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Die Reisende Kaiserin (PDF)
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 02.02.2014, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Jens Ullrich, Verlag: Ulisses Spiele, Seiten: 128, Erschienen: 2013, Preis: 25,00 EUR (PDF: 12,50 EUR)


Der Rezensent muss gestehen: Als studierter Historiker geht er düsteren Gelüsten nach. Beispielsweise kann er sich begeistert mit unterschiedlichen Königsheil-Vorstellungen in Frankreich, im Regnum Teutonicum und im Regnum Italicum beschäftigen, mit dem Aufstieg der Ministerialen und mit der Auflösung der Villikationsverfassung. Deshalb ist er möglicherweise kein ausreichend kritischer Richter über den Band Die reisende Kaiserin. Dieser beschreibt nämlich detailliert, wie die Führungsspitze des Mittelreiches funktioniert, wer im Umfeld der Kaiserin agiert und wie der Alltag des reisenden Kaiserhofs abläuft. Die Beschreibung läuft sehr eng an der realen Geschichte des Heiligen Römischen Reiches entlang, in dem Kaiser und Könige fast ständig "auf Achse" waren.

Ähnlich ist es in Aventurien: Nach dem verlustreichen Kampf gegen die Dämonenreiche und angesichts eines politisch erstarkten Adels residiert die junge Kaiserin Rohaja nicht mehr in Gareth, der nominellen Hauptstadt und zugleich Stammsitz ihrer Familie, sondern ist mit großem Gefolge zwischen den Pfalzen, Fürstenhöfen und Städten ihres Reiches unterwegs. Die reisende Kaiserin beschreibt, wie Herrschaft und Alltag unter diesen Bedingungen funktionieren.

Zunächst einmal greift der Band aber in die Geschichte zurück und informiert über die historischen und damit auch religiösen, juristischen und philosophischen Grundlagen des aventurischen Kaisertums, immer mit Blick auf das Verhältnis zwischen Kaiser, Hof, Vasallen und kaiserlichen Eigengütern. In diesen einleitenden Kapiteln wird besonders augenfällig, dass Autor Jens Ullrich selbst Historiker ist und sich in vielen Aspekten am realen Mittelalter orientiert.

Anschließend werden bestimmte "Standardsituationen" des reisenden Kaiserhofs vorgestellt; gewissermaßen als Bedienungsanleitung für Spielleiter, die sie darstellen möchten. Der Hof unterwegs mit besonderer Berücksichtigung von Marstall und Fuhrpark, der Hof im Kriegsfall, verschiedene Arten von Zusammenkünften und der Ablauf einer möglichen Audienz bei der Kaiserin werden geschildert. Besonders breiten Raum nimmt die Vorstellung der Reichsinsignien mit gelungenen Zeichnungen ein.

Danach geht es um die Personen im Umfeld der Kaiserin, von ihrem Verlobten, ihrem Knappen und ihrer Leibzofe über Leibwächter, geheime Gremien, Hofbeamte und -kaplane bis hin zum einfachen Volk, das sich als Tross um den Kaiserhof schart. Insbesondere der Tross hätte aber etwas mehr Platz verdient. Schließlich dürften die meisten Spielerhelden am Anfang und in der Mitte ihrer Laufbahn mit dem Tross statt mit der engeren Reichsspitze in Kontakt kommen. Auch im folgenden Kapitel zum Lagerleben kommt der Alltag des einfachen Volks etwas kurz.

Auf diese Beschreibung des Hofs selbst, die rund ein Drittel des Bands ausmacht, folgen detaillierte Vorstellungen einiger bedeutender oder besonders typischer Kaiserpfalzen. Das sind Burgen und Schlösser im Reichsbesitz, die unter anderem als Raststationen des Kaiserhofs dienen. Jede Pfalz ist mit einer ausführlichen Baubeschreibung und einem Blick in ihre Geschichte ausgestattet. Zudem erfährt man etwas über den jeweiligen Pfalzgrafen und seine Rolle im Geschehen der Region. Bei der Pfalz Bieberstein ist offenbar im Layout die Überschriften-Zuordnung verrutscht, so dass kleinere Abschnitte zu groß gesetzt wurden und fälschlicherweise auch im Inhaltsverzeichnis auftauchen.

Das folgende Kapitel stellte Persönlichkeiten am Kaiserhof vor, beginnend natürlich mit Rohaja von Gareth. Die Länge der Texte nimmt mit der Bedeutung ab, bis hinab zu Kammerdienern und Gauklern. Allerdings wären die Vorstellungen besser näher an der Erläuterung der verschiedenen Hofämter platziert gewesen, statt von ihnen durch das Pfalzen-Kapitel getrennt zu sein. Auch der eine oder andere Talent- und Eigenschaftswert kann nicht ganz überzeugen. Für die Elite des Mittelreichs scheinen manche Spielwerte etwas niedrig.

Den wesentlichen Rest des Bandes füllt eine Darstellung des Hoftags von Ragath. Er steht mustergültig für andere Zusammenkünfte, auf denen politische Verhandlungen geführt und nebenbei gefeiert, getanzt und so manches Turnier ausgefochten wird. Der Autor hat die Beschreibung in zwei Kapitel geteilt. Zunächst stellt er den Hoftag mit sehr plastischen und unterhaltsamen Texten aus der Sicht verschiedener Beteiligter dar. Dann folgt eine Abhandlung, die vor allem an den Spielleiter adressiert ist, um ihm bei der Darstellung der Ereignisse und der Übertragung auf andere Hoftage zu helfen. Wiederum muss sich der Abschnitt für das "einfache Volk" im Gesinde aber mit rund anderthalb Seiten zufriedengeben, während allein das offizielle Turnier fünf Seiten erhält.

Schließlich folgen zum Abschluss noch die "Mysteria et Arcana", die hintersinnige Pläne und Funktionen so manches zuvor präsentierten Akteurs am Hof enthüllen.

Insgesamt kann Die reisende Kaiserin überzeugen. Die Spielregeln im Machtzentrum des Mittelreiches werden deutlich und erscheinen aus der aventurischen Logik heraus nachvollziehbar. Besonders lobenswert: Obwohl es sich zu einem guten Teil um die Darstellung eines politischen Systems handelt, wird der Band an keiner Stelle langweilig. Das ist neben dem lebendigen Stil des Autors vor allem den großzügig verwendeten Ingame-Texten zu verdanken. Wer vorhat, seine Helden mit dem Kaiserhof in Kontakt zu bringen, findet in Die reisende Kaiserin jede Menge Anregungen und eingängige Informationen über dieses spezielle Setting. Aber auch für das Spiel im näheren Umfeld eines der kleineren oder größeren Provinzherrscher eignet sich das Buch als Ideenquelle.

Kritisch muss dagegen die begrenzte Darstellung des einfachen Volks bewertet werden. Hier wäre mehr Material wünschenswert gewesen, um Helden leichter einbinden zu können, die weder adlig noch bewährte Streiter für das Reich sind. Mit Blick auf die Gliederung wäre es vielleicht besser gewesen, das Pfalzen-Kapitel ans Ende zu verschieben.

Zwei weitere Aspekte fehlen leider fast vollständig: die außerhöfische Politik und die Gegenspieler. Die kaiserliche Verlobung und die aktuellen Streitigkeiten zwischen verschiedenen Adelsgruppen erhalten zwar breiten Raum, aber andere Aspekte wie die fortbestehende Bedrohung durch die Schattenlande und insbesondere durch die Fürstkomturei, die endgültige Befriedung der Wildermark und der Bürgerkriegsregion Albernia, das Verhältnis zu den Orks oder zum Horasreich fehlen fast vollkommen. Das alles und noch mehr müsste aber eigentlich Thema am Kaiserhof sein. Außerdem finden sich noch nicht einmal in den "Mysteria et Arcana" Hinweise darauf, dass es Spione der Schattenlande oder auswärtiger Mächte sowie Agenten des Namenlosen gäbe. Dabei sollte man doch annehmen, dass der finstere Gott gerade am Kaiserhof vertreten ist.

Anmerkung: Dieser Rezension liegt die elektronische Ausgabe als pdf-Dokument zu Grunde.

Fazit: Wer seine Spielerhelden an den reisenden Kaiserhof führen oder an anderen Orten Bezüge zur hohen Politik herstellen will, ist mit Die reisende Kaiserin bestens bedient. Das Buch beschreibt sein nicht ganz simples Thema leicht verständlich und doch tiefgründig. Die etwas dürftigen Darstellungen des einfachen Volks, politischer Entwicklungen außerhalb des engen Hofgeschehens und bekannter Gegenspieler verringert den Wert des Bandes nur geringfügig. Spielergruppen, die lieber ohne politische Bezüge agieren, können auf das Buch jedoch gut verzichten.




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