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Festival obscure
Von Stefan Moriße

Rezension erschienen: 31.12.2005, Serie: Rollenspiele, Autor(en): , Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: , Erschienen: Dezember 2005, Preis: 24,95 Euro


Der Jahrmarkt, eine schillernde und farbenprächtige Welt. Ein Ort, an dem Kinderaugen glänzen, sich süße Düfte mit exotischen Gerüchen verbinden und die musikalische Geräuschkulisse nur noch lautstark von Anpreisern überboten wird, die auf ihre Fahrgeschäfte aufmerksam machen wollen. Ein Ort, der es dank seiner Oberflächlichkeit jedem ermöglicht, für ein paar Stunden in diese Traumwelt einzutauchen und alle seine Probleme der Alltagswelt zu vergessen. Doch im Festival obscure wird nicht einmal dies gewährt, da hinter seinen Fassaden allzu nur oft das groteske Grauen lauert.

Was Pegasus mit dem Quellen- und Abenteuerband Festival obscure für das Rollenspiel Cthulhu vorlegt, ist an Originalität kaum noch zu überbieten. Nicht nur, dass die Mannschaft um Redakteurin Julia Erdmann mit diesem Buch einen noch höheren Standard in Sachen Innovation und Einfallsreichtum vorlegt, sondern auch, weil in diesem Werk auf bisher nie bekannte Weise der Inhalt mit einer künstlerischen Note so überzeugend verbunden wird.
Das fängt bereits beim Coverbild an. Manfred Escher, der sich bei der grafischen Gestaltung bereits für viele Cthulhu-Bände verantwortlich zeigte, übertrifft sich bei Festival obscure selbst. An dem Titelbild, der Verschmelzung von Jahrmarktseindrücken mit einer schemenhaften Geistergestalt, kann man sich gar nicht satt sehen. Als Grundfarbe wurde dabei ein dunkles Violett gewählt, das die Symbiose aus schillernder Volksfestwelt mit den tiefen Abgründen, die sich dahinter verbergen, noch einmal unterstreicht. Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos, die den Band im Inneren großzügig durchziehen, führen diese Linie konsequent fort und versetzen den Leser augenblicklich in die passende Stimmung.
Die zeitgenössischen Fotos konnten bisher in allen Cthulhu-Publikationen überzeugen. In diesem Band scheinen sie jedoch, vor allem im Quellenteil, mehr als bloßes Schmuckwerk zu sein. Sie wirken so, als ob sie für nichts anderes als für dieses Buch erstellt wurden, harmonieren sie doch auf perfekte Weise mit dem Inhalt.

Viel wichtiger als das Layout ist und bleibt natürlich das, was ein Buch letztendlich ausmacht: der Inhalt. Auch hier kann der Band auf ganzer Linie überzeugen. Der anteilsmäßig kleinere Quellenteil beschäftigt sich zunächst mit deutschen Feiern und Volksfesten, darunter bekannte wie das Münchner Oktoberfest oder der Hamburger Dom. Auch wenn es kurz gehalten ist, verschafft das Kapitel einen weitreichenden Überblick und bietet für den Leser genug Anreize und Ideen für eigene Abenteuer.
Weiter geht es mit einer Betrachtung der Schausteller, die ihr Leben gänzlich der Welt des Jahrmarktes gewidmet haben. Auch dieser Abschnitt bringt dem Leser trotz seiner Knappheit die Freuden aber auch Sorgen und Nöte des fahrenden Volkes nahe und kann dazu anregen, mögliche Nichtspielercharaktere – etwa aus den folgenden Abenteuern – plastischer darzustellen.
Mit einem komplett ausgearbeiteten Jahrmarkt schließt der Quellenteil schließlich ab. Jede erdenkliche Bude und Kuriosität wurde hier bedacht, so dass vom Riesenrad bis hin zum Schauerkabinett alles Perfide aufgelistet und mit kleinen Geschichten abgerundet ist. Damit kann dieser exemplarische Markt sowohl komplett als auch in Teilen genutzt werden, die farbenprächtige – und groteske – Welt überzeugend darzustellen.

Wie ein Volksfest in ein gruseliges Cthulhu-Abenteuer eingebettet werden kann, verdeutlichen die drei Abenteuer, die in diesem Band enthalten sind. Den Anfang macht "Eine Frage der Perspektive" von Jakob Schmidt und Nathanael Busch. Alles beginnt recht unspektakulär mit einer Zugreise nach Danzig, auf der die Charaktere einem geistig etwas verwirrten Mann begegnen. Das Aufeinandertreffen gerät schnell wieder in Vergessenheit, bis die Charaktere plötzlich miterleben müssen, wie der Mann, während die Abenteurer in Danzig spazieren gehen, getötet wird. Auf der Suche nach dem Mörder kommt die Gruppe schließlich einem in der Stadt stationierten Jahrmarkt auf die Spur, der weit mehr Geheimnisse verbirgt, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.
Das Abenteuer ist in seiner Struktur sicher nicht außergewöhnlich, kann aber dank seines in sich konsequenten und logischen Aufbaus und den im Mittelteil nicht-linearen Szenarioelementen begeistern. Zum Ende nimmt eine Frage der Perspektive dann deutlich an Fahrt zu und driftet in eine schaurig-schöne Parallelwelt ab, die eng mit dem Aufbau des Jahrmarkts im realen Danzig verknüpft ist.

Weiter geht es mit "Das doppelte Lottchen" von Momo Evers. Die Autorin hat nach eigenen Aussagen ihre Kindheitsängste in die Handlung einfließen lassen und sich während des Schreibens selbst das ein oder andere Mal gefürchtet. Ein Umstand, der dem Abenteuer sehr zugute kommt.
Die Charaktere, die sich in London aufhalten, gewinnen durch ein Preisausschreiben Karten für eine Zirkusshow. Sie dürfen sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Bekanntschaft mit den Schauspielern und Dompteuren machen. Nach diesem wundervollen Tag gerät die anschließende Zirkusvorstellung zu einer regelrechten Katastrophe, denn die kleine Lotte, eine Hochseilakrobatin, stürzt ab. Sie überlebt den Unfall, scheint jedoch in einer Art Koma zu liegen. Einem Koma, das keinem natürlichen gleicht und auf weitere Artisten übergreift. Die Charaktere müssen sich beeilen, wenn sie die Opfer noch retten wollen.
"Das doppelte Lottchen" zieht seine Faszination aus dem begrenzten Schauplatz im und um den Zirkus, der liebevoll dargestellt wird. Alle Nichtspielercharaktere sind hier äußerst plastisch angelegt. Zusammen mit der mitreißenden Handlung biete das Abenteuer viele Stunden Spielspaß, bis schließlich zum Finale hin das Setting zu einem anderen, äußerst bekannten Schauplatz Londons wechselt, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Nur so viel: Die Kindheitsängste der Autorin werden mit Sicherheit auch den einen oder anderen Spieler packen.

Den Abschluss des Bandes bildet "Der Lachende Mann" von Ingo Ahrens. Zusammen mit einer je nach Motivation befreundeten oder verwandten Familie samt Kindern erleben die Charaktere einen schönen Tag auf einem kleinen, regionalen Jahrmarkt. Das Grauen nimmt in der Nacht seinen Lauf, als sich die Kinder der Familie wie in Trance mit Messern und seltsamen Masken vor ihren Gesichtern auf die schlafenden Eltern stürzen. Die Charaktere können ein Unglück gerade noch verhindern, doch am nächsten Morgen müssen sie erfahren, dass mehrere Kinder ihre Eltern umbringen wollten – und nicht immer konnte dies verhindert werden. Früher oder später laufen alle Spuren auf dem Jahrmarkt zusammen. Es gilt, die Person zu finden, die diese eigenartigen Masken verteilt hat.
Ebenso wie die vorherigen Abenteuer bringt auch "Der Lachende Mann" die schaurig-schöne Volksfeststimmung rüber und kann in allen Punkten begeistern. Ein würdiger Abschluss für ein rundum gelungenes Buch.

Fazit
Es kommt selten vor, dass ein Rollenspielbuch in allen Belangen positiv abschneidet. Im Fall von Festival obscure liegt dieses Phänomen jedoch tatsächlich vor. Der Quellenteil ist interessant, informativ und überaus hilfreich für eigene Ideen rund um Volksfeste und Jahrmärkte. Die drei enthaltenen Abenteuer zeigen, wie sich solche Ideen auf gelungene Art und Weise mit einer spannenden Handlung verbinden lassen.
Da der direkte Bezug zum Cthulhu-Mythos in diesem Band recht gering ist, kann das Festival obscure selbst denen empfohlen werden, die sonst einen Bogen um dieses Rollenspiel machen. Aber ehrlich gesagt, wer kann sich schon diesem Rollenspiel entziehen, wenn die Redaktion abermals ihren bereits hohen Standard übertrifft? Daumen nach oben also für dieses ausgezeichnete Werk.




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