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Stern von Algier
Von Martin Wagner

Rezension erschienen: 15.08.2012, Serie: Belletristik, Autor(en): Aziz Chouaki, Verlag: Donata Kinzelbach, Seiten: 200, Erschienen: 2009, Preis: 18,00 €


Westliche Musik und der Islam, das scheint auf den ersten Blick eine Kombination zu sein, die nicht zusammen passt und doch gelingt es Aziz Chouaki genau diese beiden Themen in einem Buch unterzubringen. Wird die Biographie des Autors betrachtet, er ist Algerier, liebt die westliche Rockmusik und floh vor dem islamischen Terror nach Paris, so zeigt das Buch einige biographische Tendenzen und der Leser kann verstehen, wieso sich die Beschreibung des Lebens des Protagonisten so wirklich anfühlt.

Stern von Algier behandelt auf knapp 200 Seiten circa zwei Jahre aus dem Leben des Musikers Moussa Massy, der mit bürgerlichem Namen Méziane Boudjira heißt. Moussa ist ein großer Fan der westlichen Rock- und Popmusik und sein Ziel ist es der Michael Jackson Algeriens zu werden. Hierfür mischt er westliche Rhythmen mit algerischen und dem Gesang der algerischen Volksmusik. Doch das Buch bietet natürlich mehr als nur Musik. Es vermischt das Leben Moussas, inklusive seiner Familie und seinen Freunden, mit der Geschichte Algeriens der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, einer Zeit also, die als islamistische Terrorzeit in die Geschichte des Landes eingehen wird. Doch zu Beginn des Buches steht es noch nicht so schlimm um Algerien und Moussa gerade auf einem aufsteigenden Ast.
Moussa und seine Bandkollegen hatten gerade einen Auftritt auf einer Feier und Moussa hat ein Angebot für ein Interview für eine große Zeitschrift Algiers bekommen. Mit den Einnahmen kehrt Moussa aus der Welt der Musik zurück in die Welt seiner Familie: Ein heruntergekommenes Hochhaus mit vielen Mietern am Rande der Stadt, seine 13 nächsten Verwandten zusammen mit ihm in einer Drei-Zimmerwohnung, Dispute mit den Eltern, der Vater hat nie akzeptiert, dass er Musik macht, ein Bruder, der den Verstand verloren hat, eine Schwester, die sich von ihrem Mann getrennt hat und deren Kinder. Enge und Not sind die Elemente, die Moussa antreiben, denn er möchte dem Ganzen irgendwann entkommen, auch um seine Verlobte bald heiraten zu können, und nur die Musik sieht er als Chance.
Das wenige Geld, das er für die Auftritte bekommt, gibt er für seine Familie und für sich aus. Essen und eine Wasserpumpe für die Familie, Batterien, Musik und Gitarrensaiten für sich, alles natürlich auf dem Schwarzmarkt, denn solche Dinge gibt es in Algerien eigentlich nicht zu kaufen. Das Interview und ein reicher Freund, der ihm einige Plakate organisiert, bringen schließlich den erhofften Erfolg und Moussa darf mit seiner Band in einem bekannten Club auftreten. Der Stern von Algier strahlt am Himmel.
Doch der Erfolg bringt kein Glück, seine Verlobte heiratet einen anderen, einen bodenständigeren Mann, seine Band muss er verraten und sein Produzent ist nicht gerade uneigennützig. Dazu kommt dann noch der Islam mit seinen fundamentalistischen Ansichten gegen die westliche Musik und gegen Musiker im Allgemeinen, die für den Glauben nichts beizutragen haben, wie diese meinen. Moussas Träume zerplatzen mit den Wahlen und den Protesten und er muss neue Wege einschlagen. Flucht, Kampf oder Aufgabe, diese Wahlmöglichkeiten hat er.

Eine Geschichte die dem einen oder anderen sicher schon irgendwo begegnet zu sein scheint - mir fiel sofort "Tom Petty and the Heartbreakers" Lied "Into the Great Wide Open" und das dazugehörige Video mit Johnny Depp ein und doch ist Stern von Algier mehr als eine literarische Umsetzung des Liedtextes. Gerade die Kombination mit der algerischen Geschichte und damit verbunden der Islam, geben der Geschichte über einen talentierten Musiker, der viel Pech hatte, ein neues Gesicht - ein Gesicht, das gerade heute in der arabischen Welt hochaktuell ist.

Aziz Chouaki kann die Geschichte so gut rüberbringen, weil er ähnliches erlebt hat und weil er geflohen ist, wahrscheinlich kann er die Geschichte deswegen überhaupt schreiben. Und obwohl der Leser der Geschichte gut folgen und die Schritte nachvollziehen kann, ist der Schreibstil gewöhnungsbedürftig. Ob das an der Übersetzung oder an der Nähe zum Original liegt, kann ich nicht beurteilen, aber die abgehackten Sätze wirken eher wie das Rattern eines Maschinengewehrs und nicht melodiös wie ein Lied. Die Sätze sind zwar mal lang und mal kurz, aber eben abgehackt und der Inhalt, bis auf wenige Ausnahmen, wo der Autor etwas blumiger spricht, auf das nötigste beschränkt. Der Erzähler, Moussa selbst, erzählt teilweise in der dritten Person und teilweise in der ersten Person von sich und man hat schnell das Gefühl, dass dort jemand seine Erinnerungen in einer entfernten Zukunft aufschreibt. Ob daher auch der Fehler mit der Altersangabe des Bruders herrührt, der einmal 38 und einmal 48 ist, ist schwer zu sagen.

Fazit: Stern von Algier ist ein interessantes Buch. Aziz Chouaki gelingt es geschickt eine Geschichte über westliche Musik in einem muslimischen Land am Rande des fundamentalistischen Bürgerkriegs zu schreiben, die auf jeder Seite so glaubwürdig ist, als wäre sie eine Biographie. Ähnlichkeiten mit westlichen Geschichten mit ähnlichen Themen sind vorhanden, aber gerade der islamische Hintergrund, sorgt für eine neue Würze. Aziz Chouakis Schreibstil wiederum ist gewöhnungsbedürftig und nur wer Sätze mag, die wie aus einem Gewehr abgeschossen klingen, wird am Stil seine Freude haben. In einem kurzen Satz: tolle Geschichte, militärischer Schreibstil, Prädikat gut.




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