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Teatro Grotesco
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 27.10.2000, Serie: Belletristik, Autor(en): Thomas Ligotti, Verlag: BLITZ-Verlag GmbH, Seiten: n.b., Erschienen: 2000, Preis: 19,80 DM

Immer öfters liest man in Zeitschriften für phantastische Literatur den Namen Thomas Ligotti. Der amerikanische Horrorautor wird gern mit Lovecraft, teilweise gar mit Kafka verglichen, und die besagten Zeitschriften überschlagen sich mit hymnischen Lobgesängen auf diese literarische Entdeckung.
Nun hat der Blitz Verlag elf Kurzgeschichten Ligottis neu aufgelegt, damit auch der deutsche Leser sich mit dem Werk des Amerikaners vertraut machen kann. In der Tat ist der Stil Thomas Ligotti einzigartig; mit wenigen Sätzen vermag er es, eine unheimliche Situation zu umreißen und die Alpträume zu schildern, die seine Protagonisten durchleiden müssen. Denn Ligottis Welt ist voller Alpträume; sie lauern in alten, verlassenen Fabriken ("Der rote Turm"), an Tankstellen ("Die Tankstellen-Jahrmärkte") oder in heruntergekommenen Apotheken ("Die Clownmarionette"). Anders als Lovecraft benötigt Thomas Ligotti keine übernatürlichen oder kosmischen Elemente; der Alltag selbst ist es, unter dessen Oberfläche das Grauen wartet, um jederzeit hervorbrechen zu können. Dabei spielt Ligotti vor allem mit der Thematik des Wahnsinns; in nahezu jeder Geschichte bleibt unklar, ob die Schrecken, denen sich die Protagonisten ausgesetzt sehen, tatsächlich nur ein Produkt ihrer Geisteskrankheit sind.
Was die Geschichten zudem verbindet, ist eine seltsame Unsicherheit, ja, ein Mißtrauen gegenüber der Sprache. Immer wieder stoßen die Charaktere Ligottis auf dubiose Wörter, die stets mehrschichtige Bedeutung zu haben scheinen, hinter deren harmloser Fassade sich ein anderer, entsetzlicher Begriff verbirgt. Dies können die undefinierbaren "Produktneuheiten" einer unterirdischen Fabrik sein ("Der rote Turm)",die nicht beschreibbaren "Ausstellungsstücke" eines imaginären Museums ("Severini") oder die "Teatro-Sache", die auf ungute Weise mit dem mysteriösen "Teatro Grotesco" zusammenhängt ("Teatro Grotesco). Diese Worte rufen in Ligottis Protagonisten seltsame Unsicherheit und Alpträume hervor, und je länger sie nach der Bedeutung dieser Worte suchen, desto tiefer verstricken sie sich in den Schrecken, der hinter den Worten lauert. Es würde wohl zu weit gehen, hier eine Sprachkritik des Autors zu vermuten, doch die Geschichten beziehen einen Großteil ihrer unwirklichen, grotesken Stimmung aus diesen Wortspielen, diesem ständigen Infragestellen von Bedeutungen und hintergründigen Bezügen.
Ligotti hat für seine Alpträume ausnahmslos die literarische Form der Kurzgeschichte oder Kurznovelle gewählt; wenn man dem Vorwort glauben kann, hält Ligotti dies für die einzig angemessene Form von Horrorliteratur. Leider widerlegt sich Ligotti in seinen Geschichten selbst, denn es sind gerade die für eine Kurzgeschichte so wichtigen pointierten Enden, mit denen er ein Problem zu haben scheint. Seine Geschichten spitzen sich nur selten zu; das Grauen sickert nicht langsam in die Welt hinein, sondern ist bereits am Anfang der Erzählung vorhanden. Um so stärker fällt daher das Fehlen einer Pointe ins Gewicht. Die Geschichten verebben vielmehr und lassen den Leser irritiert zurück. Ich wage deshalb zu behaupten, daß Ligottis einzigartiger Stil und seine düsteren Visionen in der längeren Form besser aufgehoben wären.
Um auf die Vergleiche mit Lovecraft und Kafka zurückzukommen: Interessant ist, daß Ligottis Charaktere denen der beiden genannten Autoren sehr ähnlich sind - einsame, intellektuelle Einzelgänger, die sich als Spielball der Gesellschaft oder düsterer Mächte sehen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, daß auch Ligotti Schwierigkeiten mit weiblichen Figuren hat bzw. daß in den meisten seiner Erzählungen überhaupt keine Frauen vorkommen.
Es ist zweifellos ein großer Verdienst des Blitz Verlages, diesen interessanten Autor moderner Phantastik im Rahmen der "Edition Metzgerstein" einem größeren deutschen Publikum vorzustellen. Die Übersetzung von Malte Schulz-Sembten ist recht gelungen, wenn auch ab und zu etwas umständlich. Eher enttäuschend ist hingegen das Vorwort von Frank Festa, das mit sechs Seiten viel zu kurz ist, um eine Analyse von Ligottis Werk und Schreibstil zu liefern, und viel zu lang für die dürftigen Informationen, die dargeboten werden.
Dennoch kann man dieses Buch nachdrücklich empfehlen - Thomas Ligotti ist einer der besseren und anspruchsvolleren Autoren der Phantastik. Ich bin davon überzeugt, daß er eines Tages ein Meisterwerk vorlegen wird; vielleicht, wenn er sich doch an eine längere Novelle oder einen Roman wagt.




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