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Europa
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 23.08.2003, Serie: Rollenspiel, Autor(en): B.T. Boe u.a., Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 183, Erschienen: 2003, Preis: 25,95 €


"Europa" ist nicht nur irgendein Quellenbuch für Vampire aus der alten Welt, sondern DAS Quellenbuch, bereitet es doch den gesamten Kampagnenhintergrund zu jener Zeit auf. Anders als bisherige Städebücher, wie das durchaus gelungene Aachen bei Nacht, konzentriert es sich nicht auf eine, sondern konzentriert sich ausschließlich auf Quellenmaterial.

Hierzu wird der Schnitt durchs Europa des Jahres 1230 gesetzt. Die nahe Vergangenheit ist dementsprechend immer ausführlicher behandelt als die ferne und auf künftige Ereignisse weist nur das "Schicksal" hin – ob man es für seine Kampagne übernimmt, bleibt die eigene Sache. Auch verkommt das Heft zu keiner NSC-Sammlung, wie es früher oft war, erfrischend wenig NSCs werden ausführlich beschrieben, zwischen einem und drei je Kapitel. Auf insgesamt neun Kapitel bringt es das Werk, immer wird eine saubere Trennlinie zwischen historischen und fiktiven Ereignissen gezogen, so dass man viel über die europäische Geschichte lernt – mehr als in so manchem Jahr in der Schule...

Die "Britischen Inseln" bilden den Auftakt mit der wohl größten zusammenhängenden Kainitendomäne um den Ventrue Mithras, der schon mit den Römern nach Britannien eingespült wurde. Aktuell gibt es Konflikte mit Aquitanien, den englischen Besitzungen in Frankreich. Leider bildet das Auftaktkapitel einen sehr trockenen Anfang, welches den Einstieg nicht gerade erleichtert.

Frankreichs Regent, Ludwig IX., ist erst 16 Jahre alt und daher wird das Land de facto von seiner Mutter, Blanche von Kastillien, regiert. Mit ihrer absoluten Hingabe zum Kreuz hat sie den ersten inländischen Kreuzzug, den Albigenserkreuzzug, organisiert, bei dem Nicht-Christen, insbesondere Katharer, gnadenlos verfolgt werden. Dazu kommt die Auseinandersetzung der Krone mit verschiedenen Grafen, die die Krone geschwächt und ihre Zeit gekommen sehen, sowie mit England in Aquitanien. Den Autoren gelingt es die Hintergründe fesselnd und lehrreich zugleich an den Leser zu vermitteln.

Das Heilige Römische Reich erstreckt sich über die Königreiche Deutschland und Italien sowie dem Erbkönigtum Sizilien und das Zentrum der kainitischen Macht liegt in Magdeburg, wo Graf Jürgen vom Clan der Könige Hof hält, während der eigentliche Herrscher, sein Erzeuger Hardestadt, durch die Lande zieht. Weltlich ist Friedrich II. gerade aus Outremer, den Kreuzfahrerstaaten, zurückgekehrt und hat seinen Hof nach Sizilien verlegt. Neben dem 4. Kreuzzug streben die unzähligen deutschen Ritter auch zur Besiedlung gen Osten, teils zu Hilfe gerufen, teils in päpstlicher Mission unterwegs. Dazu kommen noch die mehr oder minder unabhängigen Städte in Italien, die mit wachsamen Augen beobachtet werden sollten.

Die iberische Halbinsel ist zersplittert und steht ganz im Zeichen der Reconquista, daher der Rückeroberung der von den Moslems eroberten Gebiete. Möglich wird das eigentlich erst durch die innere Zerstrittenheit dieser Fraktionen, während die Christen von Portugal, Leon, Kastilien, Aragon und Navarra erstaunliche Geschlossenheit im Angesicht des Feindes zu Tage fördern. Es gelingt sogar Moslems gegen Moslems kämpfen zu lassen. Al-Andalus, die islamischen Gebiete Spaniens, wurde um 700 von den Mauren erobert, Ende des 11. Jahrhunderts von den Almoraviden übernommen und kürzlich erst verleiben sich die Almohaden das Gebiet ein, welches sie nun etwa zur Hälfte beherrschen.

Als Ergänzung zum Heiligen Römischen Reich werden hier der Heilige Stuhl, der zu der Zeit noch direkt in Rom (und noch nicht im Vatikan) ist, und die norditalienischen Händlerstädte wie Venedig und Genua beschrieben. Es gibt einen hochinteressanten Einblick in die Funktionsweise des Papstapparates, wer hätte beispielsweise gewusst, dass der Papst bis 1870 in Fragen des Glaubens und der Moral NICHT als unfehlbar galt! Zwar wird der Papst auf Lebenszeit gewählt, meistens sind es aber schon betagtere Herren, so dass einige Päpste in der jüngeren Vergangenheit eine Rolle hier und da in der Politik spielten, wenn zur Zeit auch mit Gregor IX. ein wahrer Reformer an der Macht ist. Die Städte bündeln immer mehr Macht auf sich, Venedig beispielsweise kontrolliert nach dem Fall Konstantinopels den Schwarzmeerhandel, hat Niederlassungen in Griechenland und Kreta. Helfen ihre Truppen bei Schlachten, beansprucht die Stadt ein Anteil der Eroberungen. Übrigens, noch durchstreift ein Kappadozianer namens Augustus Giovanni die nächtlichen Gefilde der Stadt...

"Ungarn und der slawische Osten", Heimat und Drehpunkt der alten Clans, gerät zunehmend unter Druck der Kumanen, welche bald selbst von den Mongolen und ihrer goldenen Horde überrannt werden. Die Lösung scheint in Besiedlungsrechten für die Deutschritter an den gefährdeten Grenzen zu stehen, welche aber schnell immer unverschämter werden. Für die Kainiten scheint das Ende der langen Nacht angebrochen...

"Skandinavien und das Baltikum" entführt uns in den hohen Norden, wo die Wikinger-Ära schon längst verhalt ist und mittlerweile christianisierte Staaten hervorgebracht hat. Einzig Pruzzen und Lettland gelten noch als heidnische Staaten und werden unter der Autorität des Papstes u. a. von den Deutschrittern mit Schwert und Feuer christianisiert. Der Seehandel wird von der Hanse kontrolliert und es sind wohl in erster Linie wirtschaftliche Interessen, die das derart aggressive Vorgehen begründet.

Das oströmische Reich, Byzanz, ist nach dem Fall Konstantinopels 1204 (durch Kreuzritter und nicht durch Moslems...) zusammengebrochen und in viele kleine Nachfolgestaaten zerteilt. Der Westen hat sich hier schon seinen Einfluss gesichert, insbesondere Venedig hat sich dicke Stücke vom Kuchen abgeschnitten. Mit Konstantinopel wurde auch ein kainitisches Utopia vernichtet... Im Osten gerät das Kaiserreich Trapezunt (bzw. das Sultanat Ikonion) zunehmend unter den Druck und so steht nur noch das Kaiserreich Nikaia, der mächtigste Nachfolgestaat, zwischen Feind und Konstantinopel.

Outremer, so werden die Kreuzfahrerstaaten bezeichnet, stand bis vor kurzem im Zeichen der Kreuzzüge, allerdings gibt es z.Z. einen nominellen Waffenstillstand, bei der beide Seiten ihre Wunden lecken. So reicht die Region von Antiochia über Tripolis bis Jerusalem, welches freigepresst wurde. Die Kainiten der Region sind unter dem Ölbaumtag friedlich miteinander verbunden, oder sagen wir besser sie koexistieren friedlich nebeneinander. Herausragend ist sicherlich Ahmed ibn Zayyad, ein Assamit, der durch eine Begegnung mit Gott (vermutlich, er schweigt sich darüber aus) zum Christentum konvertiert und nun Prinz von Tripolis ist. Einzig Zypern bildet für Kainiten wie Sterbliche einen sicheren Rückzugshafen in der Region.

Fast alle Kapitel wirken wie aus einem Guss, trotz der insgesamt sieben Autoren, und gerade der Schnitt bei 1230 macht die Sache gelungen. Statt durch alle Jahrhunderte zu wildern, entwickelt der Leser Verständnis für Zusammenhänge im mittelalterlichen Europa und ich möchte behaupten, dass dieses Buch mehr wert ist, als so manches Geschichtsbuch. Außerdem regt es auch zum Nachforschen an! Spätestens für eine Kampagne in der "Alten Welt" ist eine Quellenrecherche erforderlich, egal ob sie nun stationär in Frankreich, England, Deutschland spielt oder unterwegs auf Kreuzzüge oder Handelsmission.

Als Fazit aber hat mich dieses Werk voll überzeugt, ich vermag mich kaum an ein Werk zurückerinnern, welches ich mit einer solchen Begeisterung verschlang, dann mal zum Lexikon griff, um etwas nachzulesen und mir die Nächte um die Ohren schlug! Auch der Preis von knapp 26 Euro erscheint mir für die 180 Seiten Softcover noch angemessen, in dieses Buch lohnt sich die Investition, Eure Geschichtslehrer werden es euch danken...




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