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Deutschland in den Schatten 2
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 04.06.2002, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Frank Werschke (Hrg.), Verlag: Fantasy Productions GmbH, Seiten: 344, Erschienen: Erkrath 2001, Preis: 35 Eur


Mit dem neuen Deutschland-Quellenbuch hat sich FanPro ein hohes Ziel gesetzt, nämlich eine vollständige Beschreibung der ADL (Allianz deutscher Länder) im Jahr 2062 zu liefern. Auf diese Weise sollen die inzwischen vergriffenen Deutschland-Quellenbücher einer Frischzellenkur unterzogen werden, in der auch die neusten Ereignisse des Shadowrun-Universums („Jahr des Kometen“) Einzug halten.

Schon der Umfang des neuen Buches läßt erkennen, welch hohe Ambitionen die Autoren haben: fast 350 Seiten stark, ein wahrer Klotz, der auch preislich alle Dimensionen sprengt. Bereits an dieser Stelle wird man als potentieller Käufer mißtrauisch. Wozu, fragt man sich, benötigen die Autoren derart viele Seiten, wo doch das alte „Deutschland in den Schatten“ (DIS-1) mit gerade mal 200 Seiten auskam?

Überhaupt muß sich das neue Buch zwangsläufig an seinem hervorragenden Vorgänger messen lassen. DIS-1 war ein Höhepunkt der deutschen Rollenspielgeschichte, ein skurilles Meisterwerk, das kongenial das damals noch recht junge „Shadowrun“-Universum auf deutsche Verhältnisse umschrieb, und dies mit einem Ideenreichtum, der seinesgleichen suchte. Damals wehte ein Hauch von Anarchie durch die ADL. Mit ironischer Distanz wurde das Bild eines futuristischen Deutschlands gezeichnet, in dem politisches Chaos, ungehemmte Konzernraffgier und neoheidnische Tendenzen zu einem tatsächlich ungewöhnlichen Szenario verschmolzen, gespickt mit Verweisen auf die deutsche Geschichte: Weimarer Republik goes Cyberpunk, so die Devise.

Das neue Quellenbuch hingegen entpuppt sich als recht biederer Lesestoff. Allein optisch ist DIS-2 ein Rückschritt gegenüber seinem Vorgänger, der damals mit Farbtafeln, Werbeanzeigen und Stadtplänen glänzte. DIS-2 hingegen verfügt zwar über ein sehr ansprechendes Cover, doch innerhalb der Buchdeckel findet sich eine erschreckend eintönige Bleiwüste – keine Spur von dem ungewöhnlichen Layout des alten Buches. Die vorhandenen Illustrationen sind zwar allesamt von hohem Niveau, doch ausgesprochen rar gesät. Auffallend ist zudem, daß DIS-2 (abgesehen von einer ADL-Landkarte) keine Pläne enthält; nicht, daß die alten Stadpläne so wahnsinnig toll gewesen wären, aber ihr Fehlen fügt sich leider in den Gesamteindruck des Buches ein.

Inhaltlich verfolgt DIS-2 einen anderen Ansatz als sein Vorgänger, der nur einzelne besonders schräge Schauplätze der ADL beleuchtete. DIS-2 hingegen behandelt sämtliche deutsche Regionen ausführlich in einem eigenen Kapitel. Endlich erfährt der Leser, wie die Mark Brandenburg, das Badische Land oder Hessen im Jahr 2062 aussieht (eine Information, die er bisher schmerzhaft vermißt hat). Die insgesamt 267 Seiten umfassende Schilderung der ADL versprüht dabei den Charme eines behäbigen Reiseführers: Man liest und liest, stößt gelegentlich auf einen interessanten Abschnitt, doch der überwiegende Teil des Materials ist erschreckend belanglos. Denn leider ist den Autoren nicht allzu viel eingefallen, um den unterschiedlichen Landstrichen eine eigene Atmosphäre zu verleihen und sie potentiellen Shadowrunnern schmackhaft zu machen. Wo man auch hinsieht, überall bietet sich das gleiche Bild: Ein paar magisch umgedeutete lokale Mythen, haufenweise Drachen, militärische Sperrgebiete, neuentdeckte Orichalkum-Minen (gähn!) und die ewiggleiche Allmacht der Konzerne. Auf architektonische und landschaftliche Besonderheiten wird selten eingegangen, das Nacht- und Vergnügungsleben wird lieblos abgehandelt, Subkulturen mit wenigen Sätzen skizziert. Hinzu kommt, daß sich auch der sogenannte Schattentalk (Online-Kommentare der lokal ansässigen Shadowrunner-Gemeinde) deutlich blasser ausnimmt als in DIS-1. Die damals noch zynisch oder kryptisch daherplappernden Runner haben offenbar Kreide gefressen. So werden in DIS-2 Kochrezepte ausgetauscht, ermüdende Privatfehden ausgetragen und viel belangloses Zeug geredet. Man ist eben auch in den Schatten älter geworden.

Überhaupt wirkt das Deutschland des Jahres 2062 erheblich braver, als dies 2053 (DIS-1) der Fall war. Vermutlich haben die Autoren Angst vor der eigenen Courage bekommen und einzelne Regionen inhaltlich entschärft. Westfalen etwa, das Herz der fundamentalisch gesinnten Deutschkatholischen Kirche, zeigt christliche Toleranz gegenüber den mutierten SURGE-Opfern. Das chaotische Konzil von Marienbad hat sich zu einer halbwegs gesitteten Diktatur unter Führung eines Drachen gewandelt. Und in dem einst anarchistischen Großprojekt Berlin herrscht wieder Ruhe und Ordnung. Berlin wird inzwischen von Megakonzernen beherrscht (wie originell!), und auf den Straßen herrschen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Also keine fackelbewehrten Orks mehr auf dem Brandenburger Tor oder kannibalistische Feste in der Deutschen Oper … sehr schade, wie ich finde, da sich Berlin damit nahtlos in die 0/8/15-Metropolen von Shadowrun einreiht.

Kommen wir zum zweiten Teil des Quellenbandes, der sich mit verschiedenen Aspekten des Lebens in den ADL beschäftigt. So werden Konzerne und Bundesbehören, Sicherheitsorgane und Policlubs, Geheimgesellschaften und Unterweltorganisationen aufgezählt. Auch den Themen medizinische Versorgung, Mode, Verkehr und alltägliches Leben wurden eigene Kapitel spendiert. Leider bleiben all diese Artikel sehr an der Oberfläche, und man denkt wehmütig an das Quellenbuch „Walzer, Punks & Schwarzes Eis“ zurück, in dem sehr viel ausführlicher auf Aspekte des alltäglichen Lebens eingegangen wurde. Andere wichtige Themen wurden gänzlich unterschlagen: zur Matrix in den ADL erfährt man ebensowenig wie über politische Parteien, erwachte Wesen oder typische Connections. Es gibt weder eine Ausrüstungssektion noch werden deutsche Archetypen vorgestellt. Enttäuscht klappt man das Quellenbuch schließlich nach 344 Seiten zu.

Das Urteil kann nur negativ ausfallen. „Deutschland in den Schatten 2“ besteht zu einem überwiegenden Teil aus Belanglosigkeiten, leerem Geschwätz und uninspirierten Regionalschilderungen. Auf neue Ideen hofft man vergebens, und das vorhandene Material des Vorgängers wurde eher verschlimmbessert. So kann DIS-2 weder optisch noch inhaltlich mit vergleichbaren Rollenspielprodukten mithalten. Zwar wird kein deutscher Shadowrun-Spieler um dieses teure Update der ADL herumkommen, doch es bleibt zu hoffen, daß die Autoren bei kommenden Produkten mit größerer Kreativität ans Werk gehen, damit das SR-Universum nicht irgendwann in sich erstarrt.




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