Willkommen Gast - LORP.de v2.45.00
LORP.de  
Seite drucken Seite empfehlen Leserbrief schreiben Translate into English with Google
 

Startseite » Rezensionen » Belletristik » Science Fiction » Spektrum

Spektrum
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 20.04.2007, Serie: Belletristik, Autor(en): Sergej Lukianenko, Christiane Pöhlmann (Übersetzung), Verlag: Heyne Verlag, Seiten: 701, Erschienen: 2007, Preis: 14,00 Euro


Sie fielen als Keime vom Himmel, wuchsen und bildeten sich schließlich zu Toren, durch die man in das Universum, auf ferne Planeten, in fremde Welten reisen kann. In "Spektrum", dem ersten SF-Roman aus der Feder des russischen Autoren Sergej Lukianenko, ist das Universum nur einen Schritt entfernt. Wer die Tore durchschreitet, kann es bereisen - sofern er an den "Schließern" vorbeigelangt, obskuren extraterrestrischen Torwächtern, die nur jene passieren lassen, die ihnen eine gute Geschichte erzählen. Der Moskauer Detektiv Martin Dugin hat ein besonders gutes Gespür, welche Geschichten die Schließer interessieren könnten. Deshalb wird ihm die Aufgabe übertragen, das verschwundene Mädchen Irina zu finden, die aus unbekannten Gründen durch die Tore geflohen ist. Seine Reise führt ihn quer durch das Universum, das sich seit dem Kontakt mit den Menschen längst verändert hat. Bald nimmt er die Spur der jungen Frau auf ... und muss erkennen, daß die Tore längst nicht so harmlos sind, wie sie scheinen.

Sergej Lukanienko hat mit seiner dunklen Phantastikreihe um die "Wächter der Nacht" internationale Erfolge erzielt und die Genreliteratur endlich wieder um eine russische Stimme bereichert. Dass er auch in der Sciencefiction zuhause ist, stellt er mit "Spektrum" eindrucksvoll unter Beweis. Die Spurensuche von Martin Dugin durch ein ausgesprochen skurriles Universum liest sich köstlich. Interstellare Cowboys, tragische Amöbenwesen, eine extraterrestrische Deutung der Jesusfigur (oder wußten Sie etwa nicht, dass Jesus als außerirdischer Arzt auf die Erde kam?) und immer wieder die geheimnisvollen Schließer, die wie alte, traurige Brückenwächter vor ihren Toren lümmeln und sich von den Reisenden Geschichten erzählen lassen - all dies ist im höchsten Maß unterhaltsam, kommt ohne Feuergefechte und Actionstandards aus und lebt von der, nun ja, russischen Stimmung. Martin Dugals Weg führt dabei immer wieder auch auf die Erde zurück, wo er seinen geschätzten Onkel besucht und mit ihm über das Leben palavert. Überhaupt lebt "Spektrum" von seinen Dialogen, die sich durch großen Sprachwitz und faszinierende Gedankenspiele auszeichnen. Da gerät die Geschichte um Martins Auftrag fast ein wenig in den Hintergrund, auch wenn sich die Ereignisse ab der Buchmitte dramatisch zuspitzen.

Eine höchst amüsante Abwechslung zur angloamerikanischen SF ist "Spektrum" allemal. Sicher, die Grundidee interstellarer Tore ist nicht neu, doch Lukianenko setzt den bekannten Topos originell um, verläßt sich nicht auf Effekthascherei, sondern konzentriert sich auf seine Hauptfigur und ihr mildes Erstaunen über die Wunder des Universums. Diese sind liebevoll erdacht und lassen den Leser bis zur letzten Seite staunen und mitfiebern. Genau dies erwartet man von guter Sciencfiction - und so kann man am Ende nur hoffen, dass "Spektrum" nicht der letzte SF-Roman Lukianenkos gewesen ist. Mehr Chandler als Herbert, mehr Bulgakow als Bradbury - eine lohnenswerte Lektüre, spannend, farbenfroh und unterhaltsam.




LORP.de Copyright © 1999 - 2019 Stefan Sauerbier, Alle Rechte vorbehalten.