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Baltimore, oder Der Standhafte Zinnsoldat und der Vampir
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 08.07.2009, Serie: Belletristik, Autor(en): Mike Mignola, Christopher Golden, Verlag: Cross Cult Verlag, Seiten: 278, Erschienen: 2008, Preis: 24,90 €


Mike Mignola kennt man ja eher aus dem Comic-Bereich. In diesem Fall hat er sich aber mit Christopher Golden zusammengeschlossen, um eine Geschichte, die einfach zu fulminant für einen schlichten Comic wäre, in die Form eines illustrierten Romans zu bringen. Das Ergebnis ist ein Buch, welches abseits des Alltäglichen steht und auf ganzer Linie überzeugt.

Herny Baltimore, ein englischer Lord, hat drei seiner engsten, wenn nicht sogar einzigen Freunde in ein Gasthaus geladen. Ein Gasthaus, wie es ungastlicher kaum sein kann. Das Bier ist schal, die Stimmung schlecht, die Menschen irgendwie ausgelaugt. Und so treffen sich Doktor Rose, Childress und Aischros, welche sich bisher nie zuvor gesehen haben an diesem so düsteren Ort und harren der Dinge, die da kommen mögen. Doch Baltimore taucht nicht auf. Baltimore, der in einer Schützengraben des ersten Weltkriegs unter einem Berg von Leichen - seine gefallenen Kameraden - etwas mit ansehen musste,das ihn veränderte. Baltimore, der etwas empor rief, das besser verborgen geblieben wäre und nun danach trachtet, es wieder von dieser Erde zu verbannen. Doch dieses Etwas hat seinen Atem bereits ausgestoßen und eine Pest freigesetzt, die die ganze Welt zu verschlingen droht.
Doch Lord Baltimore taucht nicht auf. Und so erzählen sich die drei ihre Geschichten, wie sie mit dem Lord aus England in Kontakt kamen und was sie dazu bewegt hat, alles stehen und liegen zu lassen, um ihren alten Gefährten hier im Nirgendwo zu treffen. So geht Geschichte um Geschichte über den Tisch, und der Lord schickt sich immer noch nicht an, einzutreffen, als sich der Tag zu Ende neigt…

Schon alleine die Aufmachung des Romans spricht alle Sinne an. Das fast quadratische Format liegt gut in der Hand, die Seiten sind dick und fast schon pergamentartig, der Umschlag fest und durch die unverwechselbar Kunst Mignolas verziert.
Der Inhalt tut sein Übriges. Das große Ganze um Baltimore und seine Nemesis wird getragen von den Kurzgeschichten seiner Freunde, welche selbst schon kleine Juwele für sich sind. Seien es die Geschehnisse Aischros in einem bizarren Dorf der Marionettenmacher, oder Childress Begegnungen in Südamerika, als er im Auftrag seines Vaters Inka Schätze rauben sollte. Nach den Geschichten findet man sich stets wieder in diesem alten Gasthaus, dessen klamme Atmosphäre alles umrahmt. Die Pest, welche um sich greift und so viel schlimmer als der Schwarze Tot ist, ist förmlich greifbar.
Die Sahnehaube bilden Mignolas Illustrationen, welche mal in kleinen Kästen, mal auf ganzen Seiten daher kommen und die Atmosphäre noch dichter machen.
Abgeschlossen wird dieser fantastische Roman mit einer Interview mit Golden, einem Kurzportrait Mignolas, der Kurzgeschichte "Der Standhafte Zinnsoldat" von Hans Christian Andersen (zu welcher Baltimores Leben wundervolle Parallelen aufweist), sowie ein Kurzportrait des Dänen.

Fazit: Es ist beachtlich, wie dicht die Atmosphäre über den gesamten Roman hinweg gehalten wird. Kleine Geschichten formen das große Ganze, jede auf ihre eigene Art schrecklich und obskur. Wer subtilen Horror im Stile Lovecrafts mag, sollte beherzt zugreifen, Denn wenn dieser Roman erst einmal seine Tentakel ausgefahren hat, dann lässt er einen nicht mehr los, bis man selbst gefangen ist, in diesem Gasthaus, welches keines ist, im Kreise der Gefährten Baltimores, vereint im ewigen Kampfe gegen die Hölle aus dem Schützengraben.




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