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Waffenhandbuch
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 14.05.2008, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Hans-Christian Vortisch, Oliver Fedtke, Frank Heller, Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 297, Erschienen: 2008, Preis: 39,95 Euro


Ein Waffenhandbuch für Cthulhu? Zugegeben, die neuste Publikation des Pegasus-Verlags zum hauseigenen Lovecraft- Rollenspiel wird manchen Leser erstaunen. Welchen Sinn macht ein Arsenal von Waffen in einem Rollenspiel, bei dem die Hauptgegner außerirdische Götter und Monster sind, die gegen Kugeln, Klingen und Pfeile weitgehend immun sind? Braucht der gewöhnliche Cthulhu-Spieler ein Waffenbuch?

Die Antwort auf diese Frage hängt stark vom individuellen Spielstil ab. Denn in der Tat versteht sich das "Waffenhandbuch" nicht als schnöder Ausrüstungskatalog, in dem man nach der effektivsten Waffe für den Angriff auf die freundlichen Kultisten von nebenan stöbert. Dass aber die Pistole im Holster - wie auch die Kleidung, das Auto oder die Wohnung - zum persönlichen Stil einer Spielfigur gehört, sollte jedem einleuchten. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Rechtsanwalt mit einer kompakten Webley & Scott MP oder einer eleganten Ortgies-Selbstladepistole umherzieht oder ob ein britischer Lord mit seiner schicken Greener-Doppellaufflinte oder einer primitiven Tower-Donnerbüchse die Fasane im Garten niedermäht.

So richtet sich dieses Buch an jene Spieler, denen Authentizität ein hohes Gut ist. Auf knapp 300 Seiten bekommen sie reichhaltige Informationen über scharfkantige Wildmesser und blitzende Degen, protzige Revolver und wuchtige Flinten, schlanke Gewehre und wuchtige Geschütze. Der gewählte Ansatz dieses Arsenals der Tötungsmaschinen: Nicht die nackten Werte sollen im Vordergrund stehen, sondern die Geschichte und das "Feeling" der Waffen. Mit Hans-Christian Vortisch, der schon an zahlreichen GURPS-Publikationen zum Thema Waffen mitwirkte, hat der Verlag dabei einen hervorragenden Autor verpflichten können. Vortisch kann die Ergebnisse seiner Recherche präzise und schnörkellos präsentieren, und so erfährt der Leser in kurzen, aber wirkungsvollen Sätzen, in welcher Zeit welche Polizeieinheit eine bestimmte Pistole verwendet hat und welche Eigenarten sie aufweist. Auch schön: Jeder Waffe ist eine Art Steckbrief beigefügt, der neben den regeltechnischen Werten auch auf Länge, Gewicht, Kaliber, etc. eingeht.

Dass Waffen zudem ein exzellenter Aufhänger für ein Abenteuer sein können, beweist der zweite Autor des Bands, Oliver Fedtke. Fedtke hat für ausgewählte Waffen kleine Abenteueranregungen verfaßt, allesamt originell und für kreative Spielleiter eine wahre Fundgrube. Leider sind diese Abschnitte rar gesät, denn sie sind die Höhepunkte des Buchs. Natürlich finden sich auch weitere Einsprengsel: Kurzbiographien von Waffenkonstrukteuren und begnadeten Schützen, obligatorische Anmerkungen zu Waffenkauf und Waffenrecht sowie zu spielrelevanten Details wie der Ladehemmung (zum Beispiel mitten im Kampf gegen eine Handvoll Shogoten) oder dem Sperrfeuer. Frank Heller persönlich hat den Waffen des Mythos ein paar Seiten gewidmet (die man allerdings teilweise schon aus dem "Necronomicon"-Quellenbuch kennt), und ein kopierbarer historischer Waffenschein dürfte die Identifikation der Spieler mit "ihrer" Lieblingswaffe noch erhöhen.

Da das Buch zudem ausgesprochen schön illustriert ist (Frank Mersikat hat präzise und zugleich hübsche Skizzen von jeder Waffe beigesteuert), bleibt eigentlich kein Wunsch offen. Bedauerlich ist nur, daß Pegasus keine Tabelle mit allen Waffenwerten präsentiert - eigentlich ein Muss bei einem Waffenhandbuch. So muß sich der Spieler mit dem Index behelfen; für das schnelle Auffinden einer Waffe ist das natürlich keine optimale Lösung.

Bleibt die abschließende Frage: Braucht man's oder braucht man's nicht? Gerade für "Cthulhu", in dem Feuergefechte eine Ausnahme darstellen, ist ein Waffenhandbuch natürlich verzichtbar. Der Spieler wird nur wenige der hier aufgezählten Schießeisen jemals verwenden. Da der Ansatz aber originell und handwerklich perfekt umgesetzt ist, kann das Buch jedem empfohlen werden, für den eine Pistole eben nicht nur ein schmuckloser Eintrag auf dem Charakterblatt darstellt, sondern Ausdruck seines persönlichen Stils ist. Sicher, der Preis des Buchs ist stolz, sein Inhalt prätentiös. Wer sich aber trotz dieser Einwände für dieses schicke und sehr gut geschriebene Gimmick entscheidet, wird es bald nicht mehr missen wollen - und solange in ihm blättern, bis er die perfekte Waffe für seine Spielfigur entdeckt hat.




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