugt er bei weitem nicht von der grausamen Tiefe dieses Bandes. Klar, wer den Namen liest, der denkt sofort an Kinder. Aber was bitteschön haben Kinder mit Rollenspiel zu tun?

Die Antwort ist einfach: eine ganze Menge, auf jeden Fall hier. Das System dreht sich um die Kleinen, bevorzugt Grundschulkinder im Alter von 6-12 Jahren, und deren Ängste. Gerade hier erwartet den gemeinen Rollenspieler eine enorme Herausforderung. Jeder von uns war mal klein, aber wie viele von uns können sich jetzt noch vorstellen, was uns damals bewegt hat, wie es in unseren Köpfen wirklich zuging? Abstrakte Individuen zu spielen wie Elfen, Zwerge, Orks oder Trolle ist meist ganz leicht. Genau so steht es mit Vampiren, Werwölfen, Magiern und Feenwesen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: all diese Kreaturen entspringen unserer Phantasie. Kinder hingegen sind uns nicht fremd. Im Gegenteil: wir waren alle mal klein und sind es hoffentlich wenigstens zu einem kleinen Teil noch heute.

In diesem Rollenspiel dreht sich alles um die Angst, sei es die liebste Sammelkarte zu verlieren oder dass man seine Lieblingssendung nicht sehen darf. Aber es geht noch viel weiter. Viele von uns, die damals keinen Bettkasten hatten, kennen den Schrecken, der einen immer wieder in Furcht versetzte: das »Land unter dem Bett«. In diesem Land leben die sieben Könige, welche ihre gierigen Klauen nach den Kindern ausstrecken und vor keinem Mittel und vor keiner Gräueltat Halt machen. Genau gegen diese versuchen sich die Kinder in diesem Rollenspiel zu behaupten. Die Könige verstehen es hierbei geschickt, Erwachsene und sogar auch andere Kinder zu beeinflussen und für ihre Zwecke zu missbrauchen.

»Kleine Ängste« geht aber noch einen Schritt weiter. Fern ab von dem Schrecken und der Verzweiflung bestehen auch noch Gefahren für Leib und Seele. Dies beginnt mit dem spurlosen Verschwinden von Kindern bis hin zu einem ganz heiklem Thema: dem Missbrauch von Kindern.

Bei diesem System handelt es sich um ein Erzählspiel, daher ist es von Natur aus regelarm. Es basiert auf einem System, welches lediglich einen sechsseitigen Würfel verwendet. Auf nicht einmal einem Drittel der 117 Seiten wird auf Regeln eingegangen. Bei der Charaktererschaffung wird sehr viel mehr Wert auf Hintergrund und Mehrdimensionalität des Charakters gelegt, als auf Fertigkeiten und Eigenschafen.
Die Erschaffung selber ist denkbar simpel und basiert auf einem üblichen Kaufsystem mit Gummipunkten. Besonders erwähnenswert sind die Regeln zur Glaubensmagie: wenn ein Kind nur fest genug an etwas glaubt kann dieses geschehen. So kann das heißgeliebte Kuscheltier einen beispielsweise vor den Monstern aus dem Land unter dem Bett beschützen.

Wie bereits zu Beginn erwähnt begeistert »Kleine Ängste« allein schon durch sein mehr als nur gelungenes Layout. Fern ab von seinem amerikanischen Original weist es ein vollkommen neues Layout auf. Oliver Graute schafft es mit seinen schaurigen und unheimlichen Fotocollagen eine derart gruselige Stimmung zu erzeugen, dass jedes Kind davon Alpträume bekommen muss.
Selbst bei mehrfacher Betrachtung fallen einem immer wieder neue, kleine Details in den Bildern und den handgeschriebenen Texten auf. Besonders zu erwähnen ist der Tagebucheintrag zu Begin, welcher als Einleitung dient und einen sehr nachdenklich stimmt.

Das Erzählspiel von Jason L. Blair ist trotz seiner im Vergleich mit anderen Rollenspielwerken wenigen Seiten ein in sich vollständig abgeschlossenes System und ohne weitere Zusatzprodukte spielbar. Die Übersetzung aus dem amerikanischen und die Anpassung an den deutschen Kulturkreis ist einfach nur gelungen. So wurde zum Beispiel aus den begehbaren Kleiderschränken, wie man sie aus Amerika kennt, das "Land unter dem Bett".
Der Band schließt mit einigen Abenteuerideen.

Fazit: »Kleine Ängste« ist ein sehr interessantes System mit einem faszinierenden Hintergrund. Für den deutschen Raum stellt es ein außergewöhnliches Rollenspiel dar, welches auf erfahrenere Spieler ausgerichtet ist, und ist aus diesen Gründen sehr empfehlenswert.
Sehr bedenklich ist aber der unangenehme Beigeschmack, den es mit seiner Hauptthematik besitzt. So glaube ich persönlich, das gerade Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Kinder allgemein nichts in einem Rollenspiel zu suchen hat und nur für aufgeschlossene Menschen tauglich ist. Gerade bei Lesern die selber eine schlimme Kindheit durchlebt haben lässt dieses System Erinnerungen aufkommen, an die sie eigentlich nie wieder denken wollten. Daher sollte man sich trotz der hervorragenden Gestaltung und der faszinierenden Grundidee (Kinderängste im Allgemeinen) sehr sorgfältig überlegen, ob man sich dieses Regelwerk zulegen möchte.




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