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Rotkäppchens Rache
Von Philipp Kiefner

Rezension erschienen: 25.12.2011, Serie: Belletristik, Autor(en): Jim C. Hines, Verlag: Bastei-Lübbe GmbH & Co.KG, Seiten: 430, Erschienen: 2011, Preis: 8,99 Eur


"Großmutter, warum hast du so große Zähne…?"

Es war einmal… Mit diesen Worten beginnen alle guten Märchen, so ist es seit jeher Brauch und Sitte. Doch was wäre, wenn sich hinter den weltbekannten Erzählungen wie Dornröschen, Aschenputtel oder Rotkäppchen noch eine zweite, düsterere Geschichte verbirgt, die von den Menschen zu glücklich endenden Märchen verklärt wurde? Ja, was wäre wenn?

Der Roman Rotkäppchens Rache nimmt diese faszinierende Idee auf und umrahmt die Märchenerzählungen mit dem Korsett einer grausamen Fantasywelt. So generiert sich Rumpelstilzchen als pädophiler Kindsentführer und auch Rotkäppchens bekannter, farbenfroher Mantel zeigt sich reichlich absonderlich.
Der Autor Jim Hines setzt mit diesem, dritten Band seine märchenhafte Reihe über die Action-Heldinnen Schnee, Aschenputtel und Dornröschen fort. Dabei überschlagen sich in der Handlung die Ereignisse, mit immer wiederkehrenden Ein- und Rückblicke in die "echte" Lebensgeschichte der berühmten Figuren. Eingewoben ist das Ganze in eine mehr oder minder subtile Verschwörungsgeschichte, gepaart mit dem Kampf um die Herrschaft im Land. Hauptfigur ist jedoch, entgegen des Titels und des Klappentextes, nicht Rotkäppchen, sondern Dornröschen, deren leidvolle Geschichte ihre Rolle als mürrische, egozentrische und durchsetzungsstarken Kämpferin erklärt. Sie steht in scheinbarer Opposition zur Figur des Rotkäppchens, eine gewissenlose Mietmeuchlerin. Doch nach und nach zeigt sich, dass die beiden Frauen mehr verbindet als trennt. Ob nun als Freund, Feind oder Schicksalsgefährte wider Willen, das wird diese Geschichte erweisen.

Trotz der tollen Ideen und klug erdachten Geschichten der Märchenfiguren überzeugt das Buch nicht ganz. Das mag einerseits an der etwas flachen Charakterdarstellung liegen, sicher jedoch auch an der gehetzt wirkenden Handlungslinie, in die der Autor etwas zuviel packt und dadurch zu wenig Platz für den emotionalen Einbezug des Lesers lässt. Andererseits werden Längen in Kauf genommen und uninteressant Nebenlinien ausgebaut.
Insgesamt wirkt die Welt nicht wirklich stringent und unentschlossen angegangen, was sich besonders in der Figur des Rotkäppchens widerspiegelt. Als grausamer, kaltblütiger Killer losgesprungen und als fader Kuschel-Wolf gelandet. Nach anfänglichen Stärken verflachen die Hauptakteure zusehends und insbesondere die neu ins Geschehen findenden Figuren erweisen sich als steril, flach und wenig überzeugend. Das Ganze liest sich dann etwas zäh, was sicher auch daran liegt, dass trotz aller scheinbarer Grausamkeiten, Morde, Folter und Widrigkeiten, es sich um eine Geschichte voller Gutmenschen handelt, möglicherweise in dem Versuch eine möglichst breite Zielgruppe zu bedienen.
Überflüssig, mitunter sogar lästig, ist das Motiv der enttäuschten Liebe unter Frauen, welches man getrost in der Schublade hätte verschwinden lassen können. Das nervige Hin und Her gibt weder den Charakteren den fehlenden Tiefgang zurück, noch erfolgt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Ganze wirkt beinahe ebenso deplaziert wie das Titelbild, welches weniger mit den Figuren des Buches zu tun hat, als vielmehr mit dem Aspekt, dass junge, leicht bekleidete Mädchen sich bestens vermarkten lassen.

Fazit:
Rotkäppchens Rache ist ein Buch mit einer tollen, faszinierenden Grundidee, das letztlich über handwerkliche Mängel und eine inkohärente Darstellung stolpert. So kommt das Buch in seiner Bewertung nicht über ein "gut" hinaus. Wer jedoch eine neue Facette der Märchenerzählung kennen lernen will, sollte auf jeden Fall zumindest reinlesen




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