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USA - Großmacht unterm Sternenbanner
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 27.12.2008, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Jan Christoph Steines (Hrsg.), Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 279, Erschienen: 2008, Preis: 34,95 Euro


Sechs Jahre ist es her, dass bei Pegasus der Quellenband "Amerika - in Städten und Wäldern" erschien. Der damalige Autor Wolfgang Schiemichen präsentierte eine wilde Mischung aus gut recherchierten Fakten, wilden Assoziationen und Abenteuerideen rund um Amerika in den 1920er Jahren. Für das Rollenspiel H.P.Lovecrafts Cthulhu war Schiemichens Werks zweifellos eines der wichtigsten Quellenbücher überhaupt, da das Heimatland Lovecrafts für die meisten Gruppen immer noch die bevorzugte Abenteuerkulisse ist (dicht gefolgt von Deutschland in den 1920er Jahren).
Aber das 2002 erschienene Buch ist freilich in die Jahre gekommen. Cthulhu hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, die Spieler sind anspruchsvoller geworden. Eine Neuauflage des Amerika-Bands war dringend nötig. Pegasus hat dabei reinen Tisch gemacht und ein völlig neues Buch konzipiert: "USA - Großmacht unterm Sternenbanner". Aus dem einstigen Softcover ist ein Hardcover geworden, mit einem düster-elegischem Cover aus der Feder von Manfred Escher und jeder Menge historischer Fotos. Und Schiemichens wildes, assoziatives Potpourri wurde ersetzt durch ein solides, strukturiertes Quellenbuch mit allen Fakten, die man als Cthulhu-Spieler im Jahre 2008 erwarten kann.
Im Schnelldurchlauf umreißt das Autorenteam um Jan Christoph Steines zunächst den Spielhintergrund des Quellenbands - die Vereinigten Staaten in den 1920er Jahren, angenehm knapp und knackig gehalten. Dann folgen kurze Kapitel zur Innen- und Außenpolitik der USA, um dann ein paar ausgewählte Städte des Zeitalters vorzustellen: Baltimore, Boston, Chicago, Detroit, Los Angeles, New Orleans, New York, Philadelphia, Providence, Washington und, wenn auch kürzer, eine Handvoll weitere. Die Intention dabei ist klar: All diese Städte eignen sich hervorragend als Standpunkt der Abenteurer, die sich in New Yorks staubigen Straßen oder Bostons verwunschenen Gassen auf die Spuren Cthulhus begeben wollen. Danach folgt ein längeres Kapitel zur Gesellschaft der USA in den 1920ern, wobei die Autoren besonderes Augenmerk auf jene Themen legen, die sich gut im Spiel einsetzen lassen: die Prohibition etwa, die Schund- und Heftromanszene, in der sich auch Lovecraft und Howard tummelten, Naturwissenschaft, Kino und Brodway. Diese Gewichtung ist deutlich besser gelungen als in früheren Publikationen und begeistert durch die Beschränkung auf das Wesentliche, ohne den Detailreichtum zu vernachlässigen. Gleiches gilt auch für das Kapitel "Leben in den Vereinigten Staaten", das sich etwa dem Verkehr und dem Bildungswesen der USA widmet. Ganz klar, hier werden vor allem alle möglichen Gefährte für reiselustige Cthulhuermittler vorgestellt, und jene Universitäten, Bibliotheken und Museen, in denen man nach Herzenslust recherchieren kann. Für die Journalisten folgt ein kleiner Abschnitt über Zeitungen (perfekte Arbeitgeber und Finanziers), für die harten Jungs ein Schusswaffenkatalog und Informationen über den Schwarzmarkt.
Dann folgt ein weiteres Filetstück der Buchs: das Kapitel "Mythen". Auch hier hat sich die Gewichtung in angenehmer Weise verschoben: Während die vorangegangenen Kapitel nach dem Motto "Weniger ist mehr" verfasst scheinen, gehen die Autoren hier ins Detail. Indianische Mythen und Monstren, unheimliche Orte, Hexenkulte und extraterrestrische Verschwörungen: eine Fundgrube für Spielleiter. Ganze 22 Seiten ist dieses Kapitel stark und die Stimmung beim Durchlesen steigt messbar.
Es folgt schließlich der wahre Clou dieses Quellenbuchs: ein ganzes Kapitel über Lovecraft Country. Endlich! Denn ausgerechnet über die Orte in Lovecrafts Geschichten schwiegen sich die bisherigen Publikationen von Pegasus aus. Arkham, Dunwich, Kingsport und ähnliche nette Plätze blieben nahezu unentdecktes Neuland. Über das literarische Werk Lovecrafts und einiger seiner Epigonen nähert sich das Quellenbuch dieser Region an und stellt die bedeutendsten Orte mit ihren obskuren Bewohnern und Gebäuden vor. Höhepunkt ist dabei ein kleiner Rundgang durch Arkham. Mit 15 Seiten leider immer noch recht knapp geraten, aber ein lang vermisstes Puzzleteil im deutschen "Cthulhu"-Rollenspiel, auf das viele Spiele gewartet haben.
Das letzte Kapitel widmet sich dann spielrelevanten Details und ist vor allem für Spieler sehr wertvoll, die etwa Detektive, Journalisten, Polizisten oder Gerichtsmediziner verkörpern wollen. Kurze Abschnitte vermitteln ihnen einiges über Handwerk und Arbeitsmethoden der jeweiligen Figuren. Abschließend werden einige markante Ratgeber vorgestellt, die im Abenteuer Informationen streuen oder einer Spielgruppe aus der einen oder anderen Patsche helfen können. Ein Index beschließt das Buch. Nur eine Liste mit weiterführenden Literaturhinweisen sucht man vergebens.
Nach der Lektüre muss man dem Team um Jan Christoph Steines Tribut zollen. "USA - Großmacht unterm Sternenbanner" übertrifft die Erwartungen um Meilen. Es kommt als modernes, gut strukturiertes Quellenbuch daher, das eine hervorragende Basis für eine Cthulhu-Runde im Amerika der 1920er legt. Vor allem beeindrucken die kluge Auswahl, die Beschränkung auf jene Fakten, die für das Rollenspiel relevant sind, der Verzicht auf Redundanzen. Die schon immer beeindruckende Detail- und Recherchetreue tut ihr Übriges - aber die ist man aus dem Hause Pegasus ja gewöhnt. Doch konzeptuell hat das Cthulhu-Team einen großen Schritt nach vorn gemacht und bringt frischen Wind in das Rollenspiel.
Das Schönste an der ganzen Sache ist übrigens, dass "USA - Großmacht unterm Sternenbanner" das alte Schiemichen-Buch keineswegs überflüssig macht, sondern ganz andere Schwerpunkte setzt. Glücklich ist der, der beide zuhause stehen hat. Ein rundum gelungener Jahresabschluss für H.P.Lovecrafts Cthulhu, der für die Publikationen im kommenden Jahr hohe Erwartungen weckt.




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