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Gareth - Kaiserstadt des Mittelreichs (PDF)
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 29.04.2013, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Anton Weste, Eevie Demirtel u. a., Verlag: Ulisses Spiele, Seiten: ca. 600, Erschienen: 2012, Preis: 60,00 EUR


Gareth - die größte Stadt in der DSA-Spielwelt Aventurien und gleichermaßen Ziel für lichte Träume wie für dunkle Ränke: Fast 600 Seiten widmet die Box Gareth - Kaiserstadt des Mittelreichs der Beschreibung der Metropole.

Die beiden wesentlichen Bestandteile der Box sind die Bände "Goldene Dächer, düstere Gassen" und "Im Herzen der Metropole". Bei ersterem handelt es sich um eine klassische Stadtbeschreibung, die nach und nach die Stadtviertel Gareths vorstellt. "Im Herzen der Metropole" vereint dagegen Informationen über Stadtgeschichte, Recht, Handel, Alltagsabläufe und vieles mehr mit Darstellungen einflussreicher Gruppen der Stadt. Der Abenteuerband "Gassenhelden", einige Stadtmagazin-Ausgaben des "Aventurischen Boten", Index, Karten und Kopiervorlagen komplettieren die Gareth-Box.

"Goldene Dächer, düstere Gassen" hält ein gleichbleibendes Schema bei der Vorstellung der Stadtviertel durch, zum Teil noch einmal in kleinere Quartiere unterteilt: Nach dem DSA-typischen Stichwort-Kasten zur Einleitung gibt es einen Überblick, der die Stimmung des Viertels erlebbar machen soll. Danach werden einzelne Personen und Gebäude in den Blickpunkt genommen, die im Viertel anzutreffen sind. Die Gebäudebeschreibungen erhalten einen eigenen Wertekasten, der unter anderem Reichtum der Lokalität kategorisiert, ebenso die Qualität der angebotenen Dienstleistungen und Waren, aber auch den Schwierigkeitsgrad für unbefugtes Eindringen. Dazu kommen Informationen über Zinken, die die örtlichen Gauner am Gebäude hinterlassen haben.

Die meisten Gebäude sind durch Beschreibungen wichtiger Bewohner ergänzt, in einigen Fällen mit detaillierten Spielwerten und Kurzcharakteristik, meist aber nur mit einer wenige Zeilen umfassenden Vorstellung. Ausgesuchte Grundrisse komplettieren die Gebäudebeschreibungen und sind noch einmal in den Kopiervorlagen zusammengefasst. Besonders lesenswert sind die "Geheimnisse" der jeweiligen Orte. Anders als in den aventurischen Regionalbeschreibungen stehen sie nicht am Ende des Buchs, sondern in der Gebäudebeschreibungen.

Das Spektrum reicht vom Nobelviertel mit dem höchsten Tempel des Götterfürsten Praios bis hin zum Elendsviertel mit ständig feuergefährdeten Mietskasernen und vor allem kriminellen und verzweifelten Bewohnern. Auch ein recht ländliches Viertel und natürlich die verfluchte Dämonenbrache südwestlich der Stadt gehören zum Stadtführer-Programm, ebenso Unter-Gareth, wo Kanalisationen, verborgene Tempel und verlotterte Tiefenzwerge längst nicht die einzigen Absonderlichkeiten sind.

"Im Herzen der Metropole" füllt diese Kulisse weiter mit Leben. Das recht komplizierte politische Geflecht wird aufgegliedert, ebenso die Bedingungen des Wirtschaftslebens, Rechtsprechung und Vollstreckung, aber auch die Wasserversorgung, die Stadtverteidigung und der Jahresablauf in der Metropole. Da die Stadt durch ihre Macht- und Interessengruppen lebendig wird, nimmt deren Vorstellung einen großen Teil des Bandes ein. Sowohl Handwerksgilden als auch belebte Wasserspeier-Statuen, die Garde oder große Kirchen erscheinen in einem Schema, das unter anderem Mitglieder verschiedener Einflussgrade, Möglichkeiten des Zugangs und Belohnungen umfasst, die hilfreiche Spielerhelden von der jeweiligen Gruppe erwarten können.

Der Abenteuerband umfasst neben vier kurz skizzierten Abenteuervorschlägen vor allem die längere Kampagne "Gassenhelden", die ganz Gareth ordentlich durcheinander wirbelt. Dabei geht es um groß angelegte Beeinflussung der Bürger, die schließlich auf ein diktatorisches Herrschaftsmodell hinauslaufen soll. Die vier Stadtausgaben des "Aventurischen Botens" dienen vor allem dazu, die Handlung dieser Kampagne zu illustrieren.

Bewertung: Gareth - Kaiserstadt des Mittelreichs stellt die größte aventurische Metropole atmosphärisch dicht vor. Eigentliche Ingame-Texte beschränken sich auf kurze Zitate und die Boten-Ausgaben. Dennoch lässt auch die reine Outgame-Hintergrundvorstellung das Stadtgeschehen sehr lebendig werden. Immer wieder finden sich überraschende und liebevoll komponierte Details, insbesondere in den "Geheimnis"-Abschnitten vieler Ortsbeschreibungen. Aufgrund der Materialmenge fühlt man sich gelegentlich etwas erschlagen, aber die Box ist auch nicht als Schmökerwerk gedacht. Wer als Spielleiter seine Heldengruppe nach Gareth führen will, sollte sich die allgemeine Stadtdarstellung genau durchlesen und sich ansonsten auf die Orts- und Personenabschnitte beschränken, die vermutlich relevant werden.

Auffällig ist die starke Ausrichtung auf diebische und kriminelle Inhalte. Besonders schön zieht sich die Bedeutung Phexens, des aventurischen Diebesgotts, durch den gesamten Band. Bezeichnenderweise hat Phex, ebenso wie Praios, der Gott von Recht und Herrschaft, ein besonderes Interesse an Gareth. Dieses "graue" Prinzip wird hier und da jedoch ein wenig überstrapaziert. Warum beispielsweise die wenig aussagekräftigen Diebeszinken eigens bei den Ortsbeschreibungen aufgeführt werden, erschließt sich kaum. Sie wären nicht schwer zu improvisieren, falls ein Spieler einmal danach fragen sollte.

Außerdem wirken die Stadt und ihre Bürokratie erstaunlich funktionstüchtig, wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt, der für die Box als Gegenwart angenommen wird, ein vernichtender dämonischer Angriff gerade ein paar Jahre zurückliegt. Noch dazu hat Gareth den Status als Hauptstadt und damit einen Großteil der kaiserlichen Behörden sowie den Hof als erhebliche Nachfrage-Faktoren für die Wirtschaft verloren. Ein wenig mehr Krisenstimmung könnte man da eigentlich schon erwarten. Auch der böse Kult des Namenlosen, der sich neben Phex und Praios besonders um die Stadt kümmert, wirkt erstaunlich wenig präsent.

Auch die immer wieder eingestreuten Würfeltabellen und Regelkästen hinterlassen ein zwiespältiges Gefühl. Es mag ja ganz amüsant sein, wenn man die ausgefallenen Gerichte im Nobelhotel "Seelander" auswürfeln kann. Aber muss im ohnehin regelüberfrachteten DSA unbedingt ein neues anderthalbseitiges Regelwerk für den "Häuserlauf" über die städtischen Dachfirste eingefügt werden? Müssen auch Gerichtsverfahren neue Regelmechanismen und "Beweispunkte" bekommen? Bei diesen und einigen ähnlichen Beispielen haben die Autoren deutlich übertrieben.

Wenig überzeugend ist leider auch die Abenteuerkampagne "Gassenhelden" geraten. Da zieht ein Mörder und Giftmischer Schneisen der Vernichtung durch die Stadt, bringt Gesetz und Unterwelt zugleich gegen sich auf, löst schließlich sogar Revolten in der wichtigsten Stadt des Kontinents aus. Aber sämtliche Geschädigte verfolgen die Angelegenheit so lustlos, dass die Heldengruppe die einzige Rettung bleibt: Das wirkt schon reichlich weit hergeholt. Absurditäten wie eine mit tödlicher Wirkung detonierende Torte oder an Tatorten "zufällig" verlorene exklusive Gewand-Accessoires machen es nicht viel besser.

Fazit: Gareth - Kaiserstadt des Mittelreichs macht Lust darauf, in die größte Metropole Aventuriens einzutauchen und dort Abenteuer zu erleben. Wer die Box nutzen will, sollte nur ein wenig Acht geben, dass er sich nicht in den vielen interessanten Details verliert. Ob die angebotenen Regel-Gimmicks das Spiel bereichern, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ebenso kann man daran zweifeln, ob das relativ strahlende Bild der Stadt so zu ihrer jüngsten Geschichte passt. Diese Bedenken und die misslungene Abenteuerkampagne ändern aber nichts daran, dass hier eine hervorragende, lebendige Stadtbeschreibung entstanden ist.

Anmerkung: Dieser Rezension liegt die E-Book-Ausgabe in Form von pdf-Dateien zu Grunde.




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