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Gehenna: Die letzte Nacht
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 18.08.2005, Serie: Belletristik, Autor(en): Marmell, Ari, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 407, Erschienen: Juli 2004, Preis: 10,95 €


Die letzte Nacht ist der Auftakt der "Zeit der Abrechnung"-Trilogie, zugleich der letzte Roman für das Welt der Dunkelheit-System "Vampire: Die Maskerade" und für den Leser ein letztes Wiedersehen mit den Protagonisten, die er während der dreizehn Clansromane begleitet hat.

Seltsame Vorzeichen künden von einen großen Umbruch für die Kainiten, die jahrhundertelang versteckt mitten unter der menschlichen Bevölkerung lebten. Einige halten es für Gehenna, jenes Ereignis, in dem sich die Ahnen gegen ihre Kinder erheben und bei lebendigem Leib verschlingen. Andere halten es für eine Blutkrankheit, eine Epedemie, die zuerst die Ältesten der Alten befällt.

Ein Nosferatu-Archont wird plötzlich von einem Sabbatrudel fast niedergemacht, da sowohl seine Verdunklung und seine Geschwindigkeit überraschend versagen. Ein Sabbatprediger und Folterknecht wird von jenen vernichtet, die er eigentlich disziplinieren sollte. Die Camarilla nennt es das "Welken", und schnell wird ein Mittel zur zeitweisen Linderung gefunden: frisches Kainitenblut.

Im Brennpunkt Los Angeles haben sich die Cathayer, die Vampire des Ostens, aus der Stadt fast vollständig zurückgezogen - ein heißer Kampf um die Nachfolge entbrennt. Die Camarilla schickt die ehemalige Anarchenführerin Tara LaCroix ins Rennen, die schon Erfahrung als Prinz von San Diego gesammelt hat. Nun soll sie den losen Griff der Cathayer ganz abstreifen und zugleich ihre ehemaligen Weggefährten um MacNeil abwehren. Aber auch eine vierte Fraktion ist noch im Spiel: Immer mehr Dünnblütige sammeln sich unter der jungen Jena Cross, die fast kultisch verehrt wird auf Grund eines Mals.

Die Toreadorin Victoria Ash bittet den Gangrel-Mystiker, Forscher und Archäologen Beckett zu sich, allerdings nicht um ihn wie sonst "archäologischen Plunder" abzukaufen. Vielmehr möchte Camarilla-Gründer Hardestadt ihn unter vier Augen treffen. Er beauftragt Beckett damit, den Ursachen für das Welken auf den Grund zu gehen. Schließlich hat die Camarilla seit jeher die Möglichkeit von Gehenna geleugnet. Und nun möchte Hardestadt eine andere Erklärung für die Ereignisse finden. Zwar ist es für ihn nützlich, dass immer mehr innerhalb der Sekte von Gehenna sprechen, schließlich kann man sie festsetzen und so das eigene Welken lindern, aber ihm ist auch klar, dass eine Alternative bald her muss, ehe alles im Chaos versinkt.

Jedoch offenbart Beckett bei dem Gespräch, dass er ein Geheimnis Hardestadts kennt, welches dieser auf gar keinen Fall aufgedeckt wissen will. So beschließt dieser, den Brujah-Archonten Theo Bell auf Beckett anzusetzen und aus seiner Vernichtung seinen Nutzen zu ziehen... Beckett setzt sich derweil auf die Spur der Tremere, kein einziger dieses Clans ist greifbar. Fast so, als wäre jeder verschwunden. So macht er sich auf zum Monument ihrer Macht - Wien.

Ari Marmell legt eine gelungene Premiere als Romanautor hin. Zwar ist er ein wirklich erfahrener Schreiber, was Regelwerke und Quellenbücher der Welt der Dunkelheit angeht, so ist der Autor des neuen Vampire:Requiem, aber es ist tatsächlich sein erster Roman. Geschickt baut er zwei Haupthandlungen ein und verbindet sie durch seinen Hauptprotaghonisten Beckett. Zum einen ist da Becketts Suche nach dem Sinn des Unlebens und zum anderen die Ereignisse in LA, die stellvertretend für die chaotischen Zustände und Entwicklungen auf der ganzen Welt sind. Ereignissen, denen sich auch Beckett nicht entziehen kann.

Vor allem bindet er viele der liebgewonnenden Persönlichkeiten der bisherigen Romane ein und verschafft einigen auch einen würdigen Abgang. Gleichzeitig erschafft er eine spannende Atmosphäre, die den Leser noch zu überraschen weiß und ihn sich fragen läßt, warum einiges so passiert, wie es eben passiert. Und zuguterletzt zieht er sich mit einer achtbaren Lösung aus der Affäre, die einem dieses Gefühl gibt, dass man das Buch gleich nochmal lesen sollte...

Gelungen ist Marmell auch, die innere Zerissenheit der Camarilla zu schildern. Jahrhundertelang hielt man Gehenna für einen Mythos, nun brechen Ereignisse herein, die viele Ahnen alte Prinzipien - sprich die Traditionen - über Bord werfen lassen. Und da fragt sich in der Tat der ein oder andere, ob er beim richtigen Verein unterschrieben hat, so dass es zu Gruppenkonstellationen kommt, mit denen der Leser vorher wohl nicht im Traum gerechnet hätte.

Noch ein Punkt ist die Darstellung der Ahnen. Sie denken in anderen Kategorien, handeln nach weitsichtigen Prinzipien und sollten nicht zu Kampfgnomen verkommen, ähnlich wie in einer Neuauflage eines SciFi-Mythos. Und genau hier kann Marmell erneut Pluspunkte sammeln, egal ob Hardestadt, Salubri-Kind Rayzeel, der verstorbene Malkavianer Anatole (der Beckett noch in den Träumen erscheint) oder Becketts Begleiter Kapaneus, sie alle werden recht überzeugend als Ahnen dargestellt, was wirklich nicht jedem bisher gelang.

Im Gegensatz zum Nachfolgeband für Werwolf: Die Apokalypse, Die letzte Schlacht gelingt es Marmell, das liebgewonnene Spielsystem "Vampire: Die Maskerade" würdig "abzuservieren", so dass man nicht mit einem verstörten Gefühl zurückbleibt und man sich fragt, ob es das nun gewesen sein soll.

Fazit: Spannungsgeladenes Ende des Systems, bei dem noch einige Geheimnisse gelüftet, einige Handlungsstränge geschlossen und einige letzte Begegnungen inszeniert werden!




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