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Monstrocity
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 16.04.2011, Serie: Belletristik, Autor(en): Jeffrey Thomas, Verlag: Festa Verlag, Seiten: 304, Erschienen: 2005, Preis: 9,90 €


Jeffrey Thomas hat durch seine weitaus populärere Kurzgeschichtensammlung Punktown für neue Maßstäbe im Science-Fiction-Genre gesorgt. Man könnte seine Thematik fast schon architektonisch nennen, konstruiert er doch Geschichten in und um die Stadt Paxton, welche ihre "Insassen" so verändert, dass sie sich selbst in ihrem urbanen Horror verstricken, ohne dass sie dieser Tatsache wirklich vollständig gewahr werden.
Dabei bleibt die Umwelt oberflächlich eigentlich sehr gegenwärtig und erinnert auf den ersten Blick auf jene von bekannten derzeitigen Großstädten. Doch mehr und mehr wird dem Leser gewahr, wie verdorben die Welt "Paxtons" wirklich ist und wie weit sich der Virus dieser Stadt bereits in die Seelen ihrer Bürger hineingefressen hat.

Monstro City ist ein abgeschlossener Roman in eben jener Stadt und behandelt die Umstände des Protagonisten Christopher Ruby, einem Call-Center-Mitarbeiter, der sein dröges Leben lebt. Doch alles ändert sich, als eine Frau in sein Leben tritt. Gabrielle fasziniert ihn, ist sie doch so viel anders als er selbst. Sie bringt ihn mit okkulten Machenschaften in Kontakt, die er zuerst ablehnt und verhöhnt. Doch als sich Gabrielle mehr und mehr ihrer neuen Leidenschaft hingibt, schlägt Paxton voll zu und verändert alles, was Christophers Leben einst ausmachte.
Dinge verändern sich, Menschen verändern sich und auch unser Protagonist wird zu einer völlig neuen Person. Er mordet auf seiner unendlichen Suche nach den Hintergründen und Strippenziehern der okkulten Mächte, denen sich Gabrielle hingegen hat und daran zu Grunde ging. Er führt ein Leben im Untergrund und kennt nur noch das eine Ziel – bis eine neue Frau in sein Leben tritt.

Wer Punktown kennt wird völlig von den Socken sein, als die Geschichte mehr und mehr in die Welt Lovecrafts und seinem Cthulhu Mythos eindringt. Doch dies vermag Jeffrey Thomas mit solcher Sorgfalt, dass die Umsetzung durchaus gelungen ist und nicht zu einer bloßen Kopie alter Geschichten wird. Außer dem Necronomicon wird eigentlich fast kein Begriff Lovecrafts verwendet, doch die beschriebenen Wesen und Gottheiten, welche hier in einer anderen Religion begründet liegen, erinnern den Kenner schon sehr an diverse Wesen des Altmeisters.
Dazu spielt im Hintergrund stets die leise Violine Paxtons ihre irrsinnigen Laute, welche man ab und zu vernimmt, mal lauter mal leiser, und sie so abartig aber dann auch wieder so faszinierend findet, dass man sich ihrer nicht entziehen kann.
Die Geschichte um dunkle Kulte ist gut, zweifelsohne, aber Thomas brilliert immer dann, wenn er Paxton, also die Stadt selbst, zur vollen Geltung bringt. Der empfindliche Leser sei an dieser Stelle zudem gewarnt – es gibt diverse abartige und sehr freizügige Szenen in diesem Roman. Aber auch diese machen Paxton aus.
Eine Kostprobe? Da ist die Frau, die ihr Herz in mit einer leuchtenden Schrift tätowiert hat und ein Fenster in ihren Brustkorb einsetzen lies, so dass man das "Kunstwerk" sehen kann. Das sind die aufmüpfigen Jugendlichen, die ein Bild ihres Geschlechtsteils auf den T-Shirts tragen, weil dies in der Stadt derzeit Mode ist. Oder man denke an die Glebbies, "Tiere" ohne Kopf und Gliedmaßen in einem Netz aus Schläuchen, die man aus ökonomischen Gründen für die Nahrungsmittelbranche so effizient wie möglich züchten möchte. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sind wir von diesen Vorstellungen heute gar nicht so weit entfernt.

Fazit: Es ist wirklich schwer diesen Roman zu beschreiben. Er ist SciFi, sicher, aber doch sehr gegenwärtig. Er ist Horror, aber nicht zu direkt. Er ist eine subtile Welt aus verdorbener Urbanität einer Großstadt und Anonymität des Alltags gepaart mit zwischenmenschlichem Drama ohne zu kitschig zu werden. Einfach mal dran riechen, den bitteren Dunst einsaugen und selbst entscheiden, ob man von dieser brackigen Flüssigkeit nicht doch mal einen Schluck nehmen sollte. Und ich versichere Euch, entweder spuckt ihr das Zeug wieder aus, oder ihr trinkt das Glas wie ich in einem gierigen Schluck auf einmal.




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