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Dr. Faustus-Trilogie (Bd. 1: Der Engelsfall, Bd. 2: Der Traumvater, Bd. 3: Die Engelskrieger)
Von Markolf Hoffmann

Rezension erschienen: 04.06.2002, Serie: Belletristik, Autor(en): Kai Meyer, Verlag: Wilhelm Heyne Verlag, Seiten: Bd 1 + 2 444 S.; Bd 3 208, Erschienen: 2000, Preis: Bd 1 + 2 10 Eur, Bd 3 6,95 Eur


Einen Roman über Dr. Faust zu schreiben, das zeugt von Mut und Selbstbewußtsein. Denn die Faust-Geschichte ist nicht nur ein frühneuzeitlicher Mythos ersten Ranges, sondern zugleich DER Mythos der deutschen Literatur. Gothes „Faust“ gilt bis heute als bedeutendstes literarisches Werk in deutscher Sprache.
Die Idee, Goethes Stoff als modernen Historienkrimi umzusetzen, befreit vom Staub biederer Gelehrsamkeit und angereichert mit Elementen aus dem Fantasygenre, verdient Anerkennung – und was hätte man nicht alles aus dieser Idee machen können, bietet doch die Legende vom einsamen Gelehrten und Magier, der sich vom Teufel zugrunde richten läßt, zahlreiche Ansatzpunkte für eine temporeiche Bearbeitung.
Temporeich ist Meyers Romantrilogie denn auch geworden. Gut geworden ist sie nicht. Meyers Problem ist, daß ihn die Faust-Geschichte eigentlich nicht interessiert. Er benutzt sie als lieblos aufgetragene Folie für eine mehr als verworrene Handlung: Im ersten Band fliehen Faust und sein Schüler Wagner vor einem tückischen Inquisitor quer durch Deutschland und begegnen dabei einem leibhaftigen Engel mit verbrannten Gesichtszügen, der sich als Züchtung des größenwahnsinnigen Papstes herausstellt. Im zweiten Band kämpft Faust um das geistige Erbe seines einstigen Lehrmeisters, des mysteriösen „Traumvaters“, der seine Schüler im brandenburgischen Spreewald versammelt hat. Frei nach Agatha Christie beginnt ein lustiges Morden unter den Lehrlingen, denn natürlich kann es nur einen Erben des Traumvaters geben. Im dritten Band begeben sich Faust, Wagner und Angelina (so hat Wagner den gefallenen Engel mit dem verbrannten Gesicht getauft) nach Rom, um Angelinas Geheimnis zu lüften. Hier wird die Geschichte richtig albern: Der Papst hat nicht nur geheime ‚Engel’ in seinen vatikanischen Verliesen gezüchtet, sondern auch eine leibhaftige Trinität erschaffen, so daß in Rom fortan drei Kinder herumlaufen, die sich für den HERRN, den SOHN und den HEILIGEN GEIST halten. Während der Papst seine Seele in den jugendlichen Körper des HERRN verpflanzt, stoßen Faust und Wagner auf die Spuren dieser hanebüchenen Verschwörung.
Es ist ein Jammer, wie Kai Meyer die Möglichkeiten seiner Geschichte verschenkt. Keine Spur von Dämonenbeschwörungen, wilden Hexenfesten, Auerbachs Keller usw. Der Zauber der Faust-Legende kommt in keinem einzigen Abschnitt auf, zumal uns Meyer den ödesten Faust der Literaturgeschichte präsentiert: Er kann weder zaubern noch ist er ein Mann großer Gelehrsamkeit, er ist weder ein gebrochener noch ein strahlender Held, und von seinem ewigen Schatten, dem teuflischen Mephisto, ist in diesem Buch nur ein schwarzer Hund gleichen Namens übriggeblieben (in Anlehnung an Goethe).
Auch an historischer Authentizität mangelt es dem Roman. Zwar scheinen Orte und Personen einigermaßen glaubhaft recherchiert zu sein, doch Motivation und Sprache der handelnden Figuren sind fragwürdig und unglaubwürdig. Zwar muß meiner Meinung nach ein historischer Roman keineswegs historisch korrekt sein, doch ein Mindestmaß ein Authentizität sollte gewährleistet sein – und wenn Meyer Charaktere wie Martin Luther oder Hyronimus Bosch ohne Gespür für ihre historische Bedeutung verwendet, ist dies nicht mehr als das eiskalte Kalkül eines Bestseller-Autors. Denn sicher ist eines: Meyer ist Experte seines Fachs; er versteht sich darauf, flüssig zu erzählen und die notwendigen Zutaten zu verwenden, die einem historischen Roman die richtige Würze zu verleihen. Derart lieblos zusammengemischt schmeckt man allerdings doch das Aroma der Tütensuppe durch, und auch eine Löffelspitze Goethe kann nicht verschleiern, daß hier wieder einmal Standardkost serviert wird.




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