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An fremden Gestaden (PDF)
Von Philipp Kiefner

Rezension erschienen: 10.06.2013, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Alex Spohr, Verlag: Ulisses Spiele, Seiten: 160, Erschienen: 2012, Preis: 25,00 EUR


"Auf nach Uthuria!", so lautet die Losung dieser Epoche. Ein neuer, unerforschter Kontinent wartet auf seine Entdeckung. Wer besitzt den Mut sich den unzähligen Gefahren zu stellen? Wer verfügt über das Geld um die riskanten Expeditionen zu finanzieren und wer ist von genügend Forschergeist beseelt um uralte Geheimnisse zu enträtseln? Seid ihr also bereit Euer Säckel zu erleichtern, Leib und Leben zu riskieren, in der Hoffnung unermesslichen Reichtum und sagenhaftes Wissen zu erlangen? Hofft Ihr den Quell des ewigen Lebens zu finden? Dann Leinen los und auf nach Uthuria!

Den Schlüssel zu dieser neuen Welt bietet das Gruppenabenteuer An fremden Gestanden, welches jedoch viel mehr ist als eine Abfolge von Questen mit Happy End. Denn der Band ist ein formidabler Einstieg zu einem der größten Abenteuer in der Geschichte des Schwarzen Auges. War Myranor für Viele allzu exotisch, so bietet Uthuria für aventurische Recken den lang ersehnten Aufbruch zu neuen Ufern.

Doch vor dem Erfolg haben die Götter bekanntlich die Mühen gesetzt und so ist auch die Reise in das Land der Feuermenschen, wie Uthuria auch genannt wird, lang, beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Als Mitglieder einer Expeditionsflotte unter Stover Stoerrebrandt soll den Helden die Überfahrt gelingen. Je nach Lust und Laune kann vor Reisebeginn die Gruppe ihre logistischen und planerischen Fähigkeiten ausleben, denn der Band bietet Ausrüstungslisten, Mannschafts- und Schiffsbeschreibungen sowie Kostentabellen zuhauf. Leider sind anderweitige Aktivitäten in diesem Kapitel eher rar gesät.
Doch alternativ kann man auch ganz unprätentiös einfach auf ein Schiff zu steigen, "die Leinen los!" rufen und den Statistikgötter einen schönen Tag wünschen, schließlich bietet die Reise nach Uthuria noch genug Aufregung. Und wem die Reise mit dem greisen Pfeffersack zu öde scheint, kann auch auf eine der anderen, optionalen Expeditionen anheuern.
Apropos "optional": An fremden Gestaden ist nach dem Prinzip "Alles kann, nichts muss" konzipiert. Das bedeutet für den Spielleiter viel Freiraum für eine individuelle Selektion der verschiedenen Abenteuermodule, jedoch auch einiges an Arbeit. Denn das sei schon einmal vorweg genommen, der Band ist schlecht lektoriert und dementsprechend klaffen an allen Ecken und Enden logische Fehler, absurde Überschriften und falsch positionierte Textpassagen.

Das zweite Kapitel des Abenteuers behandelt dann umfangreich die Überfahrt zu den fremden Gestaden. Auch hier ist wieder an alle Spielertypen gedacht worden. So gibt es zahlreiche Tabellen, Beschreibung und zufällige Ereignisse mit denen sich der Schiffsalltag plastischer beschreiben lässt.
Damit die Reise nicht zu eintönig wird, liegen mehrere Eilande und Inselgruppen auf dem Weg zum neuen Kontinent. Ausgestatten mit einer Beschreibung und Szenarienvorschlägen kann man dort auch ein oder zwei Spielabende verbringen. Für den Meister gibt es auch eine Karte, so dass er eine spannende Reiseroute für seine Truppe planen kann. Dabei gibt es nur wenige Fixpunkte, so dass die Überfahrt sehr lang- bzw. kurzweilig, dem jeweiligen Geschmack entsprechend, gestaltet werden kann. Die eigentliche Schlüsselszene kann man jedoch getrost weg lassen. Während man den logischen Fehler rund um die Karte des Diago Klabinto noch retuschieren kann, so ist die ganze Szene auf Ghurenias selbst derart konstruiert und fremdbestimmt, dass man sie nur einer von der DSA-Willkür ziemlich abgestumpften Heldengruppe zumuten sollte. Vom "Rätsel" der Monaden einmal ganz zu schweigen.

Doch lassen wir die Ärgernisse auf See zurück und blicken zuversichtlich nach vorne, denn im dritten Kapitel heißt es endlich: "Land in Sicht" und der Kontinent Uthuria liegt vor der abgekämpften Expedition.
Hier nimmt das Abenteuer einen ungewöhnlichen Verlauf. Anstatt mit der Beschreibung der Bucht rund um Porto Velvenyas und den Umständen der Anlandung fortzufahren, werden ohne weitere Kommentierung übereilt drei Hauptabenteuerlinien abgearbeitet. Erst gegen Ende des Bandes finden sich wenige Seiten zu den ersten Schritten auf fremden Boden. Dieses Manko wurde nachgelagert durch der Downloadmöglichkeit von Regeln zum Lageraufbau über die Ulisses-Hompage etwas gemildert.
Doch kommen wir wieder zu den drei Handlungssträngen zurück. In "Augen in der Nacht" (15 Seiten) werden die Helden mit einem uralten Schrecken konfrontiert, der sich problemlos in ein kleines Horrorszenario mit einer kräftigen Prise Indiana Jones verwandeln lässt. Doch Obacht! Spieler, welche schon die Borbaradkampagne verfolgt haben, werden vielleicht ein Deja-Vu erleben, so dass in diesen Fällen einige Meisterkniffe von Nöten sind um den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.
Nichtsdestotrotz stellt "Augen in der Nacht" ein guter Einstieg dar, der sich gut mit den Gefahren der ersten Expeditionen ins unbekannte Land kombinieren lässt.

Dahingegen enttäuscht die Episode "Der Stab des Numinoru" (4 Seiten) um die Priesterin Nudara völlig. Die reichlich konstruiert wirkende Geschichte ist widersinnig und völlig überflüssig. Was die Autoren hiermit bezwecken wollten, bleibt rätselhaft. Auch die chronologische Einordnung fällt schwer. Eigentlich ist sie nur vor bzw. während "Augen in der Nacht" sinnvoll, stört aber als Nebenschauplatz in dessen düsteren und spannenden Erzählungsbogen. Ohne größere "Umbauarbeiten" wird es hier also nicht gehen, denn der, wieder einmal fremdbestimmende Fluch und das Plündergut sind für das Abenteuer von gewisser Bedeutung und sollten nicht derart en passant abgearbeitet werden. Am besten man verzichtet ganz auf den Fluch und bringt den "Loot" im ersten Abenteuer unter.

Die dritte Geschichte "Zeit des Blutes" (3 Seiten) ist eine gute Gelegenheit die Heldengruppe etwas mehr ins uthurische Hinterland zu führen und so die Eigenarten der fremden Fauna und Flora zu präsentieren. Auch ergeben sich Ansatzpunkte für mehr Interaktionen mit den einheimischen Stämmen. Letztlich handelt es sich aber um eine nette kleine Queste mit Inka-Flair im Stil des Films 10.000 B.C., jedoch ohne großen Tiefgang.

Zur Ausgestaltung sollte man sich mit dem Anhang vertraut machten, dieser bietet dann endlich eine ausführlichere Beschreibung der Eingeborenen, von Fauna und Flora sowie einigen ausgesuchten Fremdwesen. Dort sind auch die Kurzporträts der Meisterfiguren verborgen sowie die etwas deplatziert wirkenden Werte für uthurischer Heldencharaktere, -professionen und –kulturen. Zusätzlich wird noch ein bunter Strauß an Verweisen und Informationen, wie beispielsweise Film- und Buchreferenzen zum Thema Expedition in den Dschungel präsentiert. Allerdings erscheint der Begriff Anhang bei einem stolzen Umfang von 40 der insgesamt 160 Seiten etwas irreführend. Kurzum, hier findet sich dann alles, was vorher zu fehlen scheint und notwendig ist um dem Kontinent ein Gesicht zu verschaffen.

Der modulare Aufbau, der in den ersten zwei Kapiteln, also bei der Expeditionsvorbereitung und der Überfahrt, die große Stärke von An fremden Gestaden war, verkehrt sich im dritten Abschnitt ins Gegenteil. Die Szenarien wirken mit Ausnahme von "Augen in der Nacht" unausgegoren und wenig aufeinander bezogen. Im Anbetracht der zuvor präsentierten Detailfülle mit unzähligen Beschreibungen und Tabellen wirkt die Episode der Anlandung und des Lageraufbaus ziemlich blutleer. So fehlt es in den Schlüsselmomenten an stimmungsvollen Erzählpassagen. Wo bleibt die eindrucksvolle Szene, wenn die Expeditionsteilnehmer zum ersten Mal ihren Fuß auf uthurischen Sand setzen? Wie gestaltet sich der vorsichtige Erstkontakt mit den Eingeborenen? Und wie verhält sich eigentlich Stover Stoerrebrandt, der ja immerhin Expeditionsleiter ist? Antworten sucht man hier vergeblich.
Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Sache die erheblich stört. Das Abenteuer weist mehrfach darauf hin, dass die Stoerrebrandt-Expedition in der Bucht von Velvenya anlanden soll bzw. muss, was bei genauerer Betrachtung jedoch kompletter Unfug ist. Denn dort befindet sich bereits seit Jahren der ganz gut ausgebaute Stützpunkt der Al’Anfaner, so dass der ganze Entdeckercharme verloren ginge. Zudem wäre unverständlich warum von dort nicht schon längst gegen die Khartariaks vorgegangen wurde.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass dem Autoren Alex Spohr schlicht und ergreifend der Platz ausgegangen ist, weshalb nach den ausführlichen und kreativen Reisepassagen plötzlich auffällige Leere herrscht. Dieser Umstand verwässert leider den eigentlich ganz passablen Eindruck, ebenso wie das mangelhafte Lektorat, das so mache Holprigkeit übersehen hat. Auch überrascht es, dass es eigentlich kein Ende, keinen Höhepunkt gibt. Der Band mäandert richtungslos aus, erwähnt eine mögliche Expedition zu einem Heiligtum des Owangi, Aufträge für die al’anfanische bzw. horasische Kolonie sowie eine Heimkehr nach Aventurien. Das ist beliebig und enttäuschend und kann nicht mit dem Hinweis auf eine möglich große spielerische Freiheit entschuldigt werden.
Auch an anderer Stelle überzeugt "An fremden Gestaden" nicht. Nach dem eindrucksvollen Cover erhofft man sich eine ebensolche Illustration, doch fehlt sie größtenteils, leider. Immerhin gibt es bunte Karten von Norduthuria, die weitere Expeditionsziele erahnen lassen.

Fazit:
An fremden Gestaden ist und bleibt, trotz aller Mängel, für angehende Uthuria-Fahrer Pflicht. Die einzigartige Fülle an Informationen zur Vorbereitung einer Expedition kombiniert mit den vielfältigen Szenariovorschlägen auf den Inselzwischenzielen ist einfach nicht zu ersetzen. Hinzu kommen die im Anhang etwas versteckten Beschreibungen der uthurischen Eingeborenen, von Flora und Fauna und letztlich das spannende Abenteuer "Augen in der Nacht".
Jedoch muss der Spielleiter noch einiges an Eigenleistung erbringen um aus den Fragmenten rund um den neuen Kontinent eine stimmige Geschichte zu zimmern. Insgesamt kann man das Fazit ziehen, dass es sich hier nicht um einen klassischen Abenteuerband handelt, sondern eher um einen Quellenband mit dem Titel "Expeditionen nach Uthuria".




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