Willkommen Gast - LORP.de v2.45.00
LORP.de  
Seite drucken Seite empfehlen Leserbrief schreiben Translate into English with Google
 

Startseite » Rezensionen » Gesellschaftsspiele » Brettspiele » Caylus

Caylus
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 27.05.2006, Serie: Gesellschaftsspiele, Autor(en): William Attia, Verlag: Ystari Games, Seiten: , Erschienen: 2006, Preis: 32,95 Euro


Die kleine Stadt Caylus erlebt eine Zeit der Blüte und Prosperität, als der französische König ein mächtiges Schloß in ihrer Nähe errichtet. Zahlreiche Baumeister strömen nach Caylus, um an dem Bauwerk mitzuarbeiten. Nur einem winkt am Ende die Gunst, zum königlichen Hofbaumeister ernannt zu werden. Bis dahin aber gilt es, das mächtige Bauvorhaben zusammen mit den Konkurrenten in die Tat umzusetzen – und zugleich der Wirtschaft in Caylus auf die Beine zu helfen.

"Caylus", erschienen im französischen Verlag Ystari Games, ist ein klassisches Aufbauspiel. Wer nach dem Öffnen der Schachtel die Spielmaterialien sichtet, wird sich schnell an gängige Brettspielhits à la "Siedler von Catan" erinnert fühlen: ein ansprechender Spielplan mit umlaufender Zählpunktleiste, kleine Holzwürfel, die die Rohstoffe Holz, Tuch, Stein, Gold und Nahrung symbolisieren; Gebäudekarten und ausgestanzte Münzen. All dies sieht auf den ersten Blick nach gewohnter Kost aus. Hält man hier einen weiteren uninspirierten Siedler-Abklatsch in den Händen?
Weit gefehlt, wie ein zweiter Blick auf den Spielplan zeigt. Die vielen winzigen Spiel- und Setzfelder weisen auf die ungemeine Komplexität des Spiels hin, und die Regeln bestätigen dies. Schon der Spielansatz unterscheidet sich von den üblichen Siedler-Varianten: Statt eigene Städte aufzubauen, arbeiten die Spieler hier gemeinsam an der Fertigstellung des königlichen Schlosses und an dem Ausbau von Caylus. Dazu setzen sie bis zu sechs Spielfiguren – ihre Arbeiter – auf bestehende Gebäude ein. Diese "ernten" entweder Rohstoffe (in einem Wald Holz, auf einem Bauerhof Nahrung etc.), bauen neue Gebäude (eine verbesserte Sägemühle oder einen Marktplatz) oder beteiligen sich am Schloßbau. Dieser läuft übrigens in drei Phasen ab: Erst wird der Bergfried errichtet, dann die Mauern und am Ende die Türme. Wer an den Bauphasen mitwirkt, steigt in der königlichen Gunst und kann so in den Genuß diverser Sondervergünstigungen gelangen; ansonsten droht Prestigeverlust.
Das Besondere an "Caylus" ist, daß sämtliche Gebäude – die bestehenden und die neuerrichtete, die eigenen und die fremden – von allen Spielern genutzt werden dürfen. Wer unbedingt Steine für den Schloßbau benötigt, kann also ohne Probleme seinen Arbeiter in dem Steinbruch des Konkurrenten schuften lassen. Davon profitieren beide: Der Besitzer des Steinbruchs erhält für diesen Einsatz Prestigepunkte, der andere die erwirtschafteten Rohstoffe. Um so wichtiger ist es, stark frequentierte Gebäude wie das Notariat (das den Bau größerer Gebäude genehmigt) zu errichten und auf diese Weise Prestige zu gewinnen. Nicht minder wichtig ist es, in jeder Runde seine Arbeiter klug zu verteilen, denn in jedem Gebäude darf nur einer von ihnen arbeiten. Zum Glück werden die Arbeiter abwechselnd verteilt – und die Zugreihenfolge kann über manche Rohstoffzuteilung entscheiden.
Das alles klingt freilich einfach. Caylus wartet aber mit einer Vielzahl taktischer Möglichkeiten auf, die immer wieder neue Entscheidungen abverlangen. Investiert man in neue Gebäude oder deckt man sich lieber rechtzeitig mit Rohstoffen ein? Kalkuliert man mit knappen Geldreserven – die Arbeiter wollen schließlich jede Runde bezahlt werden – oder legt man frühzeitig einen satten finanziellen Grundstock an? Beteiligt man sich besonders stark am Schloßbau oder gewinnt man die Gunst des Königs auf andere Weise, etwa durch Tuchlieferungen für das Turnier? Oder legt man sein Hauptaugenmerk auf Caylus und baut dort prächtige Kathedralen, lukrative Goldminen und Banken? Es gibt unzählige Möglichkeiten und Spieltaktiken, und gerade dies macht den Reiz von "Caylus" aus. Ebenso bemerkenswert ist es, daß man nicht unbedingt durch knochenharten Konkurrenzkampf weiterkommt. Sicherlich, man kann den Mitspielern etliche Knüppel zwischen die Beine werfen, indem man etwa den Vogt zurücksetzt (dieser entscheidet, welche neuerrichteten Gebäude in Betrieb genommen werden dürfen) oder wichtige Gebäude frühzeitig besetzt. Andererseits artet "Caylus" niemals in Gemeinheiten aus und kann auch sehr gut in freundlichem Einvernehmen gespielt werden. Der Frustfaktor bleibt deshalb trotz spannender und abwechslungsreicher Spielsituationen relativ niedrig. Das liegt auch an einigen besonders gelungenen Spielkonzepten wie der Königsgunst, die nach dem Abschluss jeder Bauphase gewährt wird und den aktivsten Baumeistern zusätzliche Vorteile verschafft. Ebenso erfreulich ist der stringente Spielablauf: Durch den Vogt, der die Straße von Caylus entlangläuft und die neuen Gebäude freigibt, werden die Bauphasen nach einer gewissen Zeit abgeschlossen. Man kann diesen Prozeß verlangsamen, aber nicht aufhalten, und so rückt das Spielende näher und näher – spannend!

Somit überzeugt "Caylus" auf ganzer Linie – ein nicht ganz einfaches, aber durchdachtes Aufbauspiel mit vielen taktischen Möglichkeiten, die auch nach mehreren Durchläufen nicht langweilig werden. "Caylus" überzeugt durch frische Konzepte, einen flüssigen Spielablauf und eine sehr angenehme Spielatmosphäre. Auch an der Qualität der Spielmaterialien gibt es wenig auszusetzen. Allerdings sind die Rohstoffwürfel, Spielsteine und Gebäudekarten etwas zu winzig ausgefallen – sie stehen teilweise sehr gedrängt auf dem Spielplan, und älteren Menschen (oder sehr jungen Spielern) könnte ihre Handhabung Probleme bereiten. Dies ist aber auch das einzige Manko einen ansonsten hervorragenden Spiels, welches übrigens auch in der Variante für zwei Spieler tadellos funktioniert. Für mich ein echtes Highlight auf dem Brettspielmarkt. Unbedingt empfehlenswert!




LORP.de Copyright © 1999 - 2018 Stefan Sauerbier, Alle Rechte vorbehalten.