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The League of Extraordinary Gentlemen, Volume 1
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 17.11.2008, Serie: Belletristik, Autor(en): Alan Moore, Verlag: Keine Angabe, Seiten: 176, Erschienen: 2008, Preis: 9,86 €


England Ende des 19. Jahrhunderts. An einem Londoner Pier, umgeben von Industrie, treffen sich zwei Gestalten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine ist ein fetter Kerl im Anzug, welcher sich Bond nennt, die andere eine zierliche Lady, welche vor ihrer kürzlichen Scheidung noch auf den Namen Mina Harker hörte. Campion Bond will ein Team zusammenschweißen, das für die Krone Englands agieren soll, und Minas Aufgabe ist es die potentiellen Mitglieder auszumachen. An ihrer Seite ein Mythos und einer von Englands größten Feinden zugleich: Captain Nemo und seine sagenumwobene Nautilus, ein Unterseeboot das eher einem Seemonster gleicht.
Zusammen gehen sie auf die Suche nach den Größen der klassischen Horror- und Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts, welche zusammen die League of Extraordinary Gentlemen formen. Ihre Mitglieder: Allan Quatermain, welcher seine glorreichen Tage längst hinter sich hat und nur noch ein von Drogen zerfressenes Wrack ist; Captain Nemo als wichtiges Standbein mit seinem Boot, welches zugleich operative Basis für die Missionen ist; Dr. Henry Jekyll und Mr. Edward Hyde in einer Person als schüchterner Dilettant und unberechenbares Monster; Hawley Griffin als der Unsichtbare, dessen ursprünglicher Aufenthaltsort sich doch als ein wenig prekär herausstellt, denn die blutjungen Schülerinnen eines katholischen Mädcheninternats verehren ihn als den heiligen Geist; und zu guter letzt Mina Murray, welche wieder ihren alten Namen angenommen hat. Was ihre besondere Fähigkeit ist, bleibt im Verborgenen, doch Kenner klassischer Literatur werden bereits wissen, von wem hier die Rede ist, auch wenn man ihr Wirken im Comic nur durch ihre grünen Augen erkennen kann.
Zusammen gilt es eine Substanz zu finden, welche in falschen Händen großen Schaden anrichten kann – Cavorite. Diese befördert selbst große Kampfmaschinen in einen schwerelosen Zustand, was für eine Waffe!

Das Buch ist in schöne, kleine Kapitel eingeteilt, was daher rührt, dass es ursprünglich eine Serie war und jedes Kapitel ein eigenes Heft darstellte. Es beginnt mit der Suche der späteren Mitglieder der Liga und leitet dann über in die Geschichte mit der eigentlichen Mission. Dabei formt die Suche nach den Charakteren alleine schon Höhepunkt um Höhepunkt. Es ist ein echter Genuss zu sehen, wie Mina den nächsten Typen "einfängt" und auf ihre Seite zieht.
Grafisch passt der Stil einfach perfekt zu dieser recht dunklen, dreckigen Zeit der industriellen Revolution. Allerdings wird auch sehr detailreich dargestellt, wie Hyde Körper von ihren Gliedmaßen befreit – Brutalität in den Schlachten ist ein wesentlicher Bestandteil. Detailreichtum ist generell das Stichwort, welcher vor allem bei den großformatigen Bildern begeistert, die gerne als Höhepunkt auf den Leser nach dem Umblättern warten – toll!

Das Buch ist aber nicht nur ein Comic. Es kommt schon in der Aufmachung wie ein zeitgenössisches Werk des viktorianischen Zeitalters daher. So wird in Zirkuslettern auf Seite eins der Autor angepriesen: "At tremendous expense, we are proud to present Mr. Alan Moore – the world-famous Northamptonshire nightingale famed for his verbal recitations and comical narratives". Köstlich auch der Hinweis nach dem ersten Kapitel, dass sensible Damen die folgende Ausgabe besser meiden sollten.
Nach dem Plot folgt eine vollständige Grafic Novel mit Quatermain im Mittelpunkt über satten weiteren 22 Seiten - selbstverständlich im Stile eines Groschenheftes samt zeitgenössischem Cover. Den Abschluss bilden divers Extras wie eine Cover-Galerie, Malen-nach-Zahlen #1: Das Bildnis des Dorian Gray, bei dem man endlich mal die Farben "human flesh (smoked)", "moral grey", "fetter-rust" und "butcher’s slab pink" ausprobieren kann, sowie das Labyrinthspiel mit Quatermain: Alan hat seine Opiumpfeife verloren – leite ihm durch den Drogenrausch und bring ihn vorbei an den Nebenwirkungen ins Freie.

Es ist ein Wunder, dass ich nach der grausigen Hollywood-Umsetzung überhaupt zu diesem Comic gegriffen habe. Wo man sich im Film noch fragt, wieso man die Größen des klassischen Literatur derart durch den Kakao zieht und ernsthaft daran zweifelt, dass die Autoren jemals Bram Stoker und Co gelesen haben, trifft hier genau das Gegenteil zu: Die Figuren werden mit Feingefühl in Szene gesetzt und nicht verfeuert, sinnig inszeniert und nicht in Überheldenmanier amerikanisiert.

Fazit: Dieses Comic hat alles, was der Film nicht hat: Charme, Klasse, Eleganz, subtilen Humor und kunstvolle Bilder. Bei dem Preis sollte man einfach zugreifen, wenn man den strahlenden Superhelden überdrüssig geworden ist und ein Herz für das viktorianische England hat. In Englisch wartet der Band auch mit der Sprache jener Zeit auf, was enorm zum Flair beiträgt. Wer dem Englischen mächtig ist, sollte nur zum Original greifen.




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