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Ordensbuch Michaeliten
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 19.03.2003, Serie: Rollenspiel, Autor(en): O. Graute, O.Hoffmann, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 96, Erschienen: 2003, Preis: 17,95 €


Die, die sind wie Gott


In beeindruckendem Layout liegt nun das Ordensbuch: Michaeliten vor mir, dass inhaltlich mit den beeindruckenden Bildern mithalten kann.

Die beiden Autoren möchten uns jenen Orden näher bringen, der gemeinhin als die Führer der (Engels-) Scharen bezeichnet wird. Sie starten mit ihrer Annäherung im Italien des 27. Jahrhundert, Mutterland der Angelitischen Kirche. Im Kapitel "Urbs et orbis" wird sachlich-fachlich, dass mancher sich in ein Geographielehrbuch aus Schulzeiten oder an seinen letzten Reiseführer erinnert fühlt, auf das mächtigste europäische Land und seinen zwölf (heilige Zahl!) Provinzen eingegangen. Kurz und bündig, so dass es nicht zu trocken wird, bieten sie dem Leser eine grobe Übersicht auch wenn es nicht genügend Material beinhaltet, um einem Spielleiter eine ganze Kampagne in einer der Regionen zu ermöglichen. Genügend Ansätze bietet es aber allemal, so dass jeder Spielleiter die Welt noch nach seinen Vorstellungen ausschmücken kann.

Die Übersichtskarte ist ebenfalls stillvoll gezeichnet und wird dem Leser wegen dem riesigen Dreieck um Korsika und Sardegna (Sardinien) herum ins Auge fallen – ein unüberwindbares Brandland rund um diesen Sektor, wo sich die Tore der Hölle geöffnet haben. Niemand außer dem Herrn der Fliegen höchstselbst weiß, wie es im Inneren aussieht.
Der zweite Teil des Kapitels kümmert sich um die Hauptstadt Roma Æterna, der umgebenen Provinz Latium und der wichtigsten Gebäude der Stadt. Es geht aber auch auf gesellschaftliche und historische Fragen ein.

Das "Castra Michaelitorum" beschreibt das wohl zentralste und größte Gebäude des neuen Roms, den Himmel der Michaeliten. Ausführlich wird auf die Struktur, Tore, Wohn- und Versorgungseinheiten eingegangen und durch die 3-fach A4 große, stilvolle Gebäudekarte ergänzt, die den riesigen Turm in Gänze mit Aufrissen an einigen Stellen zeigt, so dass man letztendlich ein plastisches Bild gewinnt.

"Machinationes Michaelitorum" geht nun auf den Orden ein, angefangen mit der Ankunft des Engels auf Erden, der drei Ausbildungsabschnitte, den sogenannten Claustrums, die er durchläuft, ihren Unterorden und Gruppierungen, bis sie schließlich den Ruf in die weite Welt folgen. Spätestens hier wird es richtig spannend zu lesen, so außergewöhnlich und fremdartig ist diese Rollenspielwelt, ohne ins irreale oder absurde abzudriften.
Der Rest des Kapitels erläutert spezielle Michaeliten-Mächten (nach d20) sowie stellt es sechs Beispielcharaktere vor, die vom fanatisch-verblendeten Jungengel bis hin zum resignierten Ungläubigen reichen. Sie sind so angelegt, dass sie sowohl schnell als NSC benutzt werden können als auch als (Teil eines) Spieler-Charakterkonzepts dienen können. Hierbei erfrischt die Vielfalt wo es sich hier nicht um die stereotypen Platzfüller handelt, wie es bei Vampire-Clanbüchern manchmal vorkommt. Auffällig sind die deutlichen Unterschiede des werteorientierten d20-Systems und dem viel freizügigerem Arkana-System.

"Michaeliti extra fines" erläutert verschiedene Außenposten des Ordens in Europa, wobei es immer auch viel über politische Hintergründe zu erfahren gibt. Dover Island stellt z. B. die letzte Bastion der Michaeliten in Britannien dar, welches überraschend den Gabrieliten überantwortet wurde. Der Schreibstil fasziniert und lässt förmlich einige mögliche Szenarien und Abenteuerideen in den Köpfen des lesenden Spielleiters vorbeiziehen. Ergänzt wird das Kapitel mit den Beziehungen des Ordens zu den anderen Engel-Orden.

Zu guter letzt bildet "Dramatis Personae" eine Vorstellung bedeutender Ordensmitglieder, welche im wesentlichen durch die Vorsteher des Himmels und das Konsistorium, das höchste Gremium des Ordens, gestellt werden. Aber auch hier muss ich nochmals auf den durchweg gelungenen und den Leser faszinierenden Schreibstil hinweisen.

Die einzelnen Kapitel werden jedenfalls von einem Introitus begonnen, atmosphärischen, zweiseitigen Kurzgeschichten. Das Cover ziert ein beeindruckend schwarz-weiß getuschter Michalit, der Stil des mit gold kalligraphierten Lettern gezeichneten Titel wird im Inneren fortgesetzt, und auch die getuschten Engel im Inneren zeugen von der hoher Qualität des gesamten Werks. Durchbrochen wird das zweispaltige, sehr übersichtliche Layout stellenweise von randlosen Textboxen, die tieferes Wissen über das Europa des 27. Jahrtausend und die Welt der Engel vermitteln oder auch mal die NSC-Werte beinhalten. Im Appendix finden sich noch zwei spezifische Waffen für das d20-System und die obligatorische Open Gaming License.

Etwas kritisch muss ich auf die Rechtschreibfehler eingehen, zwar halten sie sich in Grenzen, scheinen mir sie aber so augenscheinlich, dass es seltsam ist, dass weder Lektorat noch Korrektorat sie gesehen haben. Jedoch mit dem Wissen, dass dieses zu 50% aus den Autoren besteht, wird es leichter nachvollziehbar.

Fazit:
Marketingtechnisch nicht ungeschickt ist SL- und Spielerwissen gut durchmischt, reich an Informationen eben nicht nur über Michaeliten, fast immer atmosphärisch und spannend und layouttechnisch wohl das Beste, was der Markt im Augenblick zu bieten hat. Spielern sei allerdings abgeraten, sich das Heft ohne Rücksprache mit seinem SL zu kaufen, da viele Erzähler ihre Spieler als frisch auf Erden angekommene Engel starten lassen wollen ohne jegliches Vorwissen (auch seitens des Spielers, nicht nur des Charakters). Ansonsten komme ich zu einer uneingeschränkten Empfehlung trotz eines Preises von fast 20 Euro.



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