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Watchmen
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 18.06.2009, Serie: Belletristik, Autor(en): Alan Moore, Verlag: Panini Verlags GmbH, Seiten: 436, Erschienen: 2008, Preis: 29,95 Euro


"Quis custodiet ipsos custodes?" – Wer wacht über die Wächter? (Juvenal, 1./2. Jahrhundert)

Ein Comic ist ein Comic ist ein Comic – falsch! Denn dieser Comic ist erst einmal eine Graphic Novel. Und was für eine, satte 436 Seiten dick, zählt es als einziger Comic zu den vom Time Magazine festgelegten wichtigsten Werken des 20. Jahrhunderts. Und das zu Recht, denn mitnichten liegt uns hier eine typische Superhelden-Geschichte vor. Nein, Watchmen darf man wohl eher einen Epos nennen, ein zutiefst philosophisches Werk in ungewohntem Gewand, quasi vermummt und mit einer Maske versehen.

Doch nun zum Inhalt:

Es waren glorreiche Zeiten vor dem Keene-Erlass: In den 30er Jahren beschlossen ein paar Rechtschaffende, jenen eine Lektion zu verpassen, die es nicht so genau mit den staatlichen Spielregeln hielten. Da dies aber nicht über den offiziellen Weg ging, musste eine Verkleidung her, in welcher man anonym bleiben konnte. Nachdem der erste so genannte "Vigilant" Erfolg verzeichnete, nahmen sich andere seinem Vorbild an. Mehr und mehr Kämpfer für das Gute zwängten sich in schillernde Kostüme, bis sie sich entschlossen sich zu organisieren – die "Minutemen" waren geboren.
Ja es waren glorreiche Zeiten, doch jede Generation hat ein Ende, das für manche der Helden glücklicher als für andere von ihnen verlief. "Nite Owl" fand zum Beispiel einen ganz bodenständige Job in einer Werkstatt, "Miss Jupiter" heiratete ihren Agenten, "Mothman" kam in die Klapse, andere starben unter sehr bitteren Umständen – "The times they are a changing…" (Bob Dylan).
Doch eine zweite Generation fand sich schnell, um ihren Platz einzunehmen. Diese neuen Superhelden stellen die Protagonisten dieser Graphic Novel dar:
- "Nite Owl 2", der den Namen von seinem Vorbild erbte und vor allem durch technisches Know How und Stilgenauigkeit begeistern kann;
- Sein späterer Partner "Rorschach", ein Irrer, dessen Maske, die er sein Gesicht nennt, sich dauernd verändert (eben nach den Mustern des Rorschach-Tests);
- "Dr. Manhatten", ein ehemaliger Wissenschaftler, der unter unglücklichen Umständen in seine Atome zerlegt wurde und als Ergebnis nun ein gottgleiches, blaues Wesen darstellt;
- "Silk Spectre", die Tochter von Miss Jupiter, die eigentlich nie so recht Superheldin werden wollte, dann aber doch zum aufreizenden Kostüm griff;
- "Ozymandias", der klügste Mensch der Welt, der als einziger Held seine Identität offen legte und nun mit seinem Imperium Millionen macht;
- Und natürlich der "Comedian", der als einziger von den "Minutemen" übrig blieb; ein zynischer Bastard von einem Helden, patriotisch rechts, der in erschreckender Art als einziger begriffen hat, wie es auf der Welt läuft.

Sie alle hatten ebenfalls ihren Ruhm, wurden aber auch vom amerikanischen System missbraucht, bis es sich gegen sie wandte und sie wieder fallen lies. Denn als die Polizei streikte, weil sie sich von den gesetzlosen Helden bevormundet fühlte und die Bürger auf die Straßen gingen, folgte der Keene-Erlass. Dieser verbot alle Superhelden, außer jenen, die für die Regierung Nixon arbeiteten.

Welch schöne und vor allem glaubwürdige Heldengeschichte.
Aber das ist wirklich nur der Anfang des Buches, denn im Herbst seines Lebens stirbt der Comedian – ermordet, aus seiner Wohnung in einem Wolkenkratzer auf die Straße geworfen. Das bringt die Helden wieder auf den Plan, die sich mittlerweile in einer Welt wiederfinden, die nichts mehr mit den glorreichen Zeiten von damals zu tun hat. Denn das Amerika in den 80ern ist zwar dank Dr. Manhattan um einiges fortschrittlicher geworden, aber seine Regierung um keinen Funken klüger. Kurz und knapp, die Welt befindet sich im kalten Krieg mit der UdSSR und irgendjemand scheint es jetzt auch noch auf maskierte Helden abgesehen zu haben, was auch Angriffe auf Rorschach und Ozymandias nahe legen. Gibt es da etwa einen Zusammenhang? Selbstverständlich…

Die Graphic Novel aus der Feder des Altmeisters Alan Moore erzählt ganz klassisch in zwölf Kapiteln die Geschichte der Heldengruppe, die sich selbst eigentlich nie "Watchmen" nennt. Jedem der Protagonisten ist ein Kapitel gewidmet und jedem Kapitel stehen ein paar Seiten an, auf denen die Hintergründe näher beleuchtet werden. So drei Kapitel des Buches "Under the Hood", einer Biographie des ersten Nite Owls, nachdem dieser sich zur Ruhe setzte, oder eine Ausgabe des rechts gerichteten Magazins "Der neue Grenzwächter".
Dabei versteht es Moore zum Einen, die Superhelden in ihrer Entwicklung wirklich glaubhaft herüber zu bringen. Nichts an ihrem Heldentum ist wirklich glamourös, auch haben sie, bis auf Dr. Manhattan, nicht wirklich Superkräfte und eigentlich sind alle mehr oder weniger froh, dass sie die Maske an den Nagel hängen konnten. Zum Anderen fängt die Graphic Novel den Zeitgeist der 80er hervorragend ein und belichtet subtil die kleinen Änderungen, die die technischen Innovationen mit sich brachten. Das alles ist eingebettet in den größten Schrecken, den unsere Welt bisher erfahren musste: dem drohenden Dritten Weltkrieg und damit verbunden die fast völlige Zerstörung der Welt wie wir sie kennen.
Und wenn wir uns tiefer und tiefer in die Geschichte hineinlesen, sich der Komplott um die Helden verdichtet und die Uhr längst nicht mehr nur fünf vor Zwölf anzeigt, wird uns klar, wie tiefgründig dieser "Comic" doch ist. Denn wenn man zwischen den Zeilen respektive Panels liest, erkennt man die Symbole, das Unterschwellige, die Verbindung zu einem großen Ganzen. Denn nichts ist einfach nur so daher gezeichnet, auch wenn man das durch den recht alten Stil der 80er Jahre nur zu gerne annehmen möchte. Nein, die grafische Gestaltung hat sicherlich nichts mit den Hochglanzcomics von heute gemeinsam. Aber das lässt den Leser sich umso mehr auf die Geschichte konzentrieren.

Eigentlich war für jeden klar, dass es fast unmöglich ist, dieses Epos zu verfilmen. Das Resultat kann sich trotzdem sehen lassen, auch wenn die Vorlage zum einen natürlich detaillierter ist, zum anderen aber auch ein anderes Ende aufweist. Alleine deswegen sollte jeder, der sich vom Film begeistern lies, nun auch konsequent zur Graphic Novel greifen. Und als wäre eine solche Geschichte eigentlich nicht schon genug, bekommt der Leser im Anhang nach der üblichen Covershow, noch fein säuberlich Kapitel für Kapitel erklärt, wo die Autoren ihre unterschwelligen Botschaften platzierten und welche Leitmotive die Kapitel durchzogen. So werden beispielsweise in einem Kapitel alles Seiten von vorn nach hinten gespiegelt, Wahnsinn! Da möchte man am liebten die ganzen 436 gleich noch einmal lesen.

Fazit:
Unglaublich, monströs, philosophisch, gigantisch, fantastisch, entzückend, schockierend, genial und noch vieles mehr. Watchmen ist ohne zu übertreiben DAS Superheldenepos. Sollte man sich in seinem Leben nur einen Comic kaufen, dann diesen hier. Mehr kann man dazu nicht sagen, ohne zu untertreiben. Selber lesen macht glücklich!

"Ich bin gerne der klügste Mann der Welt. Ich wünschte nur es wäre eine andere Welt." (Adrian Veidt, aka Ozymandias)




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