Willkommen Gast - LORP.de v2.45.00
LORP.de  
Seite drucken Seite empfehlen Leserbrief schreiben Translate into English with Google
 

Startseite » Rezensionen » Belletristik » Fantasy » Die Stimmen der Zeit

Die Stimmen der Zeit
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 19.07.2007, Serie: Belletristik, Autor(en): J.G. Ballard, Verlag: Heyne Verlag, Seiten: 986, Erschienen: 2007, Preis: 10,95 Euro


Schon seit Jahren erscheint im Heyne Verlag die exzellente Reihe "Meisterwerke der Science Fiction". Als gut aufgemachte Taschenbücher werden die wichtigsten Klassiker des Genres einem größeren Publikum zugänglich gemacht; darunter auch Werke, die jahrelang vergriffen waren. Dass in eine solche Reihe natürlich auch das Ouvre des großen, britischen SF-Autoren James Graham Ballard gehört, versteht sich von selbst. Nun also schließt Heyne auch diese Lücke: In zwei voluminösen Bänden veröffentlicht der Verlag die Kurzgeschichten und Erzählungen Ballards. "Die Stimmen der Zeit" eröffnet den Reigen; im August soll dann "Vom Leben und Tod Gottes" folgen.

Ballard zu lesen ist und bleibt ein Erlebnis. Da macht eine Sängerin die intime Bekanntschaft mit einer gefährlichen Orchidee ("Prima Belladonna"); die geheimnisvolle Lyrikautorin Aurora führt einen privaten Feldzug gegen automatische Schreibcomputer ("Studio 5"), und in einer riesigen, offenbar endlosen Metropole versucht ein Mann mit der Schnellbahn die Stadtgrenzen zu erreichen ("Die Konzentrationsstadt"). Neben solch klassischen SF-Kurzgeschichten finden sich aber auch längere Erzählungen, darunter die titelgebenden "Stimmen der Zeit" und die dystopische Geschichte "Chronopolis", in der die Bevölkerung einer todgeweihten Stadt jeglichen Zeitgefühls beraubt wird, um den Verfall herauszuzögern.

Ballards Stil ist pointiert, seine Beschreibungen stark; mit wenigen Worten erschafft er stimmige Kulissen, in denen sich die oft archetypischen Charaktere bewegen. Die psychedelischen Elemente der Geschichten - singende Pflanzen, sich selbst verformende Gebäude und ähnliche Merkwürdigkeiten - üben einen großen Reiz aus und verströmen zugleich Retrocharme. Denn vor allem ist Ballard ein Autor der 1960er und 1970er; die meisten Geschichten dieses Bands stammen aus den genannten Jahrzehnten und tragen - wie jede gute SF - deutliche Spuren der Zeit, in der sie entstanden. Zugleich sind seine Themen zeitlos; immer wieder steht der Einzelne einem ihm unverständlichen Höheren gegenüber - der entfesselten Technik, der unüberschaubaren Bürokratie, den fremden Auslotungen menschlicher Sexualität oder der erschreckenden Tiefe des Weltraums. Die spürbaren Einflüsse durch die amerikanische Beat- und New-Wave-Literatur sorgen dabei für Verfremdungseffekte, die Ballards Werk auch für Nicht-SF-Leser interessant machen.

Wem der Name Ballard bisher nur über den Umweg Kino bekannt war - Steven Spielbergs "Empire of the Sun" und David Cronenbergs "Crash" beruhen auf Ballards Erzählungen -, kann mit der neuen, zweibändigen Ausgabe das Werk dieses faszinierenden SF-Autoren kennenlernen, der wohl in einem Atemzug mit Ray Bradbury und den Gebrüdern Strugatzki genannt werden muß. Ein Höhepunkt in der Reihe "Klassiker der Science Fiction", den man sich nicht entgehen lassen sollte.




LORP.de Copyright © 1999 - 2019 Stefan Sauerbier, Alle Rechte vorbehalten.