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Die Chroniken der Engel - Grundregelwerk
Von Marcel Gehlen

Rezension erschienen: 10.09.2002, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Oliver Graute, Oliver Hoffmann, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 271, Erschienen: 2002, Preis: 37,95 Euro


Neben der DSA4 - Box war das uns vorliegende Grundregelwerk "Die Chroniken der Engel" der Verkaufsschlager auf der SPIEL 2001 in Essen. Selbst der Entwickler, Oliver Graute, hatte nicht mit diesem Erfolg gerechnet.
Von außen wirkt das kaum geschmückte Grundregelwerk sehr schlicht und dabei gleichzeitig durch den matten Glanz der bronzenen Grundfarbe, sowie die eigene, sakral anmutende Schrifttype sehr edel. Es erscheint beinahe wie eines der alten Bücher aus der Kirchenbibliothek, wodurch die Grundstimmung des Spieles zum einen gut eingefangen wird und wodurch der Leser dieses Grundregelwerk zum anderen mit einer gewissen Ehrfurcht durchblättert. Insgesamt hat das Buch eine Ausstrahlung als ob es ein wenig mehr wäre als nur ein Rollenspiel…
Auch das innere Layout ist durchaus beeindruckend. Die konsequente Nutzung der eigens für "Die Chroniken der Engel" erstellten Schrifttype schafft schon beim Lesen des Buches eine besondere Atmosphäre und die Zeichnungen sind allesamt auf sehr hohem Niveau. Es sollte noch erwähnt werden, dass ein recht eigentümlicher Zeichenstil verwendet wird, der etwas "kantiger" wirkt als man es gewohnt ist, der jedoch durchaus zu gefallen weiß und dem Spiel eine ganz eigene, unverwechselbare Note verleiht.
Zum Spiel selbst:
"Die Chroniken der Engel" werden im Jahre 2654 geschrieben und die Welt ist eine ganz andere als die, in der wir heute leben. Eine merkwürdige Krankheit, "Veitstanz" genannt, hatte Europa mehrmals heimgesucht und alle Erwachsenen getötet. Es war also an den Kindern, eine neue Zivilisation zu errichten. Jedoch hatte der ungeheure Aderlass an Wissen, der mit dem jeweiligen Sterben der Erwachsenen einherging, erhebliche Folgen. Die Zivilisation, welche von den plötzlich in die Verantwortung genommenen Kindern errichtet wurde, hatte daher mehr das Niveau des Mittelalters als das unserer heutigen Demokratie. Hierfür wird auch der äußerst treffende Begriff des "Neo-Mittelalters" angewandt. Die große Macht in diesem neuen Zeitalter hat die angelitische Kirche inne, die sich mit dem Erscheinen der Engel gegen einige andere Machtgruppen durchsetzte.
Jedoch wurde Europa neben den zivilisatorischen Umwälzungen noch von weiteren Katastrophen heimgesucht. Hier wären insbesondere die sogenannten "Fegefeuer" zu erwähnen, riesige Feuersäulen, die sich unaufhaltsam durch das Land schieben. Hierbei hinterlassen sie das gefährliche Brandland, aus dem sich die widerliche Traumsaat, die Armee des "Herrn der Fliegen", erhebt und die Menschheit bedroht.
Dies sind die groben Rahmenbedingungen der Spielwelt, in welcher die Spieler die Rolle der Engel übernehmen. Deren vornehmlichste Aufgabe ist die Bekämpfung der dämonischen Traumsaat, jedoch rücken sie auch aus, um andere Feinde der Kirche den gerechten Zorn Gottes spüren zu lassen.
Die Spielwelt ist vorbildhaft beschrieben. Die Geschichte bis zum Spielzeitpunkt wird einem durch die Erzählung eines Monachen, eines Mönches, nahe gebracht. Dessen teilweise stark von der Propaganda der angelitischen Kirche geprägten Ausführungen werden allerdings durch die Anmerkungen eines Kritikers immer wieder etwas in Zweifel gezogen.
In der Folge wird aufgezeigt wie sich das katastrophengebeutelte Europa im Jahre 2654 verändert hat. Die Fegefeuer sowie eine große Sintflut haben deutliche Spuren hinterlassen, daher hat sich die Landmasse erheblich verringert. Köln ist beinahe eine Küstenstadt und das Klima hat sich ebenfalls drastisch verschoben. In Zentraleuropa herrscht nun ein subtropisches Klima, während sich in der Nähe der Fegefeuer weite Steppen- und Wüstenlandschaften erstrecken.
Abgeschlossen wird die Beschreibung der Spielwelt durch die Darstellung der angelitischen Kirche, Diese weist zwar viele Gemeinsamkeiten mit unserer heutigen katholischen Kirche auf, jedoch gibt es auch eine Reihe erheblicher Unterschiede. So zählt Jesus Christus nur als ein Prophet unter vielen, dafür beruht ein Großteil des Machtanspruchs der Angelitischen Kirche darauf, dass ihr die Engel zur Seite stehen.
Insgesamt ist die Beschreibung der Spielwelt sehr gut gelungen und die Welt selber bietet gute Vorraussetzungen um spannende Geschichten zu erzählen. Die Spieler übernehmen hierin die denkbar undankbarste Rolle, die einer Engelschar.
Eine Schar besteht aus 5 Engeln, die den 5 Engelsorden zugeordnet sind: Der Orden der Michaeliten, der Orden der Gabrieliten, der Orden der Ramieliten, der Orden der Raphaeliten und der Orden der Urieliten. Jeder von ihnen nimmt in der Schar eine bestimmte Position ein, so ist zum Beispiel der Michaelit der Anführer und Taktiker, während der Gabrielit den Krieger der Gruppe darstellt. Somit bildet eine Engelschar im Endeffekt eine Art himmlisches Sondereinsatzkommando.
Allerdings liegt den Engeln eine gewisse Tragik zugrunde, die, einmal ans Tageslicht gebracht, einen nicht mehr zu überbietenden Wendepunkt im Verlauf einer Chronik darstellt. Hierdurch kann es für die Spieler durchaus langweilig werden, in Zukunft einen Engel zu spielen. Diesen Kritikpunkt muss sich die Spielwelt gefallen lassen, aber bis es zur Aufklärung der oben erwähnten Tragik kommt sind ohne Zweifel spannende und unterhaltsame Spielabende möglich.
Das wahrhaft ungewöhnliche an "Die Chroniken der Engel" dürfte für viele jedoch das Regelsystem sein. Eigens für dieses Spiel hat "Feder&Schwert" das Arkana-System entwickelt, das auf den ebenfalls eigenentwickelten Arkana-Karten beruht. Diese Karten erinnern entfernt an ein Tarotdeck, bei dem jede Karte ein bestimmtes Motiv zeigt mit zwei damit verbundenen Bedeutungen. Welche dieser beiden gültig ist hängt davon ab, in welcher Richtung die Karte aufgedeckt wird. So hat zum Beispiel die Karte "die Kirche" die Bedeutungen "Nachsicht" und "Strenge". Die Bedeutung der gezogenen Karten soll dann, ähnlich einer Reizwortgeschichte, in die Erzählung eingewoben werden. Erfreulicherweise lässt sich feststellen, dass es nur sehr selten passiert, dass eine Karte und das Ereignis nicht zusammenpassen, da jede Karte noch mehrere Nebenbedeutungen besitzt. Auch diese werden im Buch erläutert und eine von ihnen lässt sich fast immer einbinden. Das Arkana-System weiß durchaus zu gefallen und gehört bestimmt zu den originellsten Entwicklungen der letzten Jahre. Die Deutung der Karten und Einbindung ihrer Bedeutungen bietet eine sehr interessante rollenspielerische Herausforderung, da sie das pure Erzählen fördern.
Als "Alternative Regeln" werden die D20-Regeln nach der Open Gaming Licence (OGL) von Wizards of the Coast angeboten. Es handelt sich hierbei um ein auf einem zwanzigseitigen Würfel (W20) basierendes System, das ursprünglich für "Dungeons & Dragons" entwickelt wurde, mittlerweile aber als eine Art Universalsystem fungiert. Im Rahmen dieses Systems werden die Eigenschaften und Fähigkeiten eines Charakters durch Zahlenwerte festgelegt, auf die dann mittels des W20 Proben gewürfelt werden. Aufgrund der Vielzahl von Verweisen auf die Basisbände des D20-Systems fällt dieses Kapitel gegenüber dem Rest des Regelwerkes leider ein wenig ab.
Fazit:
Ich kann "Die Chroniken der Engel" eigentlich nur jedem ans Herz legen. Es handelt sich hierbei um ein wunderschönes System, das zwar ein paar kleiner Schönheitsfehler hat, die einem jedoch nicht wirklich den Spaß verderben können. Sie verhindern lediglich die Wertung "sehr gut", daher sei hiermit eine uneingeschränkte Kaufempfehlung ausgesprochen.




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