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Gassengeschichten
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 27.11.2000, Serie: Belletristik, Autor(en): Britta Herz, Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, Seiten: 428, Erschienen: 2000, Preis: 10 DM

Ich bin alles andere als ein Freund der DSA-Reihe des Heyne Verlags. Was mir bisher von den Romanen, die auf der Hintergrundwelt des erfolgreichen deutschen Rollenspiels "Das Schwarze Auge" basieren, untergekommen ist, zeichnete sich ausnahmslos durch einen schlechten Stil, stereotype Handlungsverläufe und eindimensionale Charaktere aus. Vor allem vermochten die Romane nicht die typisch "aventurische" Stimmung einfangen, mit der ich als langjähriger DSA-Spieler vertraut bin.

Trotz dieser Vorbehalte kam ich nicht an dem neusten Band der DSA-Reihe vorbei, der Nummer 50 mit dem vielversprechenden Titel "Gassengeschichten". Für den einmaligen Preis von 10,- DM präsentiert der Heyne Verlag bzw. die Herausgeberin Britta Herz sechzehn aventurische Erzählungen, und bei diesem mehr als fairen Preis mußte ich einfach zugreifen.

Wie der Titel "Gassengeschichten" verrät, spielen die Erzählungen fast ausnahmslos in einer städtischen Umgebung (von Punin über Vinsalt bis Gratenfels sind fast alle Regionen vertreten). Und wie zu erwarten, weisen die Erzählungen erhebliche stilistische Unterschiede auf; der Schreibstil mancher Geschichte läßt einem die Haare zu Berge stehen, bei anderen hingegen ist man positiv überrascht. Ein solch qualitatives Gefälle ist jedoch bei Sammelbänden dieser Art nicht verwunderlich.


Im folgenden will ich die Geschichten kurz der Reihe nach vorstellen:

Die belanglose Geschichte "Der Augenblick der Rache" (Oliver Baeck), in der zwei bornische Helden einen von Dämonen besessenen Piraten stellen wollen, stellt einen schwachen Auftakt des Buches dar.

"Wissen ist Macht" (Michael Rosploch) ist eine amüsante, spannende Variante der beliebten Körpertausch-Thematik.

"Seelenfrieden" (Karl-Heinz Witzko) beschreibt langatmig die Seelennöte eines altgewordenen, einsamen Grafen, der sich in eine junge Schönheit verguckt hat. Die banale Geschichte ist zu sehr in die Länge gezogen.

"Alrik" (Andre Fomferek) ist der absolute Tiefpunkt des Buches; ein junger Jura-Student aus Vinsalt wird von einem senilen Helden auf Wanderfahrt mitgenommen. Quälend schlecht geschrieben und mit platten Anspielungen auf ältere DSA-Abenteuer ... furchtbar!

"Nacht und Nebel" (Gun-Britt Tödter) hingegen ist ausgesprochen atmosphärisch; es geht um eine phextreue Diebin, die von Dämonen verfolgt wird. Leider bleibt der Sinn der Geschichte dem Leser verborgen, doch nach "Alrik" ist Tödters Geschichte eine wahre Erholung.

"Die Briefe des Novarizio Furbone ya Tramonta" (Markus Hattenkofer) scheint von dem Cronenberg-Film "Die Fliege" inspiriert zu sein. Ein eingebildeter, frauenverachtender Magier gerät an ein altes Echsenbuch und benutzt es, um damit Frauen zum Sex zu zwingen. Spannend geschrieben und in den besten Momenten tatsächlich gruselig, wenn auch die Sexszenen allzu derb geraten sind. Dennoch eine der besseren Geschichten dieses Bandes.
"Die unvollkommene Tänzerin" (Christel Scheja) ist die ärgerliche Skizzierung eines Wettstreits zwischen zwei Sharizad-Tänzerinnen; ein Erzdämon kommt auch vor. Schnell weiterblättern!

"Phexenkinder" (Christoph Daedter) ist eine einzige Durststrecke: Es geht um Diebe und Streuner in Elenvina. Langweilig und pointenlos ... schnell weiterblättern!

Die Schiffsreise, die in "Erkenntnisse" (Sven Hammerström) geschildert wird, bleibt ebenso unklar; zum Glück endet die Geschichte schon nach wenigen Seiten, bevor man sich über die flachen Charaktere zu ärgern beginnt.

"Greifax Vermächtnis" von Thomas Finn ist meiner Meinung nach die beste Geschichte des Bandes. Finn erzählt die Geschichte eines Kaufmannssohns, der ein Dokument des wahnsinnig gewordenen Grafen Greifax von Gratenfels findet. Eingebettet in die Zeit der borbaradianischen Invasion und voller interessanter Einblicke in den aventurischen Alltag, vermag diese Erzählung noch am ehesten das "DSA-Gefühl" zu transportieren. Finns Stil ist zwar nicht berauschend, aber er versteht es, eine spannende Situation aufzubauen und auch die Nebencharaktere glaubhaft zu schildern.
"Mondstein" (Andrea Perkuhn) läßt ihre Handlung im hohen Norden, in den Schneewüsten des Nivesenlandes spielen. Der Sinn der Geschichte bleibt vollkommen unklar.

In "Leichte Seelen" (Stefan Küppers) spielt ein Boronpriester einen lebenden Toten, um Grabräuber in den Tod zu treiben. Witzig geschrieben!

Ein magisches Buch steht im Mittelpunkt von "Zauberhafte Schönheit" (Heike Kamaris und Jörg Raddatz); der Protagonist, ein junger Zauberer, muß feststellen, daß die Abbildungen zu einem gefährlichen Eigenleben erwachen. Leider setzen die Autoren zu sehr auf den üblichen Dämonenhorror, der bei DSA inzwischen zur ärgerlichen Mode verkommen ist. Das Ende ist unspektakulär, und die anfängliche Prise Erotik wird durch allzu grobe Horrordetails zerstört (eine mit Reißzähnen bewehrte Vagina ist der traurige Höhepunkt). Hier wurde eine interessante Idee zugunsten von Klischees verschenkt.

"Heldentum" (Götz T. Heinrich) ist wieder ein jämmerliches Machwerk, in der ein "Anti-Held" vor seinen falschen Söldnerfreunden im Blautann bei den Feen Schutz sucht. Nicht nur die lieblosen Schilderungen, auch der zynische Anfang, in der die Söldner einen Kaufmann in seinem Bett erschlagen, stößt dem Leser auf.

In "Garadan" (Anton Weste) versucht der Autor eine Erklärung dafür zu liefern, wieso der ehrwürdige Reichsmarschall Helme Haffax zu dem Dämonenmeister Borbarad überlief. An sich eine interessante Idee, doch Weste fehlt das handwerkliche Talent, um sie umzusetzen.


Alles in allem hat der Sammelband meine Erwartungen bestätigt. Die meisten Geschichten sind mittelmäßig geschrieben und erzählen kaum etwas Neues; sie bieten durchschnittliche Fantasykost, die nur dem harten DSA-Fan gefallen wird.

Es ist bedauerlich, daß keiner der Autoren wirklich das Potential der Welt Aventurien verwendet. Es treten kaum magische oder mystische Wesen auf, Zwerge und Elfen sucht man vergebens, und obwohl fast jeder zweite Held eine Magierin bzw. ein Magier ist, sind die Geschichten eher weltlich orientiert. Ermüdend ist auch die Häufung der allgegenwärtigen Dämonen, die damit jeden Schrecken verlieren, und der Szenarien, in denen Götter und Geweihte eine Rolle spielen. Nach sechzehn "Gassengeschichten" kann ich auf jeden Fall die Namen Praios, Rahja und Efferd nicht mehr hören!
Kann man "Gassengeschichten" nun weiterempfehlen? Ich denke, daß der geringe Preis ein Argument für den Kauf ist; immerhin enthält der Band mit den Beiträgen von Rosploch, Hattenkofer, Finn und Kamaris/Raddatz vier wirklich ansprechende DSA-Geschichten, die eine nette Lektüre für Zug- oder U-Bahn-Fahrten darstellen. Trotzdem werde ich wohl in naher Zukunft keinen Ausflug mehr in die "DSA-Reihe" von Heyne machen.




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