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Wien: Dekadenz & Verfall
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 25.07.2011, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Jan Christoph Steines, Peer Kröger, Ralf Sandfuchs, Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 240, Erschienen: 2010, Preis: 34,95 EUR


Wien, die Stadt des ewigen Walzers, Zentrum der europäischen Cafékultur, morbide Metropole des K.u.K.-Staates mit seiner beeindruckenden Architektur, seinen Schlössern, Brunnen, Parkanlagen und Katakomben (pfeift da etwa schon jemand die Melodie vom "Dritten Mann"?) ... wenn es eine Stadt auf dem europäischen Kontinent gibt, in der man Schoggothen in der Kanalisation oder einen Mi-Go in den zerklüfteten Gneisfelsen des Wachautals am ehesten vermutet, dann ist es Wien. Dekadenz & Verfall verspricht das von Pegasus Press herausgebrachte Cthulhu-Quellenbuch zu der Donaustadt, die das Wien der 1920er Jahren gewissenhaft einfängt und mit cthuloidem Schrecken zu füllen versucht. Ob das gut geht?

Die Städtebücher von Cthulhu folgen ja meist einem ähnlichen Schema: Eine Mischung aus historischem Atlas, Stadtbeschreibung und den Eigenheit bzw. dem Lebensgefühl in der Stadt soll dem Spielleiter schmackhaft gemacht werden. Auch Wien: Dekadenz & Verfall hält sich daran. Auf knapp 60 Seiten wird Wien in die Zwanziger Jahre eingebettet, in Form eines kleinen Stadtrundgangs, der zum Glück nicht zu ausufernd ausgefallen ist, eines Exkurses zur Historie und zur Donauschifffahrt, und - für Cthulhu-Spieler besonders interessant - einer Schilderung unheimlicher Orte in und um Wien: Friedhöfe, Kaisergrüfte und Elendsquartiere.
Es folgt ein Kapitel mit allgemeinen, eher praktischen Tipps zum Leben in Wien ("Wiener Aspekte"), ein weiteres zu möglichen Spielercharakteren (vielleicht mag man einen waschechten Strizzi - also Kleingauner - verkörpern, einen knarzigen Wiener Hausmeister oder einen Wurstelstandler?) - und schließlich eine umfassende Darstellung Wiener Kriminalfälle, unheimlicher Sagen und Anknüpfungen an den Mythos. Vor allem die in Wien starke Theosophie gibt einen schönen Hintergrund für Mythosumtriebe ab, und mit der Gräfin Seeau und ihrem "Kult der Schwestern der Skadi", der sich in einer alten Villa versammelte, liefert das Buch auch gleich eine hübsche Antagonistin. Und natürlich dürfen auch Ghoule nicht in einer Stadt fehlen, die eine so liebevolle Begräbniskultur pflegt.

Das letzte Drittel des Buchs nehmen schließlich zwei Abenteuer in Wien ein. In "Der Vogelmann" (Autor: Peer Kröger) ermitteln die Charaktere in einer grausamen Mordserie, geraten mit Ghoulen aneinander und lassen sich von Dr. Sigmund Freud Schützenhilfe leisten. Leider etwas linear aufgebaut, auch wenn Kröger beim Finale die Zügel etwas lockert und ein paar gute Ideen zur Verfügung stellt. Auch die überbordende Anzahl an Handouts könnte eventuell abschrecken.
Mehr überzeugt da der "Blutwalzer" (Autor: Ralf Sandfuchs), in der die Spieler in einen verborgen Kampf zwischen der katholischen Kirche und einer alten Rasse von Schlangenmenschen hineingezogen werden - wobei ein wahnwitziger Geiger eine zentrale Rolle spielt. Ausgiebige Detektivarbeit, ein Finale mit mehreren Enden und der abgefahrene Hintergrund versprechen einen vergnüglichen Spieleabend.

Übrigens enthält auch Wien: Dekadenz & Verfall eine sehr hübsche historische Stadtkarte, die in einer Lasche im Einband steckt. Grafisch ist der Band wieder einmal top, mit vielen alten Fotos aus den 1920er Jahren illustriert, mehreren Karten und Darstellungen schräger Persönlichkeiten aus Wien, die samt ihrer Spielwerte zum Einsatz am Spieltisch bereit stehen.

Fazit: In gewohnt guter Qualität eröffnet Pegasus Press das morbide Wien für Cthulhu-Spieler, auch wenn die Messlatte nach dem tollen Arkham-Band wieder gekratzt wird. Wer aber in Wien oder generell in Österreich spielen will, wird hier sehr viele Anregungen und Quellenmaterialien finden und den Kauf sicher nicht bereuen.




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