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Shadowrun: Der Schattenlehrling
Von Michael Mingers

Rezension erschienen: 30.12.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Brois Koch, Verlag: Fantasy Productions GmbH, Seiten: 303, Erschienen: 2006, Preis: 9,00 Euro


Boris Koch mag manchen Kennern phantastisch-düsterer Literatur bereits durch seine Kurzgeschichten, oder durch seine redaktionelle Tätigkeit bei dem Magazin Mephisto bekannt sein. Mit Der Schattenlehrling versucht er sich zum ersten Mal an einem Roman zu einem Rollenspiel. Dabei ist der Roman der erste der Shadowrunreihe, der in der Zeitschiene um 2070 spielt, also zur Zeit der vierten Edition. Um in die neue Themenkomplexe einzuleiten, gibt es ein Vorwort des Chefredakteurs Christian Lonsing und den Hinweis auf die Verknüpfung des Romans mit dem Quellenband München Noir. Bei so vielen Referenzen ist die Erwartungshaltung an den Roman natürlich groß.

Das Buch dreht sich um den dreizehnjährigen Boris, der wohlbehütet in der sauberen und langweiligen Konzernwelt aufwächst, welche er hasst und verachtet. Er wäre gerne ein Rebell und Held, so wie sein Idol aus einer Trideo-Serie, ein Shadowrunner mit dem Namen Viper. Als die Familie während eines Kurzurlaubs nach München zum ersten Mal das Konzerngelände verlässt, nutzt Boris die Chance und läuft weg, um Runner zu werden. Die Credsticks mit dem Vermögen des Vaters lässt er direkt mitgehen. Unerfahren und naiv gerät er an eine Gruppe zweitklassiger Runner, welche ihn gegen Belohnung die Schatten zeigen wollen. Nach und nach muss Boris lernen, dass seine Sicht auf die Welt außerhalb des Konzerns romantisch verklärte war, bis im Finale seine alte Welt völlig zerbricht.

Boris Koch gelingt es sehr gut die düstere Stimmung beizubehalten, für die seine bisherigen Werke bekannt sind und dies gelungen mit der Welt von Shadowrun zu verbinden. Auf der einen Seite wird der technische Fortschritt der Augmented Reality gut eingebaut, jene ständig präsente Matrix, welche Informationen, Werbung und Kommunikation stark vereinfacht hat. Auf der anderen Seite leben die Protagonisten in der Unterschicht der Gesellschaft und haben nur sehr eingeschränkten Zugriff auf hochwertige Ausrüstung, Cyberware und Magie. In dieser trostlosen Welt zeichnet Koch das wohl düsterste, brutalste und schonungsloseste Bild der Spielwelt, das es bisher jemals in einem Shadowrun-Roman gegeben hat. Die Protagonisten sind abgehalfterte Kriminelle, die sich mit kleinen Jobs über Wasser halten müssen und auch sonst kein besonders heldenhaftes oder rühmliches Bild abgeben. Boris ist sprunghaft, naiv und rebellisch, eben ein pubertierender Teenager. Seine Gefühlswelt wird von Koch glaubhaft und ungefiltert an den Leser weitergegeben. Die Sprache des Romans ist oft derb, was aber bei der gewünschten Atmosphäre des Milieus unumgänglich ist. Sex ist ständiges Thema, und alles was damit zu tun hat, wird breit und oft im Buch ausdiskutiert und beschrieben. Auch nähert sich der Roman zum Ende hin der Thematik der sexuellen Perversion und des Kindesmissbrauchs an. Harter Tobak also, und dieser findet sich auch noch im ganzen Roman. Die vielen interessanten Charaktere werden nach und nach immer weiter ausgearbeitet, und dem Leser sollte es gelingen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Keine eindeutig positive, denn Helden sucht man in diesem Roman vergeblich. Die Konzepte Gut und Böse verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit, die Frage nach der Moral stellen sich nicht nur die Protagonisten ständig, sondern auch der Leser. Der Spannungsbogen ist sehr gekonnt ausgeführt, und zum Ende hin wird die Handlung besonders schnell, aggressiv und auch intensiv.

Mit diesem Roman startet die Romanreihe exzellent in die Zeitebene der 2070er. Der Schattenlehrling gibt Shadowrun einen sehr düsteren und brutalen Touch, so kaputt und beängstigend wurde die alltägliche Welt noch nie gezeigt. Die Welt des Verbrechens, die bisher bei Shadowrun gezeigt wurde, wirkt im Vergleich geradezu idealisiert und naiv. Deswegen kann man dieses Buch allen Fans des Rollenspiels ans Herz legen. Jene die eine starke Geschichte mit interessanten Charakteren lesen wollen, werden ebenso bedient wie jene, die die Augmented Reality der 2070er einmal in Aktion erleben möchten.




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