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Töne der Unendlichkeit
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 20.03.2002, Serie: Belletristik, Autor(en): Harry Assmann, Verlag: Fantasy Productions GmbH, Seiten: 432, Erschienen: 2001, Preis: 17,90 DM

Ein Roman aus der Musikbranche der allseits beliebten Shadowrun-Welt - das ist neu! Sogleich werden Erinnerungen an das legendäre, nie ins Deutsche übersetzte Quellenbuch "Shadowbeat" wach, in dem zum ersten Mal Aspekte der Populärkultur des Jahres 2053 erläutert wurden: Vercyberte Rocksänger, die Songs in der Matrix komponieren, ihre Gitarren per Datenbuchse bedienen und von intriganten Medienkonzernen hemmungslos ausgebeutet werden.
Diesen Geist versucht der neue SR-Roman von Harry Assmann zu atmen, ein löblicher Versuch. Leider erweist sich der "Background", nämlich die verruchte Hamburger Medienlandschaft, nur als Aufhänger für eine recht banale Geschichte: Das Runner-Team "Pik Dame" soll die blinde Popsängerin Eternity bewachen, da in jüngster Zeit einige Musikgrößen unter seltsamen Umständen ihr Leben lassen mußten. Wer (oder besser gesagt: was) hinter der Attentatsserie steckt, erfährt der Leser erst im letzten Kapitel. Bis dahin muß er sich durch Assmanns hanebüchene Geschichte quälen, in der zuviele uninteressante Handlungsträger zuviele uninteressante Abenteuer er- bzw. überleben. Da ist einmal Paul, einer der Runner des Teams Pik Dame, der sich - wer hätte es gedacht - in die blinde Sängerin verguckt; weiterhin ein Ex-Runner mit dem nervenzerfetzenden Namen Frank, dem Assmann immmerhin eine halbwegs interessante Hintergrundgeschichte verleiht. Hinzu gesellen sich ein etwas lustlos agierender Engländer namens Snooker sowie der Decker Snap. Die Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge ist ausgesprochen dürftig; das kann auch die fehlende Absatzhängung des Romans nichts ausgleichen, die mehrfach für Irritationen sorgt: Die Handlunggsstränge gehen oft mitten im Satz, ohne jede Kennzeichnung, ineinander über (siehe etwa S. 67, S. 69). Dies ist vermutlich eher die Schuld des Lektors als des Autors, ebenso die katastrophale Häufung von Rechtschreibfehlern und stilistischen Mängeln. Es stellt sich die Frage, ob das Buch überhaupt lektoriert wurde!
Eigentlich schade, denn daß Assmann schreiben kann, beweist er an einer Stelle am Anfang des Buches, in der Frank eine verlassene Rockbar aufsucht (S. 44 ff.). Einziger Gast: Der Besitzer, ein bärbeißiger Zwerg namens Edgar. Während sich vor der Kneipe autonome Punks eine wilde Straßenschlacht mit den Bullen liefern, köpfen Frank und Edgar eine Flasche selbstgebrauten Schnaps und ergötzen sich hinter der sicheren Panzerglas-Scheibe an der Schlägerei. Eine herrlich skurrile Szene! Doch solche Lichtblicke sind zu selten, um das Buch zu retten. Der Aufbau des Romans ist katastrophal, die Geschichte zu verworren, der Stil schwankt zwischen aufgesetzter Coolness (S. 25: "es (wäre) besser [...], mit den eigenen Hoden zu gurgeln, als die Hand an fremdes Eigentum zu legen") und unerträglichem Kitsch (S. 42: "Snookers Augen füllten sich mit Tränen, als er merkte, wie der unbarmherzige Engel des Todes über die Netzhaut der Frau glitt und ihren Blick endgültig trübte. Die Sanduhr der Frau konnte nicht noch einmal gewendet werden, ihr Glas war zersprungen und der lebensnotwendige Sand rann in einem versiegenden roten Strom seine Handflächen entlang.")
Ein verantwortungsvoller Lektor hätte vielleicht mit dem radikalen Herausstreichen einiger Handlungsstränge Herrn Assmann diese Blamage erspart. Bleibt zu hoffen, daß Fanpro die Autoren der Phönix-Buchreihe in Zukunft nicht mehr so im Regen stehen läßt.




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