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In Labyrinthen - Dunkle Pfade im Osten
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 20.03.2002, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Wolfgang Schiemichen (Hrsg.), Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: , Erschienen: 2001, Preis: 112

Wer sich in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre auf Cthulhus Spuren begeben möchte, bekam vor kurzem mit dem Amerika-Quellenbuch von Pegasus eine hervorragende Materialsammlung zur Hand, liebevoll zusammengetragen und glänzend übersetzt. Der nun vorliegende Abenteuerband läßt erneut die seltsam vertraute und doch so fremde Welt der "Golden Twenties" wiederauferstehen. Vier klassische Szenarien amerikanischer Autoren wurden von Wolfgang Schiemichen und Hans-Cristian Vortisch übersetzt und überarbeitet; hinzu gesellt sich ein deutscher Beitrag, der sich wahrlich nicht hinter den amerikanischen Szenarien verstecken muß.
Sämtliche Abenteuer beruhen dabei auf literarischen oder filmischen Vorlagen. Der Auftakt des Bandes ("Das Nest") ist die Umsetzung einer alten Lovecraftgeschichte, in der rattenähnliche Kreaturen in einem geheimnisumwitterten Anwesen ihr Unwesen treiben - ein alles andere als originelles, aber sicher unterhaltsames Abenteuer. Verblüffend ist vor allem, wie der deutsche Herausgeber des Bandes das Abenteuer einleitet: "Das Szenario [...] war schon vor zwanzig Jahren ein mäßiges, wenig überzeugendes Abenteuer, und die Jahre haben ihm bestimmt nicht gut getan" (S. 4). Schiemichen betont, "daß es schlecht umgesetzt wurde und den Autoren schlichtweg mißglückt ist" (S.15). Erstaunlich, wie unverblümt hier ein Herausgeber das eigens übersetzte Abenteuer zerreißt! So schlecht ist das Szenario meiner Meinung übrigens gar nicht - guter Durchschnitt.
In der Tat sind die vier übrigen Abenteuer deutlich interessanter. "Der Fall" ist eine Umsetzung der Lovecraft-Geschichte "Der Fall Charles Dexter Ward". Die wichtigsten Szenen des Buches wurden ausgesprochen schön umgesetzt. Zu befürchten ist jedoch, daß die Romanvorlage unter Cthulhu-Spielern zu bekannt ist.
Originell ist der deutsche Beitrag "Das entsetzlich einsam gelegen Haus im Wald", in dem es die Spieler in eine Waldhütte fernab der Zivilisation verschlägt. Hier spukt eine unglaublich mächtige und finstere Wesenheit und muß gebannt werden. Filmfans werden bei der Schilderung der Hütte sofort an den legendären Zombie-Streifen "Evil Dead" (Tanz der Teufel) denken müssen, denn in der Tat ist das Abenteuer eine 1:1-Umsetzung dieses Films. Seltsam, daß der Autor nicht auf seine Vorlage hingewiesen hat.
"Autonarren" führt aus dem Wald zurück in die Stadt, genauer gesagt nach New York City. Die Spieler enträtseln nach und nach das düstere Geheimnis einer Dynastie begeisterter Rennfahrer. Dabei steht nicht das Überleben der Gruppe im Vordergrund, sondern die Tragik der geschilderten Ereignisse - ein schwierig zu leitendes, aber sehr interessantes Abenteuer.
Etwas konfus bietet sich dem Leser das abschließende Szenario "Der Gott im Labyrinth" dar, das auf einer (mir leider nicht bekannten) Geschichte von Ramsey Campbell beruht. Auch hier steht ein verlassenes Anwesen im Mittelpunkt; in den Kellern wartet die Brut des Großen Alten Eihort auf die neugierigen Spieler - ein klassisches, durchschnittliches Abenteuer.
Hervorragend ist die Aufmachung des Bandes. Der Herausgeber hat die Szenarien nicht nur übersetzt, sondern vielfach kommentiert und mit Hinweisen zur Umsetzung versehen. Zahlreiche Spielhilfen finden sich als Kopiervorlage im Anhang - Briefe, Mythostexte, Tagebuchnotizen (wenn auch leider nicht handschriftlich). Ihre Verwendung trägt zweifellos zur dichten Atmosphäre der Abenteuer bei, ebenso wie zahlreiche alte Fotografien und Illustrationen - ein dickes Lob an Pegasus! So bleibt denn auch der einzige Schwachpunkt des Buches das einleitende Kapitel über indianischen Schamanismus, das weder inhaltlich noch sprachlich von großem Wert ist. Offenbar hat es der Artikel nicht mehr ins Quellenbuch geschafft und wurde deshalb hier verwurstelt.
Doch auch dies kann den rundum positiven Eindruck des Abenteuerbandes nicht schmälern. Eine klare Kaufempfehlung an alle Cthulhu-Spieler und ein riesiges Lob an die Herausgeber, die bisher jeden Band der deutschen Cthulhu-Ausgabe mit großer Sorgfalt und großem Ideenreichtum gestaltet haben.




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