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Die Chroniken der Engel - Grundregelwerk
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 07.03.2003, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Oliver Graute, Oliver Hoffmann, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 272, Erschienen: 2002, Preis: 37,95 €


Wieder einmal ist über die Rollenspiellandschaft die Apokalypse hereingebrochen: DIE CHRONIKEN DER ENGEL, eine Eigenproduktion von Feder & Schwert, künden vom Jüngsten Tag und schildern eine wahrlich todgeweihte Welt im Jahr 2654, in der Fegefeuer über menschenleere Landstriche jagen, in der die Kreaturen der verdorbenen "Traumsaat" auf Menschenjagd gehen und in der eine entsetzliche Seuche, der sogenannte "Veitstanz", ganze Generationen hinwegrafft und nur die Kinder verschont. Zum Glück hat der Allmächtige seine Schöpfung noch nicht ganz aufgegeben und sie mit der postkatholischen "Angelitischen Kirche" beglückt, die gegen den "Herrn der Fliegen", dem Inbegriff aller Verderbnis, ins Feld zieht. Die wichtigsten Streiter der Kirche sind gottgesandte Engel, die mit ihren weißen Schwingen am Firmament schweben und das Schwert wider die allgegenwärtigen Traumsaatkreaturen schwingen. Auch der eine oder andere Ketzer muss mit Feuer und Schwert auf den rechten Pfad zurückgebracht werden.

DIE CHRONIKEN DER ENGEL ist nicht der erste Versuch, ein Rollenspiel im Post-Doomsday-Genre zu etablieren. Wasteland, Endland und Tribe 8 sind nur einige Beispiele für Rollenspiele, die sich der "The-Day-After"-Romantik bedienen, und auch der christlich-jüdische Engelsmythos ist bereits mehrfach aufbereitet worden (Magna Veritas, Angeli). So war ich sehr skeptisch, als ich von dem neuen Feder & Schwert-Projekt erfuhr, das in Zusammenarbeit mit dem bekannten Phantastik-Autor Kai Meyer entwickelt wurde. Braucht die Szene wirklich ein weiteres apokalyptisches Rollenspielszenario? Wird sich ein solches Projekt nicht zwangsläufig in der Variation altbackener Klischees erschöpfen?

Um so begeisterter war ich, als ich schließlich das Rezensionsexemplar des Grundregelwerks in den Händen hielt. Denn die Autoren von Feder & Schwert haben in CHRONIKEN DER ENGEL ein besonders listiges Konzept gewählt: Statt krampfhaft zu versuchen, ein ausgelutschtes Genre neu zu erfinden, haben sie es konsequent zu Ende gedacht. Die Apokalypse in CHRONIKEN DER ENGEL ist radikaler als alle mir bekannten Umsetzungen. Die Vernichtung der Welt ist zu weit fortgeschritten, als dass eine Rettung möglich ist; der Kataklysmus ist unumstößlich, die Anstrengungen der Überlebenden, eine neue Zivilisation zu errichten, sind kaum mehr als verzweifelte Versuche menschlicher Sinnsuche, und die epischen Schlachten der Engel gegen die Traumsaat sind geprägt von der Tragik des Untergangs.

Zunächst ein paar Worte zur Aufmachung: Das Regelwerk kommt als edles, gold gehaltenes Hardvocer daher. Schlägt man es auf, fällt einem sofort die hervorragende Karte des überfluteten, zerrissenen Europas ins Auge. Das Buch selbst ist komplett schwarz-weiß gehalten. Zeichnungen sind rar gesät, doch von einer hohen Qualität. Der Stil des Zeichner Dieter Jüdt zitiert mittelalterliche Fresken, verleiht ihnen aber durch harte, klare Striche und tiefe Schattenwürfe ein ganz eigenes Flair, das den neomittelalterlichen Hintergrund des Spiels gut wiedergibt. Eine Meisterleistung ist das Layout, denn obwohl das Buch nur über wenige Illustrationen verfügt, stellt sich an keiner Stelle ein "Bleiwüste"-Effekt ein: Klare, abgegrenzte Textblöcke, aufgelockert durch klerikale Insignien und den durchgängig verwendeten Engel-Font tragen dazu bei, daß man auch beim Durchblättern an mancher Kapitelüberschift verweilt und zu lesen beginnt.
Zu lesen gibt es nämlich viel: Auf den ersten Seiten wird man in die Hintergrundwelt eingeführt und erhält Informationen über die geheimnisumwitterten Engel, die es in diesem Rollenspiel zu verkörpern gilt. Anschließend wird die Historie der vergangenen Jahrhunderte erzählt, in der die Apokalypse über die Menschheit hereinbrach: Seuchen, Kriege, Überflutungen und das langsame Abgleiten der Zivilisation in ein hoffnungsloses Neo-Mittelalter. Im dritten und vierten Kapitel wird die Welt der "Engel" vorgestellt: Das chaotische Klima; die vernichtenden Fegefeuer, die ganze Kontinente entvölkern; die letzten menschlichen Zentren, in denen Ketzer und Kirchenfürsten, Diadochen und Bauern um ihre Existenz kämpfen; die Angelitische Kirche mit ihren Dogmen und Riten. Diese Kapitel können natürlich nur einen ersten Überblick bieten, doch die Stimmung des Spiels ist gut eingefangen. Auch stellen sich dem Leser immer neue Fragen nach den wahren Hintergründen der Angelitischen Kirche, denn es ist nur zu offensichtlich, dass dieser starre Machtapparat, der ganz Europa beherrscht, auch seine dunklen Flecken hat. So erwartet den Leser denn auch im fünften Kapitel, das sich mit den Protagonisten des Spiels – den Engeln – beschäftigt, eine große Überraschung, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Denn das dort enthüllte Geheimnis ist zweifellos der zentrale Ansatzpunkt jeder Engel-Kampagne.
Nachdem im sechsten Kapitel wichtige Personen der Kirche und der Welt vorgestellt werden und einige alptraumhaften Vertreter der verdorbenen "Traumsaat" ihren Auftritt haben, widmet sich der zweite Teil des Buches den Regelmechanismen. Bemerkenswert ist, dass die CHRONIKEN DER ENGEL zwei verschiedene Regelsysteme verwenden; einmal die leidlich bekannten D20-Regeln der neuen D&D-Ausgabe, die sich ja inzwischen als Standard in der Rollenspielszene zu etablieren scheinen. Sie werden im Grundregelwerk äußerst knapp dargestellt, und die ständigen Verweise auf das D&D-Regelbuch zeigen, dass den Autoren das selbstentwickelte, zweite Regelsystem deutlich mehr am Herzen liegt. Bei diesem handelt es sich um das sogenannte ARKANA-System. Dieses favorisiert ein freies Rollenspiel und sagt sich von Zahlen und Würfeln vollständig los. Konflikte werden mit Hilfe eines tarotähnlichen Kartendecks entschieden: 22 Spielkarten, die mit stilvollen Zeichnungen und goldenen Lettern versehen sind. Jede Karte trägt eine positive und negative Bedeutung, Spieler und Spielleiter ziehen bei Bedarf eine Karte und entscheiden dann (im Idealfall gemeinsam) über die Bedeutung. Wird etwa ein Engel von seinem Vorgesetzten im Rahmen einer Kirchenintrige unter Druck gesetzt, könnte die Karte "Die Erzengel" mit ihren alternativen Bedeutungen "Reinheit (positiv) – Versuchung (negativ)" je nach Lage so zu deuten sein, dass der Engel standhaft bleibt (Reinheit) oder sich dem Druck der Kirche beugt (Versuchung).
Das Konzept ist freilich nicht neu, sondern dem legendären Rollenspiel "Everway" von Wizards of the Coast entlehnt. Ob es sich tatsächlich auf den dogmatischen und enggefassten Hintergrund von ENGEL übertragen lässt, wage ich zu bezweifeln, zumal die Arkana-Karten auf die Engelsthematik beschränkt bleiben. Leider sind auch die Erläuterungen im Regelwerk nur dürftig, das Konzept wirkt unausgereift. Feder & Schwert hätte ruhig mutiger an die Sache herangehen können, denn ein freies Erzählsystem, wie es den Autoren vorschwebt, bedarf einer grundlegend anderen Vorstellung von Rollenspiel. Es wird sich zeigen, ob das System von den Spielern angenommen wird.

Auch weitere Kritikpunkte sind zu nennen: Größter Schwachpunkt des Hintergrundes ist meiner Meinung nach die zu starre Einteilung der Engel in sogenannte "Orden" (Gabrieliten, Michaeliten, Urieliten, Raphaeliten, Ramieliten). Eine kleine Reminiszenz an die den Autoren wohlvertraute Welt der Dunkelheit, so scheint es; ich sehe vor meinem geistigen Auge schon die Quellenbücher über die fünf Orden in den Rollenspielläden stehen. Hier hätte sich man sicher ein originelleres Konzept wählen können.
Auch die Angelitische Kirche ist zu klischeehaft geraten. Die Autoren haben sie zwar als durchaus eigenständige Weiterentwicklung der katholischen Kirche gezeichnet, doch die Anbindung an das Christentum ist zu eng und wird dem Szenario nicht ganz gerecht. Zudem will mir nicht ganz einleuchten, warum in den apokalyptischen Wirren allein das Christentum überlebt haben soll. Die übrigen Weltreligionen sind offenbar auf der Strecke geblieben; von Juden und Moslems keine Spur. Hätte man die Angelitische Kirche aus ihrem christlichen Korsett befreit, wäre der Hintergrund insgesamt glaubwürdiger.
Mein letzter Kritikpunkt bezieht sich auf das Fehlen einiger Grundlagen, die ein modernes Regelwerk meiner Meinung nach haben sollte. So wäre ein Einführungsabenteuer sinnvoll gewesen. Die kurzen Hinweise zu möglichen Abenteuern ist mit gerade mal zwei Seiten (S. 168f) viel zu kurz geraten. Zudem fehlt ein Kapitel mit profanen Nichtspielerfiguren – Bauern, Räuber, Lumpen und Diadochenkrieger werden an keiner Stelle aufgeführt. Auch an feindlichen Kreaturen hat Feder & Schwert gespart; lediglich zwei Traumsaat-Monster werden vorgestellt. Die restlichen, so der Kommentar des Herausgebers, möge der Spieler dem Quellenband "Traumsaat" entnehmen. Das ist in meinen Augen ein wenig kleinlich und verträgt sich nicht mit der großzügigen Gestaltung des Buches.
Abgesehen von diesen kleinen Mängeln sind die CHRONIKEN DER ENGEL eine überraschende, hervorragende Produktion, die neue Wege beschreitet und sie nicht nur verspricht. Ein epischer Hintergrund, eine faszinierende Grundidee, eine gut ausgearbeitete und reich geschilderte Welt, die Ansatz für zahlreiche Abenteuerideen bietet – kurzum, ein Höhepunkt unter den jüngsten Neuentwicklungen! Es ist dem Verlag zu wünschen, dass sich die CHRONIKEN DER ENGEL tatsächlich in der Rollenspiellandschaft etablieren und die geplante englische Übersetzung auch in Übersee neue Anhänger für die Angelitische Kirche rekrutiert.




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