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Siena
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 22.08.2008, Serie: Gesellschaftsspiele, Autor(en): Mario Papini, Verlag: Keine Angabe, Seiten: , Erschienen: 2005, Preis: 21,95 €


Der Zugames Verlag hat bisher ganze zwei Spiele auf den Markt gebracht. Eines davon ist Siena, das sich um den Alltag von Bürgern und Bauern in dieser mittelalterlichen Stadt dreht und auf einem Fresko von Ambrogio Lorenzetti spielt.

Das Spiel ist schnell erklärt: Die Spieler schlüpfen zunächst in die Rolle von Bauern, die auf den Feldern vor der italienischen Stadt Siena ihrem Tagewerk nachgehen. Sie ernten Korn, Wein und Oliven durch Karten, die sie jede Runde bekommen oder ersteigern müssen. Auf diesen Karten ist jeweils angegeben, wie viel von jeder Sorte sie produzieren, und rundenweise werden diese Karten abgelegt. Für jeden Punkt kommt ein kleiner Holzwürfel auf die Spalte des jeweiligen Produktes. Diese ist für weniger ertragreiche Güter wie Korn kürzer und für edlere Güter länger. Ist eine Leiste voll, bekommt man Geld und rutscht auf der "Gulden-Leiste" vorwärts. Hierbei ist Strategie gefragt, denn eine Karte sorgt stets dafür, dass auch andere Produkte produziert werden. Und so besteht die Möglichkeit, dass man für den nächsten Spieler eine gute Vorarbeit leistet, aber selbst keine Leiste füllen kann und somit auch kein Geld bekommt.
Ab einem gewissen Vermögen kann man in der Gesellschaft aufsteigen und zum Händler werden. Dann dreht sich alles um Gewürze und Stoffe, die wesentlich mehr Geld bringen als die Produkte der Bauern. Das System ist dasselbe, Karten werden ausgespielt und Leisten gefüllt, aber auch hier gilt: Immer wird für andere, auch für Bauern, mitproduziert. Als Händler hat man jedoch auch die Möglichkeit in größere Städte zu wandern und dort seine Waren für mehr Geld zu verkaufen. Währenddessen darf aber nicht produziert werden.
Hat man als Händler genug erwirtschaftet, beginnt der spannende Teil des Spiels, denn als Bankier darf man durch die Stadttore Sienas gehen und am Bürgerleben teilnehmen. Der Spieler setzt seine Figur auf den linken Teil des Freskos und wandert nach und nach von Szene zu Szene durch das Bild. Da er nun nicht mehr Produkte erzeugt oder verkauft, bekommt er jede Runde einen automatischen Ertrag sowie einen Prozentteil aller Erzeugnisse der anderen Spieler im Bauern- oder Händlerstand. Dafür muss sich der Bankier nun um das gesellschaftliche Leben kümmern: Er wandert durch Siena und versucht sich Anerkennung zu schaffen, indem er zum Beispiel Bettlern hilft, als Mäzen von Künstlern auftritt, bei Hochzeiten spendet oder den Turm zu Siena sponsert. Aber in der Stadt lauern auch Gefahren und Verlockungen: Diebe und Konkubinen machen dem Bürger das Leben nicht gerade leicht. Das Spiel endet, wenn entweder eine gewisse Anzahl von Runden vergangen ist, der Turm zu Siena steht oder der Künstler gesponsert wurde, der das Fresko gemalt hat, das das Spielfeld darstellt. Jener Spieler mit den meisten Zustimmungspunkten, also dem meisten Ansehen in der Stadt, wird das neue Mitglied des Neunerrates und gewinnt das Spiel.

Soviel zu den groben Spielzügen. Interessant wird das Spiel durch die unterschiedlichen Zusatzkarten. So kann man zum Beispiel einem Bankier eine Konkubine auf den Hals hetzen, den Bettler durch die Stadt bewegen oder als Händler ganz besonders lukrative Geschäfte abschließen. Das Spiel kommt völlig ohne Zufallselement aus. Somit sind eine geschickte Kartenwahl und die Reihenfolge der Spieler, die vom ärmsten Spieler bestimmt wird, von größter Wichtigkeit.

Das absolute Highlight dieses Spiels ist zweifelsohne die Gestaltung. Mit einer Spielfigur auf einem alten Fresko hin und her zu laufen, auf die gemalten Felder seine Erzeugnisse zu legen und die Szenen des Bildes auch auf den Karten zugeordnet wiederzufinden, ist schlicht und einfach genial und wunderschön anzuschauen. Das recht einfache, strategische Element des Spiels wird dadurch noch mal enorm aufgewertet und trägt ungemein zum Spielwert bei. Durch die Zweiteilung des Spielbretts bekommt dieses eine außergewöhnliche lang gestreckte Form und es ist möglich, dass sich Spieler umsetzen müssen, wenn sie im Stand aufsteigen, da sie sich nun nicht mehr auf der schnöde rechten Seite des Freskos aufhalten müssen, sondern im farbenfrohen Teil mit den italienischen Straßennamen und all den schönen kleinen Szenen bewegen dürfen. Das Spielmaterial ist einfach aber hochwertig und mit Liebe gestaltet. Lediglich die Spielanleitung, die immerhin für drei Sprachen in je einem schön gestalteten Extraheft daherkommt, könnte in der deutschen Fassung ein ordentliches Lektorat gebrauchen. Ab und an tut ein Blick in die englische Version gut, um zu verstehen, was eigentlich gemeint ist. Die Regeln sind aber nicht so komplex, als dass man sie nicht mit dem ersten Lesen verstehen würde.

Fazit: Wer Spiele mit einem starken Zufallselement bevorzugt, ist hier sicherlich fehl am Platze. Dieses Spiel ist Taktik pur, wird aber mit Sicherheit nicht langweilig. Es ist ein Genuss auf dem Fresko hin und her zu rutschen und mit den wundervoll gestalteten Karten zu hantieren. Wer sagt, Kunst sei ein Spielfeld, findet sich hier ohne Zweifel wieder. Diese Spiel hat sicherlich nicht die Tiefe eines Picassos, dafür aber die Eleganz eines Da Vincis.




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