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Der Krieg der Spinnenkönigin 1: Zersetzung
Von Stefan Sauerbier

Rezension erschienen: 01.10.2003, Serie: Belletristik, Autor(en): Richard Lee Byers, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 496, Erschienen: September 2003, Preis: 10,95 €


Seit jeher hat das Böse seine eigene Faszination. Immer wieder finden sich in der Literatur Charaktere und Kreaturen, die durch ihre Boshaftigkeit und durchtriebene Art den Leser zu faszinieren wissen.
Lesern von phantastischer Literatur und Spieler des Rollenspiels »Dungeons & Dragons« kennen meist den Namen R.A. Salvatore und verbinden ihn zugleich mit Menzoberranzan und den finsteren Dunkelelfen: den Drow.

Die Drow bilden zu ihren Artgenossen einen starken Kontrast wie Licht zur absoluten Finsternis. Die übertrieben arroganten und stolzen Dunkelelfen vergöttern das Chaos, Intrigen und den Kampf. Gefühle wie Mitleid, Dankbarkeit und Liebe sind ihnen vollkommen fremd.

Wer bereits aus Salvatore’s Romanreihen wie »Die Saga vom Dunkelelf« Bekanntschaft mit den Drow geschlossen hat, weiß wie sich der Alltag in Menzoberranzan gestaltet: im unterirdischen Reich der Drow sind Mord und Folter an der Tagesordnung. Kämpfen die Drow nicht gerade gegen einen gemeinsamen Feind, so richten sie all ihren Hass gegen ihresgleichen. Meistens manifestiert dieses Verhalten sich dahingehend, dass die einzelnen Adelshäuser versuchen, sich gegenseitig zu vernichten. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Wenn es nicht in der von Frauenhand regierten Gesellschaft die Priesterinnen der grausamen Spinnengöttin Lolth gäbe, würde die Stadt mit Sicherheit im Chaos versinken.

»Der Krieg der Spinnenkönigin« ist eine neue Romanreihe von Feder & Schwert, die ihren Ausgangsort genau wie in Salvatores Saga in der faszinierenden aber auch zugleich tödlichen Stadt Menzoberranzan findet. Insgesamt wird die neue Reihe sechs Bände fassen; allesamt stammen sie aus den Federn von Jungautoren, die bereits mit anderen Werken einen hohen Anspruch an sich selber stellen.

Richard Lee Byers beginnt die viel nversprechende Reihe und bereits nach einigen Seiten ist man gefangen von der Welt. In den Vergessenen Reichen zeigt sich ein einschneidendes Ereignis für die Drow: Die Göttin Lolth gewährt ihren Priesterinnen nicht mehr ihre Macht, erhört keine Gebete und offenbart sich ihnen nicht mehr. Ohne die Gunst der Spinnenkönigin schwinden Macht und Einfluss der Priesterinnen, die auf magische Schriftrollen zurückgreifen, um ihr düsteres Geheimnis zu verbergen. Doch ganz allmählich erkennen immer mehr der zahlreichen Feinde Menzoberranzans die verzwickte Lage und versuchen ihren Vorteil daraus zu ziehen. Nicht, dass die Situation bereits gefährlich genug wäre: Die Sklaven aus den Elendsvierteln begehren auf und es kommt zu einer Revolte. Wie von den Drow zu erwarten, halten die Adelshäuser nicht zusammen, und einige Männer versuchen diese Situation dafür zu nutzen, das Matriarchat abzuschaffen. Letztendlich eskaliert die Situation und es kommt sogar so weit, dass sich Adelshäuser untereinander bekämpfen.

Der Roman beginnt zunächst harmlos, aber schnell sind die Fronten geklärt und das Bild der gesamten Erzählung wird dadurch direkt zu Beginn stark geprägt.

Der Erzmagier von Menzoberranzan, Gromph Baenre, lebt im ewigen Zwist mit seiner Schwester Quenthel, die ihrerseits die Herrin der Priesterinnen-Akademie Arach-Tinilith ist. Beide buhlen um die Gunst ihrer Schwester Triel, denn die ist seit dem Tod der alten Baenre die Matrone des mächtigsten Adelshauses der Stadt. Gromph weist als einer der wenigen von Beginn an um die Misere der Priesterinnen der Lolth. Und so dauert es nicht lange, bis er zahlreiche Dämonen als Attentäter losschickt, um seine verhasste Schwester auszuschalten.

Quenthel muss sich nicht nur mit den von Dämonen herumplagen, sie hat auch alle Hände voll zu tun, da ihre Priesterinnen beginnen, den Glauben an Lolth und den Respekt vor ihrer Hohepriesterin zu verlieren. Die Botschafterin Faeryl von Ched Nasad, einer Schwesternstadt von Menzoberranzan, wird zu Unrecht bei der Matrone der Baenre in Misskredit gebracht. Sie fällt letztendlich deren halbdämonischen Sohn Jeggred in die Hände und wird von ihm auf grausamste Weise verhört und gefoltert.

Zu Beginn des Geschichte erscheint das Duo aus dem Meistermagier Pharaun Mizzrym und dem Waffenmeister Ryld Argith eher nebensächlich. Byers rückt sie aber immer mehr ins Rampenlicht, so dass schnell deutlich wird, wer bei den zahlreichen Charakteren die wichtigsten Rollen spielt. Den beiden wurde die Aufgabe übertragen, herauszufinden, wohin sich eine beträchliche Anzahl männlicher Adliger abgesetzt hat. Pharaun ist ein für einen Drow ungewöhnlich gewitzt und gegenüber seinen Frauen häufig sehr respektlos. Ryld hingegen weist für das Unterreich äußerst seltene Charakterzüge auf: Für einen Drow ist der aus niedrigsten Verhältnissen stammende Drow gegenüber seinem Gefährten relativ treu und loyal. Mit diesen Eigenschaften heben sich die beiden stark aus der Masse der männlichen Drow hervor.

Die beiden schaffen es nach kurzer Zeit das Geheimnis der verschwundenen Drow zu lüften. Dabei wird ihnen auch klar, dass den Priesterinnen jegliche Macht fehlt, eigene Magie zu wirken. Sie schaffen es gerade noch rechtzeitig, die Stadt vor dem drohendem Bürgerkrieg zu bewahren. Triel Baenre ist beeindruckt von dieser Leistung und beschließt, den cleveren, aber aufsässigen Magier zusammen mit Ryld auf eine Reise nach Ched Nasad zu schicken. Der Späher Valas Hune von der berüchtigten Söldnertruppe Bregan D'Aerthe soll sie zusammen mit Jeggred, Triels Schwester Quenthel und der mittlerweile rehabilitierten Faeryl begleiten. Die Gruppe wird sich auf ihrer Reise als eine explosive Mischung herausstellen.

Richard Lee Byers erweist sich als Kenner und Experte der Dunkelelfen-Welt. Er schafft es geschickt, zahlreiche Intrigen aufzubauen, und lässt den Leser mit seinen interessant und abwechslungsreich gestalteten Charakteren tief in die unterirdischen Reiche eintauchen.

Bei den Beschreibungen magischer Fähigkeiten und der Charakteristiken der Drow hat sich Byers keinen Ausrutscher geleistet. Vermutet man langweilige Kampfsequenzen mit Charakteren, die fast schon stoisch Schwerter schwingen und Feuerbälle schmeißen, liegt man hier gänzlich falsch: Die Schilderungen sind detailliert und abwechslungsreich, so das Kämpfe zum Mitfiebern einladen und sich die Dynamik der Charaktere vor dem inneren Auge förmlich abmalt.
Mindestens genauso realisitisch und mannigfaltig wirken die Charakterisierungen seiner Figuren: Die schwache neue Herrin der Stadt, Triel, die von der Krise völlig überfordert ist, ihr listiger Bruder und Berater Gromph sowie ihre besonders gemeine Schwester Quenthel als perfekte Verkörperung einer Hohepriesterin Lolths können gefallen.

Der absolute Star ist jedoch Pharaun: Er ist zwar "nur" ein Mann, begeistert aber durch seine Raffinesse und vor allem durch die spektakulären Magieeinlagen. Seine schnippische Art macht ihn zu etwas ganz Besonderem. Oft genug steht er vor Situationen, in denen man der Meinung ist, dass ihm gleich sprichwörtlich der Kopf abgerissen wird, aber irgendwie schafft er es stets, sich dem Zorn seiner meist höherrangingen weiblichen Opfer zu entziehen.

Richard Lee Byers schafft es, das Leben in der Stadt, das Treiben auf den Basaren Menzoberranzans mit all seinen Kreaturen sehr gut einzufangen. Zahlreiche Nebenplots lockern die Geschichte auf und halten sie stets abwechslungsreich und spannend.

Die deutsche Übersetzung tut der wunderbaren Schilderungen keinerlei Abbruch. Im Gegensatz zu früheren Übersetzungen zeigt ihr der Verlag Feder & Schwert sein ganzen Können.
Die Gesamtoptik des Romans ist sehr ansprechend: Das Titelbild stimmt vorab auf die Geschichte ein. Die Spinnensymbole als Trennung einzelner Absätze und der verwendete Zeichensatz bei Titel und den Überschriften bilden zudem das i-Tüpfelchen. Einen kleinen Wermutstropfen hingegen ist die beigefügte Karte: sie zeigt die vergessenen Reiche. Da der Hauptteil des Romans jedoch in Menzoberranzan spielt, wäre eine Karte der Stadt die bessere Wahl gewesen. Sie wird aber in den Folgebänden nachgeliefert.

Wer auf das Impressum schaut, dem fällt auch die Kooperation der einzelnen Autoren auf. Zum einem erkennt man es an den Dankesworten, aber auch zum Beispiel daran, dass Philip Athans, der Autor des fünften Bandes, bei den ersten vier Bänden im englischen Original der Lektor war.

Fazit:
Alles in allem kann ich nur sagen, dass »Zersetzung« ein hervorragender Roman ist. Wer gerne Fantasy liest sollte sich die Reihe um den »Krieg der Spinnenkönigin« anschaffen. Sie ist garantiert nicht nur für Fans von »Dungeons & Dragons« und den Vergessenen Reichen.
Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band der Reihe!




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