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Zwischen Simulation und Narration - Theorie des Fantasy-Rollenspiels
Von Nils Rehm

Rezension erschienen: 12.03.2012, Serie: Belletristik, Autor(en): David Nikolas Schmidt, Verlag: Peter Lang GmbH - Internationaler Verlag der Wissenschaften, Seiten: 403, Erschienen: 2012, Preis: 64,00 €


Als Ulrich Kiesow, der Erfinder des Schwarzen Auges, im Januar 1996 an mich schrieb: Und ich befand vor einiger Zeit, daß ich ausgerechnet von einem solchen Zine (gemeint war das damalige Fanzine Der Nordländer), das nur dazu da ist, dem Geltungsdrang seines Machers ein Podium zu verschaffen, es nicht hinnehmen muss, mein Spiel, das zugleich mein Lebenswerk ist, mit Gülle übergießen zu lassen.
Damals hatte die deutsche Rollenspielszene gerade den Sprung auf die nächste Entwicklungsstufe gewagt. Nach jahrelangem unglaublichen Wachstum der Szene und dem Entstehen einer riesigen Fanzine-Szene, drängten immer mehr Fans auf mehr Einfluss bei den Verlagen. Sie wollten mehr Eigenverantwortung. Gleichzeitig waren zunehmend immer mehr Spieler auf der Suche nach dem Geheimnis der Faszination des Rollenspiels. Die Folge: Immer mehr theoretische Texte zum Thema Rollenspiel entstanden.
Zu Beginn ging es, wie man am obigen Zitat erkennen kann, eher um Positionskämpfe innerhalb wie außerhalb der deutschen Szene. In den Vereinigten Staaten hatte Pat Pulling aus persönlichen Motiven eine Hetzkampagne gegen das Rollenspiel befeuert und auch in Deutschland sahen sich Rollenspieler dem Unverständnis ihrer nicht eingeweihten Mitmenschen ausgesetzt. Rollenspiel fördert die Unterdrückung von schwächeren Menschen. oder Rollenspiel fördert Gewalt. waren zwei der beliebtesten Stoßrichtungen der uninformierten Kritiker, die gerne auch von den Medien aufgegriffen wurden.
Das ist insofern seltsam, als die wesentlichen Elemente des Rollenspiels - Spielen, Erzählen, Simulation - fast allen bekannt sind, nur eben nicht in dieser speziellen Kombination.

Der Autor David Nikolas Schmidt deckt unter anderem diesen Umstand einmal systematisch in seiner gerade erschienen Dissertation Zwischen Simulation und Naration - Theorie des Fantasy-Rollenspiels auf.
Er selbst kennt das Rollenspiel (laut Netzinformationen) seit 1994 und ist auch als Autor in der Szene (z.B. als Mitarbeiter des Fanzines Thorwal Standard und Autor von Abenteuern) bekannt. Sein Weg ist inzwischen ein immer häufiger gegangener. Rollenspieler erforschen zunehmend ihr eigenes Hobby: Ulrich Janus, Rainer Nagel, Jeannette Wette, um nur einige zu nehmen, sind dafür Beispiele. Nachdem es zunächst eher um die Dokumentation der Herkunft und Geschichte des Rollenspiels ging, stehen inzwischen immer öfter auch speziellere Themen im Fokus der Forschungsarbeiten. Sie fallen bisher aber noch alle in den Bereich der Grundlagenforschung, denn das Rollenspiel ist eine noch vergleichsweise junge Spielegattung. Für alle Kapitel setzt David Nikolas Schmidt deshalb voraus, dass sie zahlreiche Fäden aufgreifen, ohne sie zu Ende zu führen. Man bekommt damit vor Augen geführt, wie viele Fehler noch beforscht werden können.

Schmidt geht es vor allem um den Zusammenhang von simulativen und narrativen Elementen des Rollenspiels. Da es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, steht die Falsifizierbarkeit im Vordergrund, die einen hohen Grad an Nachvollziehbarkeit voraussetzt. Deshalb definiert der Autor den Begriff Rollenspiel zunächst umfassend und schlüssig und beschreibt dann sein Vorgehen.
Dabei wirken auf mich als Rollenspieler (seit 1986) viele Passagen befremdlich, was aber nicht an Fehlern Schmidts liegt, sondern daran, dass ich als junger Spieler überall eingetrichtert bekam, wie weltfremd das Rollenspiel doch sei und was für eine brotlose, zeitverschwendende Kunst. Und jetzt tauchen in den Fußnoten all die Namen ehemaliger Fanzine-Gefährten oder Verlagsschreiber auf, die mich damals schon begleitet haben. Auch die schon erwähnte Pat Pulling wird zitiert - jene Pat Pulling, die dank der Arbeit des Rollen- und Simulationsspielvereins "252" von 1995 ein rotes Tuch für alle damaligen Fans geworden ist. Gelesen hat aber hierzulande fast niemand ihre Publikationen.

Schmidt untersucht exemplarisch im Vergleich drei Rollenspiele: Das Schwarze Auge, Shadowrun und Call of Cthulhu, bevor er dann genauer unter die Lupe nimmt, ob es sich hier um neue Formen des Erzählens handelt. Am Ende werden die Ergebnisse gebündelt, wobei besonders interessant für Rollenspieler, die ihr Hobby noch verteidigen müssen, die Gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung des Rollenspiels sein dürfte. Vieles ist davon grundsätzlich schon bekannt, aber selten wurden die Erkenntnisse gesammelt und kombiniert dargestellt.

In meinem Beruf arbeite ich oft mit dem Rollenspiel verwandten Methoden, die allesamt zum klassischen Kanon sozialwissenschaftlicher Methoden in der Lehre zählen. Als neulich ein Schüler zu mir kam und seine Facharbeit über den dramatischen Aspekt des Rollenspiels schreiben wollte, habe ich ihm noch wärmstens davon abgeraten. Mein Motiv war dabei vor allem die schlechte Quellenlage.
Das war einige Wochen, bevor Schmidts Dissertation erschienen ist. Und wer weiß, vielleicht ist der Tag gar nicht mehr so weit entfernt, dass das Rollenspiel weitgehend erforscht ist und allgemein als normales Spiel angesehen wird. Es hat sein Potential noch nicht voll ausgeschöpft, so Schmidts Meinung, und hat damit vermutlich noch eine interessante Zukunft vor sich.

Fazit: David Nikolas Schmidts wissenschaftliche Publikation Zwischen Simulation und Narration ist ein wichtiger Beitrag zur Grundlagenforschung zum Thema Rollenspiel. Für langjährige Spieler ist es aber auch eine gelungene systematische Dokumentation ihres Hobbies. Trotz des hohen, für wissenschaftliche Literatur aber normalen Preises ist es für Rollenspieler empfehlenswert. Angst vor Fremdwort-Orgien oder der wissenschaftlichen Tugend der extremen Satzschachtelung muss man nicht haben. Schmidt schreibt auch für Normalsterbliche lesbar - vielleicht eine Folge seines Hobbies.




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