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Der Rattenzauber
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 04.06.2002, Serie: Belletristik, Autor(en): Kai Meyer, Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, Seiten: 349, Erschienen: 1998, Preis: 6,95 Eur


Erfolgsautor Kai Meyer nimmt sich in diesem Roman (seinem zweiten, soweit ich informiert bin) einer beliebten mittelalterlichen Legende an – jener des Rattenfängers von Hameln. Schon oft wurde ja versucht, die Geschichte vom flötenspielenden Kidnapper zu deuten, mal als Parabel auf die Kinderkreuzzüge, mal als symbolhafte Umschreibung einer Seuche.
Kai Meyer freilich nutzt die Geschichte, um einen historischen Mystery-Thriller zu erzählen. Er läßt den jungen Adeligen Robert von Thalstein im Auftrag des Herzogs von Braunschwag in das Hameln des 13. Jahrhunderts reisen, um dort dem Verschwinden der 130 Kinder nachzugehen. Robert trifft auf eine Mauer des Schweigens. Weder der ortsansässige Graf noch die Vertreter der Geistlichkeit erweisen sich als hilfreich bei den Ermittlungen des Ritters, und die Dorfbevölkerung tritt Robert feindselig gegenüber. Je tiefer er in den Fall einsteigt, desto deutlicher wird, daß Robert selbst ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, das ihn langsam in den Wahnsinn treibt.
Man muß dem Autor Kai Meyer zugestehen, daß er seinen historischen Action-Roman in einem flüssigen Stil verfaßt hat. Auch die Art und Weise, wie er die Geschichte aus allerlei Versatzstücken des Horror-, Mittelalter- und Fantasygenres zusammenmontiert, verdient Respekt. Doch leider bleiben es Versatzstücke: Der Auftritt des italienischen Dichters Dante Aligheri; die hübsche Magd, die Robert mit Liebeszaubern behexen will; der skrupellose Kirchenprobst, der sich zum Stadtheiligen erheben will; der Nigromant im Wald, der aus Alraunenwurzeln neue Kinder klonen möchte – all das ist nett ersponnen, doch in der vorliegenden Zusammensetzung völlig überzogen und unglaubwürdig. Nun muß ein phantastischer Roman sicher nicht glaubwürdig und „historisch akkurat“ sein, doch irgendwie kauft man dem Autor die zahlreichen Wendungen seiner Geschichte nicht ab. Vom dunklen Nonnenkloster springt Meyer über einen vollzogenen Inzest zum Treffen heidnischer Wotan-Jünger auf dem Hameler Friedhof, stets auf der Suche nach neuen Effekten, die den Leser bei Laune halten sollen. Das Ganze liest sich rasch, steuert auf ein mäßig spannendes Finale hin und reicht dabei nie über literarisches Fast-Food hinaus. Auch das (mir persönlich nicht unsympathische) antiklerikale Moment, das bei Meyer anklingt, gerät dabei zur Pose.
„Der Rattenzauber“ ist deshalb nicht mehr als ein professionell geschriebener, aber verworrener Action-Krimi vor leidlich glaubwürdiger Mittelalterkulisse. Wer nicht mehr erwartet, wird sich zwar hervorragend amüsieren. Doch wahren Zauber darf man von diesem „Rattenzauber“ nicht erwarten.




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