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Midgard: Das Tor nach Ta-meket
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 26.05.2005, Serie: Belletristik, Autor(en): Alfred Bekker u.a., Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 350, Erschienen: April 2005, Preis: 12,95 €


Elf Kurzgeschichten aus der Rollenspiel-Welt Midgard versammelt das Taschenbuch »Das Tor nach Ta-meket«. Und wie das bei Sammlungen mit Werken unterschiedlicher Autoren so ist, findet sich eine breite Palette von Themen, Stilen und erzählerischer Qualität. Erfreulicherweise überwiegen die gelungenen Geschichten deutlich.

Klar an der Spitze stehen die beiden Beiträge von Christel Scheja. Die begnadete Autorin erzählt atmosphärisch dicht, bewegt sich sicher vor dem Hintergrund Midgards und schlägt Erzählbögen, die in keinem Satz ihre Spannung verlieren. "Die Wölfin von Dunwold" spielt im nördlichen Alba, einem Land, das Irland oder Schottland im Mittelalter entspricht. Dort kämpft die Heldin Caitin für ihr Erbe und gegen eine aufgezwungene Heirat. In "Gebrandmarkt!" fügen sich klassische Elemente in eine spannende Abenteuergeschichte: eine Wirtstochter, die es nach Abenteuern dürstet, eine desillusionierte Söldnerin und eine dunkle Vergangenheit, die beide verbindet und plötzlich wieder zum Leben erwacht.

Zu den gelungensten Geschichten zählt auch "Uggreis Brunnen" von André Muhmood. Er versucht sich an einer nordischen Heldensaga, und das mit Erfolg. Ein eisiges Land entsteht in seiner temporeichen Geschichte, in dem letztendlich unklar bleibt, ob Erlebnisse mit Trollen, Riesen und Göttern nun wirklich erlebt oder nur geträumt sind. Durch ihre kunst- und stimmungsvolle Komposition beeindrucken darüber hinaus eine Reihe von Geschichten. Vor allem "Die Geschichte von Branwen und Aid" von Dieter Passchier wirkt tatsächlich wie eine Erzählung, die abends am Lagerfeuer weitergegeben wird. Es geht um mysteriöse Naturmagie und um Liebe, die stärker ist als der Tod. Dramatisch und in starken Farben bekommt der Leser in "Brans Tod" von Manfred Roth die Machtverhältnisse in Erainn vor Augen geführt.

Um eine grundsolide Fantasy-Geschichte handelt es sich beim größten Beitrag des Sammelbands, dem namengebenden, rund 120 Seiten starken "Tor nach Ta-meket". Im Mittelpunkt steht das Zusammentreffen eines Kapitäns der Waelinger, Midgards "Wikinger", mit einem hinterhältigen Magier aus dem Süden des Kontinents. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach einem mächtigen Relikt und gewaltigen Schätzen eines untergegangenen Reiches. Abgesehen von einigen wenigen sprachlichen Stilbrüchen und der einen oder anderen unnötigen Wiederholung ist Arno Bekker einen spannende Fantasy-Novelle gelungen.

Auf ein Experiment hat sich Axel Gottschalk eingelassen: Er hat eine Kriminalgeschichten von Edgar Allen Poe in die Stadt Corua verlegt. Auch wenn seine Erzählkunst natürlich nicht an das Original heranreicht, liest sich "Die Morde in der Via Orc" doch ganz unterhaltsam. Zum Schmunzeln regt auch "Die Katze" von Isolde Popp an. Geschickt mit den Blickwinkeln verschiedener Charaktere jonglierend gibt sie einen Einblick in das Intrigenspiel am fernöstlichen Kaiserhof von Kan Thai Pan. Alexander Huiskes beteiligt sich mit einer Kurzgeschichten-Trilogie um den genretypisch etwas unbeholfenen Magier Bandor, die vom ersten bis zum letzten Teil deutlich besser wird.

Neben den zahlreichen gelungenen umfasst das Buch leider auch zwei deutlich daneben gegangene Geschichten, beide von Herausgeber Rainer Nagel. Während "Der Magier" weitgehend unverständlich bleibt, wenn man sich mit dem Midgard-Setting nicht auskennt, ist "Die Vanasfarne-Geschichte" ganz einfach ein zu ambitionierter und kläglich gescheiterter literarischer Versuch. Nagel nimmt sich in ihm die "Canterbury Tales", einen Meilenstein der englischen Literaturgeschichte, zur Brust und versetzt sie nach Midgard. Heraus kommt eine öde Mischung aus Faust’scher Studierzimmerszene und einschläferndem Anglistik-Seminar. Dabei hätte die Geschichte um ein finsteres magisches Manuskript viel Potenzial gehabt, man hätte sie nur spannender schreiben müssen.

Fazit:
Eine Sammlung überwiegend guter bis hervorragender Fantasy-Geschichten. Einige Beiträge eignen sich problemlos als stimmungsvolle Einführung in verschiedene Regionen Midgards.




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