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Jenseits der Schwelle
Von André Wiesler

Rezension erschienen: 08.09.2005, Serie: Rollenspiele, Autor(en): Sebastian Weitkamp, Günther Dambachmair, Wesley Martin, Jan Christoph Steines, Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 160, Erschienen: Juni 2005, Preis: 19,95 €


Es ist mittlerweile schon eine gnadenvolle Selbstverständlichkeit, in deutschen Cthulhu-Produkte ein tadelloses Layout und wunderschöne, stimmungsvolle Handouts vorzufinden, so dass man Gefahr läuft, es nicht mehr angemessen zu würdigen. Darum sei an dieser Stelle explizit erwähnt, dass auch Jenseits der Schwelle mal wieder ein wahrer Augenschmaus ist.

Die Szenarien im Innern spielen durchgängig in den 20er Jahren und zeichnen sich allesamt durch originelle Ideen und spannende Handlungsorte aus, sind aber in sehr gemischter Qualität umgesetzt.

Flüssige Finsternis von Sebastian Weitkamp stellt dabei das schwächste Szenario in diesem Band dar. Es beginnt für die Charaktere damit, dass ein überarbeiteter Kommissar in Berlin sie bittet, sich der Ermittlungen in einem Diebstahlsfall anzunehmen. Wie üblich verbirgt sich hinter diesem Raub jedoch mehr als ein normales Delikt. Leider werden die Charaktere nicht viel davon in Erfahrung bringen können, wenn sie der Spielleiter nicht massiv gängelt und auf die richtigen Spuren führt. Die Hinweise sind spärlich gesät und lassen über weite Strecken nur eine Entwicklung des Abenteuers zu. Positiv zu erwähnen sind jedoch die sehr gelungenen Handouts, mit deren Hilfe ein Spielerleiter auf der Grundidee basierend relativ leicht die Schwächen des Szenarios ausgleichen können sollte.

Gängelung ist - neben einem gewissen, für Cthulhu untypischen, "Weichspülereffekt" in einigen Szenen - auch der Hauptkritikpunkt am zweiten Szenario Der Herr der Winde von Günther Dambachmair. Hier treffen die Charaktere in England auf J.R.R. Tolkien und sind im Laufe der Entwicklungen maßgeblich daran beteiligt, ihn mit den Inspirationen zu seinem berühmten Werk Der Herr der Ringe zu versorgen. Es geht - wen wundert es - um einen Ring. Der originelle Ansatz leidet jedoch erneut unter der sehr gradlinigen und dabei ausschließlichen Leitung der Charaktere. Als Beispiel sei hier eine Verfolgungsszene genannt, in der die (erfahrungsgemäß ja bewaffnete) Gruppe vor vier Gegnern fliehen soll, die zum einen kein besonderes Bedrohungspotential offenbart haben und zum anderen im Verdacht stehen, den Charakteren wichtige Fragen beantworten zu können. Das Szenario sieht schlichtweg nicht vor, dass sich die Gruppe den Schergen stellt und sie sogar besiegen könnte. Dergestalt unflexible "Wegkreuzungen" gibt es diverse in Herr der Winde und auch das Finale selbst gestaltet sich für die Charaktere unangenehm fremdbestimmt. Hier kann die gute Idee das Szenario wohl nur für ausgesprochene Fans von Mister Tolkien tragen.

Im Ideenansatz weniger originell, dafür in der Umsetzung vorbildlich und kreativ, präsentiert sich Die Plantage von Wesley Martin. Das aus dem Englischen übersetzte Szenario führt die Gruppe auf eine Plantage im Süden der USA, wo sie Übles zu verhindern trachten.
Der Spielleiter erhält in diesem freien, anspruchsvollen und nicht zuletzt spannenden Szenario alles an die Hand, was er dafür braucht, seiner Gruppe das Gefühl völliger Handlungsfreiheit zu geben und das in perfekt strukturierter Form, so dass alles schnell wieder gefunden werden kann.
Gleichzeitig gibt es auch genug Erzählfäden, an denen sich der Spielleiter entlanghangeln kann, so dass auch ein unerfahrener Spielleiter mit der Gestaltung des Szenarios nicht überfordert sein sollte. Lediglich die Handouts enttäuschen - vor allem im Vergleich zu den anderen Szenarios - in Menge und Form.
Die sehr gelungene Übersetzung von Heinrich Glumpler soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

Das absolute Highlight stellt jedoch zweifelsohne Das Schloss in den Bergen von Jan Christoph Steines dar. Es erreicht Bestnoten in Sachen Idee, Umsetzung, Handouts und Setting. Das Szenario beginnt in Amerika und bindet die Gruppe auf originelle, (fast) nur bei Cthulhu machbare Art in die Geschehnisse ein. So dauert es nicht lange, bis sie Amerika verlassen und sich in literarisch vorbelastete Gebiete begeben. Mehr soll aus Gründen der Spannung nicht verraten werden - nur soviel: Hier ist selten etwas so, wie es scheint.
Mit einer anspruchsvollen Informations- und Plotführung schafft der Autor es ein Szenario zu konstruieren, das man bedenkenlos in die Top 20 der besten Cthulhu-Szenarien einreihen kann.

Fazit: Wegen der Szenarios Die Plantage und Das Schloss in den Bergen lohnt sich die Anschaffung des Buches. Die anderen beiden Szenarios können mit originellen Ideen begeistern, fordern aber noch deutliche Arbeit vom Spielleiter, bevor sie wirklich rund laufen. Das ergibt ein etwas schlechteres Preis/Leistungsverhältnis, steht aber einer ausgesprochenen Kaufempfehlung nicht im Weg.




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