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Osiris - Grundregelwerk
Von Nils Rehm

Rezension erschienen: 05.05.2003, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Thomas E. Müller, Verlag: The Lore Factory, Seiten: 200, Erschienen: 2002, Preis: 20 €


Es ist immer ein Risiko, in einem vollen Markt ein neues Rollenspiel herauszubringen. Im Fall "Osiris" ist es das umso mehr, als es sich nicht um eine große Firma handelt. Preislich ist das C5-formatige Spielerhandbuch mit einem Softcover in Vollfarbdruck und seinen 200 Seiten mit 20,00 € durchaus im grünen Bereich. Die Frage ist nur: Wie hat es Osiris geschafft, die traditionell besonders regelbedürftigen Teile Charaktergenerierung, Magie und Kampf zu lösen?
Der Selbstanspruch wird vom Verlag so umrissen: "Die größte Besonderheit ist die strikte Trennung zwischen Regelwerk und Szenario. Dadurch wird es sowohl Einsteigern wie erfahrenen Spielern ermöglicht, mit den bekannten Regeln [...] in neuen Spielwelten zu spielen, ohne sich jeweils wieder lange in die Regelbücher einlesen zu müssen. Das Osiris System bietet viele flexible Möglichkeiten, um Regeln zu vereinfachen oder detaillierter zu gestalten. Es wird auf eine starke und aktive Einbindung der Fans gesetzt, sie erhalten Freiheit, Szenarien und Regeln zu erweitern und diese anderen Spielern der Commuity vorzustellen."
Um es vorweg zu nehmen: Ganz kann dieser Anspruch nicht eingelöst werden, aber insgesamt ist Osiris ein hervorragendes System. Aber schauen wir ins Detail.
Zuerst hatte ich bei dem Namen Osiris an ein Rollenspiel in Ägypten gedacht. Tatsächlich ist der Name eine Abkürzung für "Offener Standard im Rollenspiel, Infinite System". Damit steht es in direkter Konkurrenz zu D20 und GURPS, die beide aber deutlich teurer sind. Bei Osiris kommt man bei Bedarf sogar kostenlos davon, denn das Regelwerk und noch Einiges mehr stehen auch unter www.osiris-rpg.de zum Download bereit.
Der erste Blick ins Regelbuch ist erfreulich. Das Layout ist sauber, stimmungsvoll und der Eindruck der Übersichtlichkeit bestätigt sich sofort beim Lesen. Trotz des Anspruchs ist das System aber nicht für Einsteiger geeignet, wenn sie nicht schon Erfahrung mit Rollenspielen gesammelt haben. Eine generelle Einführung z.B. zum Rollenspielen an sich, wie man sie bei den großen Systemen findet, gibt es hier nicht. Allerdings sind Anfänger wohl auch nicht die Klientel eines generischen Systems. Um mit Osiris zufrieden zu sein, muss man zudem schon über die Schwelle des Hack’n Slay hinaus sein, da das Rollenspiel Wert auf ausgefeilte Charaktererschaffung und Realismus legt. Beides dürfte für 14-jährige DSAler uninteressant sein.
Verständlichkeit steht im Zentrum aller Erläuterungen im Regelwerk. Es gibt immer neben der reinen Erklärung auch Beispiele, die plastische Vorstellung ermöglichen. Das ist auch nötig, wenn man sich z.b. die fünf Haupteigenschaften ansieht: Mentale Leistung, Fitness, Physis, Vita und Psycho, die in jeweils drei sogenannten Charakterwerte zerfallen. Dabei bedient sich der Autor in letzterem Fall eines Freudschen Modells und schafft es trotzdem nicht in esoterische oder schwer verständliche wissenschaftliche Welten abzutauchen. Alles ist funktional und so verwundert es nicht, dass sofort schon beim Lesen der Eindruck eines sehr ausgereiften Systems entsteht. Man merkt die seiben Jahre Entwicklungsarbeit.
Die Erschaffung eines Charakters mit Eigenschaften und Charakterwerten basiert auf einem Punkteverteilungssystem, wie es inzwischen die meisten Rollenspiel anbieten. Das sorgt für Ausgewogenheit in einer Spielrunde. Dank der Vielfalt alleine bei den Grundeigenschaften entstehen trotzdem sehr individuelle Charaktere, was allerdings auch viel Zeit kostet. Stärken und Schwächen werden dann per Würfel ermittelt, um das Profil zu verfeinern. Bei den Fähigkeiten und Kenntnissen kann man sich an Profilen für Berufe orientieren oder selbst relativ frei basteln.
Ähnlich dem Hârnmastersystem erzeugt Osiris keine Superhelden. So steigt die Gesundheit (etwa Lebenspunkten vergleichbar) nicht mehr an. Entwicklung vollzieht sich eher im Charakterprofil und seiner Ausrüstung. Fähigkeiten können durch häufigere Anwendung gesteigert werden. Dazu wird aber eine einfache Würfelprobe fällig.
Magie bei Osiris ist charakterwertabhängig nicht berufsabhängig. Allerdings ist die Stimmigkeit des eigenen Charakters wichtig. Völlig entgegengesetzte Schwerpunkte lassen sich kaum gleichzeitig realisieren. Dafür kann man aus einer breiten Basis sogenannter Metafähigkeiten auswählen. Neben den bekannten Formen Magie und Theologie (Kleriker) gibt es die selteneren Schamanismus und Mentatentum. Das Wirken von Formeln, Sprüchen, etc. erschöpft dabei den Metafähigkeitsbegabten und setzt damit seiner Macht Grenzen. Spruchlisten liefert das Spielerhandbuch übrigens nicht, wohl aber Beispiele zur Erstellung. Wahrscheinlich bringt das Spielleiterhandbuch da Abhilfe, wobei ich die Freiheit, selbst kreativ zu werden, auch sehr reizvoll finde. DSA Professional und Ars Magica haben gezeigt, das ein solches freies System funktioniert.
Das Kampfsysteme ist äußerst realistisch und komplex, ähnlich Hârnmaster, und hat schon in der Grundvariante Tabletopqualitäten. Bei der Schadensermittlung ist sogar ein Taschenrechner von Nöten, wenn man nicht in Tabellen nachschlagen will. Man muss rechnen: "Trefferwert des Angriffs in Prozent mal Schadenspotenzial der Waffe". Danach wird der Wert modifiziert durch einen eventuellen Bonus oder Malus des Angreifers, die Schadensabsorption des Verteidigers und einen eventuellen Bonus oder Malus des Verteidigers, bis am ende die Verletzungspunkte herauskommen. Im komplexen Kampfsystem steigern sich Realismus und Komplexität weiter. Insgesamt hätte ich mir hier ein im Spiel praktikableres System gewünscht. Gefechte dauern einfach zu lange und reißen das Spielkontinuum auseinander. Ein Ausweg eröffnet sich erst, wenn man sich richtig in das System eingefuchst hat und die Abläufe verinnerlicht hat.
Auf 116 Seiten schafft Osiris, all das unterzubringen. Es folgt dann noch ein umfangreicher Anhang, in dem vor allem die zahlreichen (ca. 140) Fähigkeiten und Kenntnisse näher erläutert werden. Protokollkopiervorlagen gibt es hier natürlich auch.
Alles in allem bietet Osiris in keinem Bereich Revolutionen, wartet aber mit einer gut ausgewogene Mischung auf, die für erfahrene Rollenspieler eine sehr interessante Alternative zu anderen Systemen darstellt. Kreative Spieler dürfte auch die Möglichkeit zur Mitwirkung interessieren, denn Osiris wird ständig erweitert. Online lässt sich schnell Kontakt herstellen. Drei Spielwelten sind bereits angekündigt.




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