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Das Königreich der Lüfte
Von Martin Wagner

Rezension erschienen: 14.08.2009, Serie: Belletristik, Autor(en): Stephen Hunt, Verlag: Heyne Verlag, Seiten: 780, Erschienen: 2009, Preis: 16,00


Das Königreich der Lüfte ist der erste Band einer Steampunktrilogie aus der Feder Stephen Hunts. Hunt ist neben seiner Schriftstellerkarriere auch Herausgeber des erfolgreichsten englischen Fantasy und SciFi Webzines SF Crowsnest. Er hat also jede Menge Erfahrung und Backgroundwissen zum Thema Fantasy, Science Fiction und auch Steampunk. Das Königreich der Lüfte beinhaltet all diese Themen und noch deutlich mehr.

In Jackals, einem Staat, der vor Jahren die Fesseln der Monarchie durch eine Republik mit Parlament ersetzt hat und dessen oberster Repräsentant immer noch der König ist, allerdings ohne Macht und ohne Arme, leben Menschen und Dampfmänner in den Städten und Dörfern gemeinsam. Neben den allgegenwärtigen Dampfmännern gibt es auch Dampfmaschinen, dampfbetriebene Luftschiffe und Magie. Eine Welt, die fantastischer nicht sein könnte, gebe es nicht auch noch Dämonen, Götter und seltsame magische Mutanten, die durch Bändigerringe zur Verfügung des Staates und des Militärs stehen.

In dieser Welt leben die beiden einander unbekannten Protagonisten des Buchs, Molly und Oliver, beides Waisenkinder, beide vom Schicksal nicht unbedingt positiv ausgestattet. Molly, die im Waisenhaus lebt, hat eine große Klappe und kann deshalb keinen Arbeitsplatz lange behalten. Oliver, der als Kind dem mutierenden Nebel ausgesetzt war und doch keine Veränderung zeigt, lebt bei seinem Onkel, einem Händler, und erledigt für diesen Botengänge. Beide werden durch Zufälle in etwas Großes hineingezogen, nämlich in die Rettung ihres Landes und ihrer ganzen Welt.

Auf ihren Reisen erleben die beiden verschiedenste Abenteuer, lernen neue Freunde kennen und bekommen neue Feinde, erfahren nebenbei etwas über ihre eigene Herkunft, die Geschichte ihres Landes und ihrer Welt, unterlaufen dabei teilweise drastisch und spontan einer Charakterwandlung, bevor in einer entscheidenden Schlacht das Böse besiegt werden muss.

Das Buch liest sich wie eine alternative Geschichte unserer 19. Jahrhunderts. Jackals und die Parlamentarier erinnern an das viktorianische England. Die Geschichte der Waisenkinder und die Beschreibung der Stadt und der Arbeitsplätze erinnern stark an Dickens Geschichten dieser Zeit. Die Dampfkraft ist in aller Munde und der Motor der Welt. Die Feinde Jackals sind vorrangig Mitglieder der Gleichmacher, einer Gruppe, die stark an Kommunisten der damaligen Zeit erinnert. Dazu kommen noch mystische Zirkel, die den Glauben an Götter abgelöst haben. Im Laufe des Buches erhält man dank der Erfahrungen, die Molly und Oliver machen, Einblicke in die Geschichte der Welt. Die Vorgabe, das Buch als alternative Geschichte zu sehen, gerät ins Wanken, und man könnte eher glauben, ein SciFi-Meister hätte uns in die Zukunft unserer eigenen Welt vor Augen geführt, in der sich zyklisch die Probleme der Vergangenheit wiederholen

Das Buch ist damit ein Potpourri an Themen und Inhalten eines Buchs über das viktorianische England mit dampfbetriebenen Robotern, Computern und Maschinen, dazu Magie und Dämonen, in dem die "Kommunisten" alles andere als gut wegkommen, in dem aber auch die Parlamentarier alles andere als die Vertreter der Demokratie darstellen. Alle kleinen Randbemerkungen und Anspielungen würde den Rahmen der Rezension sprengen. Das Buch ist einfach überfrachtet, es ist einfach zuviel, dazu noch viele neue Ausdrücke und unnötige Floskeln und Informationsverschleppung. Irgendwann in der Mitte des Buches hat der Leser sich die fremden Ausdrücke eingeprägt, und der Autor hört endlich auf, Floskeln einzubinden, die das Buch länger machen. Aber dann geschehen überraschende Dinge in schneller Folge, und nach dem Umblättern und Zurückblättern bleibt das Gefühl, "Fehlt da eine Seite?".

Fazit: Steampunk vom Feinsten, das steht außer Frage, aber viel zu lang mit viel zu viel neuen Begriffen und altbekannten Inhalten. Es ist nicht schlecht verpackt, aber gerade zu Beginn scheint es, als würde der Autor Seiten schinden. Am Ende fehlen sie dann plötzlich - abschliessende Seiten, die einiges klarer machen könnten. Als kritische Betrachtung des viktorianischen Englands beinhaltet das Buch zwar zuviel Magie und Steampunk, aber gerade die Darstellung der verbliebenen Monarchie als pures Repräsentationsregime und die Kämpfe der Parlamentarier zeigen ein Bild, dass man sich so auch um das 19. Jahrhundert herum und auch heute vorstellen könnte.




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