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Mythologie und phantastische Literatur
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 19.09.2009, Serie: Belletristik, Autor(en): Friedhelm Schneidewind, Verlag: Oldib Verlag, Seiten: 180, Erschienen: 2008, Preis: 14,95 €


Der anhaltende Erfolg der phantastischen Genreliteratur stößt noch immer Feuilletonisten, Literaturwissenschaftler und Buchhändler vor den Kopf. Woher kommt sie nur, diese neue (oder vielmehr anhaltende) Faszination am Phantastischen und Anderen, an märchenhaften Welten, archaischen Stoffen, Helden und Ungeheuern? Philosophische und psychologische Erklärungen sind schnell an der Hand. Doch nicht minder spannend ist der Blick auf die Motive der unzähligen Fantasy- und Vampirromane, Weltraumopern und Horrorelegien, die heute so große Erfolge feiern.

Friedhelm Schneidewind wagt in seinem schmalen Band Mythologie und phantastische Literatur den Rundumschlag. Er zeigt auf, welche alten Wurzeln die zeitgenössische phantastische Literatur nähren, aus welchen altbekannten Quellen sie schöpfen. Es sind die der Mythologie; der assyrischen und babylonischen, der keltischen, griechischen und römischen, der biblischen, germanischen und hinduistischen – all dies in wilder Mixtur und Verschränkung. Ob Harry Potter oder Herr der Ringe, Der Da Vinci-Code oder American Gods – die Topoi und Motive älterer Mythen lassen sich überall finden, und sie tragen zu der Faszination und zum Erfolg jener Werke bei.
Was nach einer Binsenweisheit klingt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als undurchdringlicher Dschungel, den zu durchdringen schon die Masse der phantastischen Literatur schier unmöglich macht. Schneidewind macht seinem Namen alle Ehre und hat mit der Machete einen Pfad durch das Dickicht geschlagen – einen notgedrungen schmalen Pfad, diesen aber äußerst sauber. Er ordnet die gängigsten Motive und Symbole der phantastischen Literatur in sieben Hauptkategorien, von den Gestirnen über Anders- und Gegenwelten, von den Tier-, Misch- und Halbwesen über die Super-, Wer- und Halbmenschen, von den Schwertern und Kelchen bis zu den Pflanzen. Diese wiederum sind in feinere Unterkategorien aufgesplittet, in denen Schneidewind das jeweilige Motiv in der Mythologie einerseits, in der Literatur anderseits verfolgt. Dabei liegt sein Augenmerk lobenswerterweise nicht nur auf klassischen und kanonischen Werken. Auch aktuelle Erscheinungen hat er in seine Untersuchung miteinbezogen. Vor allem dies macht seine Zusammenstellung so wertvoll. Einen derart umfassenden Vergleich von Mythologien mit sowohl klassischen als auch modernen Werken der Phantastik findet man so schnell kein zweites Mal, und man kann nur erahnen, welch enormes Lesepensum der Autor bewältigt hat.
Bedingt durch den Umfang des Buchs kann Schneidewind auf die behandelten Motive jeweils nur kurz eingehen. Das ist an vielen Stellen sehr schade, da der Leser, so er eines der behandelten Werke nicht kennt, gerne erfahren hätte, wie das Motiv dort verwendet wird und welche Nuancen ihm der jeweilige Autor verleiht. Zwar wagt Schneidewind gelegentlich auch Kurzinterpretationen, doch insgesamt versteht sich sein Buch mehr als lexikalische Zusammenfügung, als Schnittstelle, an der die mythologischen Ströme der Literatur zusammenfließen (wobei das üppige Literaturverzeichnis und ein Register beim Nachschlagen gute Dienste leisten). Gleichzeitig heben Anordnung, Gewichtung, manchmal auch mutige Auslassung, das Buch deutlich von einem Lexikon ab. Es ist in gewisser Weise ein Hybride zwischen einem Mythologielexikon und einer Kurzabhandlung über die Motive der phantastischen Literatur. Das erhöht die Lesbarkeit ungemein, wozu auch der launige Schreibstil des Autors beiträgt. Es ist eben ein Buch zum Stöbern, Staunen und Entdecken. Und ist dies nicht das Schönste an der phantastischen Literatur?

Man kann nur hoffen, dass Friedhelm Schneidewind an diesem Thema dranbleibt und seine hier dargelegten Notizen zur Motiv- und Wirkungsgeschichte der phantastischen Literatur beharrlich erweitert. Der Pfad hinter ihm droht längst wieder zuzuwuchern. Irgendwann wird sich erneut jemand durch diesen Dschungel kämpfen müssen – und hält mit diesem Buch eine scharfe Schneide in der Hand.




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