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Namenlose Nacht - Orgien in den Thermen (PDF)
Von Philipp Kiefner

Rezension erschienen: 13.09.2014, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Anton Weste, Verlag: Ulisses Spiele, Seiten: 152, Erschienen: 2014, Preis: 29,95 EUR (PDF: 19,99 EUR)


Schwarz umhüllt und werbewirksam mit einem roten "Empfohlen ab 18 Jahren"-Aufdruck versehen, so präsentiert sich das DSA-AbenteuerNamenlose Nacht - Orgien in den Thermen. Vordergründig wird hier das klassische Fantasy-Thema "Jungfer in Nöten" behandelt, doch wie der echte Einband zeigt, geht es auch um eine Reise zu den menschlichen Abgründe, vor allem um Sex, Drogen & Macht.

Ausgangspunkt der furiosen Handlung ist der verzweifelte Hotelier Travian Korninger. Seine liebreizende und hübsche 16-jährige Tochter Selinde ist verschwunden. Sie scheint übelmeinenden Halunken in die Hände gefallen zu sein, denn der besorgte Vater hat Nachforschungen über ihren Verbleib bereits mit ordentlichen Prügeln bezahlt. Nach diesem Vorfall verlangt ein mysteriöser Informant ein stattliches Sümmchen für Hinweise über ihren Aufenthaltsort. Die Übergabe soll in der Bardo-Therme erfolgen, wo seit Jahren zur Jahrwendfeier eine dekadente Orgie der Garether Oberschicht für Aufsehen sorgt. Das passt dem ziemlich biederen Papa so gar nicht, insbesondere weil dort alle Gäste verkleidet der Anonymität frönen und es ziemlich zügellos zugehen soll. Daher bietet er gutes Gold für die Begleitung durch wackere Recken, die keine Angst vor einer obsessiven, ausartenden Feier haben. Wer kann da noch ablehnen, insbesondere wenn sogar noch der Eintritt bezahlt wird?

Um nicht aufzufallen, werden sich auch die Spieler eine Kostümierung zulegen und angemessen Rahja huldigen. Es kommt so zu einigen sehr expliziten Handlungen und Möglichkeiten, die das Abenteuer genüsslich auslebt.
Natürlich ist das längst nicht alles. Zahlreiche, zu Beginn für die Helden nur unterschwellig erkennbare, Machenschaften finden in dieser Nacht der Nächte statt. Es geht um Verschwörung, Rache und dunkle Rituale. Aber auch Profanes wird sich auf dieser Orgie ereignen und die wahre Identität einiger prominenter Gäste wird ebenso erregend wie überraschend sein.

Es ist schon eine Weile her, dass mich ein Abenteuer derart restlos überzeugte. Ein Ort, eine Nacht und verschlungene Plots mit komprimierter Action, dass ist die Essenz von Namenlose Nacht. Neben der Möglichkeit mal ordentlich die Sau rauszulassen (Was auf der Orgie geschieht, bleibt auf der Orgie) und zahlreichen peinlich-lustigen Situationen, ist auch einiges an Hirnschmalz und gutem Rollenspiel verlangt. Jedoch müssen die Spieler nicht alle Nebenlinien erfassen oder gar lösen. Das Abenteuer geht seinen Weg, die Ereignisse nehmen ihren Lauf, mitunter gänzlich losgelöst von den Handlungen der Helden, ohne aber den Spielern das Gefühl zu geben, dass der Verlauf vorherbestimmt ist, denn das ist er bei Leibe nicht. Je nach Vorgehensweise ändern sich ganze Abschnitte, selbst das Finale schwankt zwischen schrecklicher Katastrophe und heroischem Sieg.
Natürlich ist das Ganze, entgegen der offiziellen Empfehlung, sehr anspruchsvoll zu leiten, doch eine klare Zuordnung der Handlungslinien mittels individueller Symbolik erleichtert dem Spielleiter die Aufgabe ungemein. Außerdem werden am Ende eines Kapitels die wichtigsten Informationen nochmals zusammengefasst. Neben der vorbildlichen Struktur, stimmen auch die Hintergrundinformationen. Was gibt es an kulinarischen Genüssen, welche Rauschmittel können konsumiert werden und wie wirken sie? Die Autoren beweisen zudem eine grandiose Phantasie bei der Auswahl zahlreicher frivoler, humoristischer oder nur allzu menschlicher Szenen, die einfach Lust auf das Abenteuer machen. Beispiele gefällig? Bei einer Partnerlotterie spielt man dem Helden einen Streich und bringt ihm ein Schaf ins Separee. Ein weiblicher Gast bezichtigt den Spieler im letzten Jahr ein Kind mit ihr gezeugt zu haben und verlangt nun Unterhalt. Ein zwielichtiger Gast bietet dubiose Hilfsmittel an, die sich als brandgefährliche Artefakte herausstellen. Oder gar ein von Drogen berauschter Magier, der mal "den Galotta machen" möchte. Doch Obacht, es gibt in den Thermen nicht nur relativ harmlose Vergnügungen, sondern auch Grenzwertiges, Verbotenes oder gar Perverses.
Glücklicherweise stehen dem Spielleiter unterschiedliche Rubriken mit Dutzenden Zufallsereignissen zur Auswahl, so dass er dem Abenteuer, je nach Gusto, eher eine düstere, verderbte Note oder aber eine heitere, frivole Rauschatmosphäre verleihen kann.
Doch nur allzu rasch wird es in den obligatorischen sowie einigen optionalen Szenen
ernst und die vagen Handlungslinien verdichten sich zusehends. Jetzt geht es Schlag auf Schlag in Richtung Finale und eine Kaskade an Ereignissen überrollt die Spieler. Nun ist gut beraten, wer nicht nur den Lastern frönte, sondern auch ein waches Auge auf die Umgebung hatte. Denn zu fortgeschrittener Stunde stehen die Helden dann massiv unter Zeitdruck. Wehe dem, der jetzt zu lange einer falschen Fährte folgt oder die Dinge aussitzen möchte. Je nach Spielkultur ist nämlich ein grausiges Ableben der Charaktere nicht ausgeschlossen. Das Abenteuer listet fortan minutiös die sich überschlagenden Ereignisse auf, was mittels Sanduhr ebenso plastisch wie drastisch veranschaulicht werden kann. Das Finale ist im wahrsten Sinn ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem nicht nur die Helden panisch um ihr Überleben kämpfen.

Ein Haar lässt sich aber dann aber doch noch in der Suppe finden. In der hier rezensierten PDF-Version ist die Übersichtskarte der Therme nicht als Handout geeignet, da ein Bereich gezeigt wird, der den Spielern nicht frühzeitig bekannt sein sollte. Also ausdrucken, weißen und kopieren. Kein Beinbruch also, aber unnötige Arbeit.

Fazit: Wer sich an dem erotischen Thema nicht stößt, rollenspielaffine, humorvolle Spieler an Bord hat und viele Handlungsstränge gleichsam zu führen vermag, der sollte Namenlose Nacht unbedingt spielen. Es bietet auf jeden Fall eine Riesen-Gaudi, bei der es richtig zur Sache geht. Man merkt auf jeder Seite, dass die Autoren viel Herzblut und Mühe investierten und so ein tolles und einmaliges Abenteuer schufen, an das die überlebenden Charaktere sicher noch lange zurückdenken werden.




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