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Fantasy. Einführung
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 14.05.2008, Serie: Belletristik, Autor(en): Frank Weinreich, Verlag: Oldib Verlag, Seiten: 164, Erschienen: 2007, Preis: 12,99


Der Aufwind, den Fantasyliteratur in den letzten Jahren erfahren hat, bläst inzwischen selbst der etablierten Literaturkritik ins Gesicht. Nur so kann man erklären, dass sich gestandene Literaturpäpstinnen wie Elke Heidenreich oder Sigrid Löffler zu dem Erfolg der Gattung äußern – natürlich verächtlich, wie zu erwarten. Aber ignorieren kann die Fantasy niemand, der sich mit Literatur befaßt.
Er wird allerdings rasch merken, wie dünn das theoretische Fundament ist, auf dem die Fantasy ruht: Literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Gattung sind eine Seltenheit, ihre Stellung innerhalb der Phantastik, ihre Subgenres, Traditionen, Tendenzen und Themen sind nahezu unerforscht. Auch im deutschen Sprachraum ist seit Helmut W. Peschs Untersuchung "Fantasy. Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung" (Diss. Köln
1981) wenig geschehen.

In diese Lücke drängt nun ein neues Werk: Frank Weinreich, von Hause aus Kommunikationswissenschaftler und Philosoph, legt in dem noch jungen Oldib Verlag eine Einführung zur Fantasy vor. Das Husarenstück kommt zur rechten Zeit, besteht doch seit den großen Tolkienverfilmungen, dem Erfolg der Harry-Potter-Reihe und einer Welle neuerer Fantasyromane zunehmend Klärungsbedarf, was Fantasy eigentlich genau ist, was seine Wurzeln, Motive und Ausformungen sind. 160 Seiten umfaßt Weinreichs Untersuchung; auf ihnen unternimmt er den Versuch, die weitgehend offenen Fragen zu beantworten. Weinreich argumentiert dabei selbstbewußt; da er - wie Pesch - erkennt, daß es eine allgemeine und anerkannte Definition der Fantasy nicht gibt, stellt er seine eigene auf. Zunächst lotet er die Ankerpunkte innerhalb der Phantastik aus, an denen sich die Fantasy als solche zu erkennen gibt: durch Helden, imaginäre Welten und Magie. Diese Charakteristika überführt er in zwei Definitionsmodelle, ein maximalistisches und ein minimalistisches. Ersteres stellt die Fantasy in den Kontext des Mythos, da in beiden "metaphysische Annahmen als Faktum" (Weinreich) beschrieben werden. Dieser Definition nach können nahezu alle Mythen als Fantasy gelten – der "Fluch der Karibik" stünde gleichberechtigt neben der Ilias, dem Nibelungenlied, dem Koran und der Bibel; eine durchaus gewagte These. Die moderne Fantasy sei, so Weinreich, in ihren Funktionen "dem Mythos gleich", ihre Stoffe seien "nicht geglaubte Mythen". An dieser Stelle lassen sich erste Einwände formulieren; es muß etwa die Frage erlaubt sein, ob und inwieweit Mythen überhaupt geglaubt und als wahr angesehen wurden. Gerade am antiken Mythos haben sich Literaturwissenschaft und Psychologie, Ethnologie und Ethologie, Linguistik und Semiotik hinreichend abgearbeitet, andere Deutungsmöglichkeiten aufgeworfen und die eindeutige Klassifizierung des Mythos als "geglaubte Wahrheit" in Frage gestellt. Das Bedürfnis nach metaphysischen Inhalten muß nicht zwangsläufig einem Bedürfnis nach Metaphysik entsprechen; ersteres kann letzteres auch ersetzen, imitieren oder für sinnstiftende und performative Zwecke nutzen. Auch aus der anderen Windrichtung ließe sich Weinreichs Definition angreifen; betrachtet man etwa die Szene der Hardcore-Liverollenspieler oder Reenactment-Gruppen, läßt sich moderne Fantasy nicht so leicht als "nicht geglaubter Mythos" abtun, ist für viele Menschen doch ihre Identität als Held, Elf oder Ork ebenso wirklich und wichtig wie ihre reale Existenz. Die Beziehung zwischen Mythos und Logos ist vielschichtiger, als Weinreich behauptet – sie stehen sich nicht "versus" gegenüber, sondern überlappen sich, spätestens seit der Dekonstruktion.
Weinreichs zweite, minimalistische Definition bezieht das Wesensmerkmal der Fiktion mit ein: das Übernatürliche eines Fantasystoffs ist nur wahr innerhalb der narrativ erfassten Welt, erhebt aber darüber hinaus keinen Wirklichkeitsanspruch. Hier bewegt sich Weinreich auf sicherem Eis, ermöglicht diese Einschränkung doch, die Fantasy als literarische Gattung zu erfassen und ihre Merkmale fern aller Fiktionalitätsdiffusion zu erkennen. Dennoch grenzt er sich von literaturtheoretischen Arbeiten eines Tsvetan Todorovs "Einführung in die phantastische Literatur" ab; sie könnten dem "Phänomen Fantasy und seiner Wirkung" nicht gerecht werden. Diese Auslassung ist freilich gewagt und stellt die einzige theoretische Schwäche der Untersuchung dar; allerdings rettet Weinreich auf diese Weise seine maximalistische Defitinion in die minimalistische hinein. Ob man seine Definition allerdings im Kontrast oder nicht vielmehr in Ergänzung zu literaturwissenschaftlichen Ansätzen sehen muß, sei dahingestellt.
Auf den obigen Vorarbeiten baut Weinreich auf, wenn er im vierten Kapitel die Entwicklung der Fantasy nachzeichnet. Er zeigt ihre Anfänge, nennt die wichtigsten Vertreter und Ausformungen während des 20. Jahrhunderts. Auch er sieht die Werke Tolkiens und Howards als Zäsur, durch die Fantasy als Gattung wahrgenommen werden kann; ihre Wurzeln allerdings verfolgt er weit durch die Literaturgeschichte zurück – ausgehend von den Abenteuererzählungen des 19. Jahrhunderts (Haggard, Burroughs, Rohmer) über die phantastischen Elemente der Romantik bis zu vorzeitlichen Epen um Gilgamesch und Aeneas. Sein Interesse gilt allerdings der "modernen Fantasy", etwa jener eines Clark Ashton Smith ("Zotique"), eines Robert E. Howards ("Conan") oder eines William Morris. Weinreich führt sie und viele andere Autoren auf, weist auf Strömungen hin, ohne sich auf vorschnelle Kategorisierungen festzulegen, und vergißt auch die außerliterarischen Medien nicht (Kino, Computerspiel, Rollenspiel). Erfreulicherweise setzt er die Geschichte der Fantasy auch bis in die Gegenwart fort und nennt die wichtigsten Schriftsteller der 1990er und 2000er Jahre. Trotz der formal bedingten Kürze ist diese Zusammenstellung sehr gelungen und kenntnisreich; selbst Vielleser stoßen auf die ein oder andere Anregung.

Das letzte Kapitel widmet Weinreich drei Einzelwerken, die er "hinsichtlich der Funktionen und Bedeutung" für vorbildliche Vertreter der Gattung hält: John R. R. Tolkiens "Herr der Ringe", Ursula K. LeGuins "Erdsee-Zyklus" und Dennis L. McKiernans "Mythgar-Zyklus". Allen drei Werken ringt er hochinteressante Deutungen ab; so begegnet er anhand von Tolkien dem beliebten Eskapismusvorwurf, der sich an die Fantasy richtet, deutet LeGuins Bücher als Bildungsromane und weist auf die philosophische Tiefe von McKiernans Werk hin – stets unter Rückgriff auf seine Vorarbeiten in den ersten Kapiteln. Weinreich zeigt so, welcher Reichtum an Themen, Gedanken und Motiven Fantasyromanen innewohnen kann, und dies mit spürbarem Wohlwollen für die ausgewählten Werke. Die drei Kurzinterpretationen runden das Buch nicht nur ab, sie begeistern auch durch Geschlossenheit und Prägnanz, ja, wecken Lust auf mehr. Wenn man nach der letzten Seite die Einführung zuklappt, wünscht man sich, daß diesem gelungenen, klugen Buch ein vertiefendes folgen möge, das weitere Werke, aktuelle wie klassische, in gleicher Weise behandelt. Denn zur Fantasy wäre auch nach dieser Einführung noch einiges zu sagen. Aber der Anfang ist gemacht.




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