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Von Philipp Kiefner
Rezension erschienen: 24.10.2011, Serie: Belletristik, Autor(en): Chistoph Lode, Verlag: Goldmann Verlag, Seiten: 382, Erschienen: 2010, Preis: 12,00 EUR
Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Vielleicht das Sandmännchen?
In Bradost ist die Welt längst nicht mehr in Ordnung, wirklich nicht. In den Straßen und Häusern der Stadt herrscht Angst. Eben jene beklemmende Angst, welche in einer Atmosphäre aus Willkür, Unterdrückung, gegenseitiger Bespitzelung und Verrat zu keimen beginnt, wuchert, gedeiht und sich schließlich wie eine bleierne Decke über das Leben der Mensch stülpt bis dieses langsam erstickt. Die Alternative lautet Rebellion, Umsturz und Revolution. Doch die Herrschenden wissen sich nicht nur auf ihre unheimlichen Spiegelmänner zu verlassen, um das Volk ruhig zu halten, sie vermögen auch auf viel perfidere Weise aufkeimenden Widerstand zu erkennen und auszulöschen. In dieser Szenerie betreten unsere beiden jungen Protagonisten die Bühne des Buches Der letzte Traumwanderer von Christoph Lode. Der Band ist der Auftakt zu einer Trilogie mit dem bedeutungsschweren Titel "Pandaemonia". Doch kehren wir zur Story zurück. Zunächst begleiten wir das Schicksal des jungen Jackon, ein Waise, welcher sich recht und schlecht in der Kanalisation der ärmsten Viertel herumschlägt und durch die Suche nach Treibgut sein kümmerliches Dasein fristet. Damit nicht genug, scheint ihm ein sonderbares, unkontrolliertes Talent inne zu wohnen, vor dem selbst der niedrigste Abschaum Abstand zu halten weiß. Der kundige Leser ahnt es schon - dieser Bursche und seine Gabe werden noch bedeutsam werden. Bei der zweiten Figur handelt es sich um den nur wenige Jahre älteren Liam, sein Vater ein Blitzhändler, welcher seltenen Äther aus den Himmelslichtern gewinnt, eine renommierte, aber nicht ungefährliche Saisonarbeit. Doch der Vater, alleinerziehend, hat besseres vor, so dass die Arbeit am Sohnemann hängen bleibt. Schnell zeigt sich, dass der Herr Papa seine Finger in gefährliche Machenschaften hat, welche die bereits oben erwähnte resolute Tyrannei final zu beseitigen weiß. Unterm Strich bleiben also zwei Waisen, der eine auf der Suche nach seinem Talent, der andere hinterfragt die geheimen Aktivitäten seines Erzeugers. Hier taucht dann auch die obligatorische Maid auf, deren natürlich hübsches Herz es zu erobern gilt. Damit nicht genug, erscheint auch noch ein Vertreter der langsam aus der Welt schwindenden Fabelwesen, ein waschechter uralter Elf, der sich aufrafft, das Schicksal zu ändern.
Was bleibt also? Zunächst eine wilde Mischung aus Fantasy, Steam-Punk und dem Film "Inception". So interessant das alles wirkt und partiell auch ist, so altbekannt und vielzitiert sind die verwendeten Genres. Dabei schreibt Lode ganz gefällig. Die Welt ist plastisch, atmosphärisch nachvollziehbar und hinreichend vielseitig. Nur eben hätte man sich mehr Innovation oder Brüche mit vielbemühten Klischees, so z.B. der arme Waisenjunge mit heldenhaften Gaben oder die obligatorische Jugendliebe gewünscht. Defizite sind auch bei der Charakterbeschreibung zu erkennen. Etwas oberflächlich in ihren Eigenheiten, oft zu naiv in den Handlungen und schließlich nur allzu gewöhnlich in der Typologie. Das Leid und der Schmerz, die Überraschungen, Neid, Eifersucht, Hass, die gesamte Gefühlspalette bleibt nur angedeutet, so dass der Autor viel vom Potential seiner Figuren verschenkt.
Fazit: Der letzte Traumwanderer hebt sich wohltuend von der üblichen Massenware ab, da das Buch verschiedene Genres zu bedienen weiß und sie zu einer authentischen Welt verschmelzen lässt. Dabei ist das Ganze flüssig und unterhaltsam geschrieben, jedoch fehlt es an wirklichen neuen Ideen und Konzepten. Auf Grund der bislang eher mäßigen Komplexität der Handlung und Handelnden bleibt das Buch auf dem Niveau der gehobenen Unterhaltungsliteratur. Um es knapp in Neudeutsch zu formulieren. Das Buch ist ein "nice to have", aber kein "must have".
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