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Ephorân Universalrollenspiel
Von Nils Rehm

Rezension erschienen: 12.09.2011, Serie: Rollenspiel, Autor(en): Ingo Heinscher, Verlag: Verlag Thot, Seiten: 176, Erschienen: 2008, Preis: 30,00 Euro


Autor Ingo Heinscher scheint - nach seiner Homepage zu urteilen - ein Freund des Rollenspiels GURPS zu sein, das mit nur einem Regelwerk das Spiel in zahlreichen Welten ermöglicht. Seit Pegasus den Vertrieb der deutschsprachigen Ausgabe des Steve Jackson-Klassikers eingestellt hat, hat es aber kein vergleichbares professionelles Rollenspielsystem mehr auf dem hiesigen Markt gegeben. Genau in diese Lücke stößt Heinscher mit seinem Universalrollenspiel Ephorân (laut Autor altgriechisch für "erleben").

Ein ganzes Rollenspielsystem quasi alleine zu entwickeln und zu betreuen, ist ein Mammutprojekt und fordert Schwerpunktsetzungen. Das sieht man auch an Ephorân. Die Homepage zum Rollenspiel fällt ausgesprochen spartanisch aus. Ein ähnliches Bild bietet das Layout des Regelwerks, das sehr einfach auf Textverarbeitungsniveau daherkommt und fast ausschließlich mit lizenzfreien Bildern illustriert worden ist. Von außen macht das Buch einen anderen Eindruck. Der wertige vierfarbige Hardcover-Einband kann bis auf kleine Auflösungsprobleme durchaus mit professionellen Publikationen mithalten. Für etliche andere Rollenspielsysteme wäre auch das gut sortierte Inhaltsverzeichnis und der Index im Anhang wünschenswert.

Ephorân arbeitet mit einer punktebasierenden Charaktererschaffung, bei der man sich Eigenschafts- und Fertigkeitswerte kauft. Dabei sind die genannten Eigenschaften bei anderen Rollenspielsystemen eher Unterkategorien. So gibt es zum Beispiel den Grundschaden, die Stabilität, Ausdauer, Resistenz, Bewegungsarten (Laufen, Schwimmen, Springen, Klettern, spezielle Bewegungsarten), Traglast, Körpergewicht und Größe und Gestalt. Das macht aber durchaus Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass sich in vielen Rollenspielen Eigenschaften und Fertigkeiten überschneiden (z.B. bei Proben: Geschicklichkeit und Klettern).
Bei Ephorân bekommt man automatisch den Wert 10 bei einer Fertigkeit, wenn man keine Charakterpunkte eingesetzt hat. Für jeden Punkt steigt der Wert um eins. Erfolgswürfe werden mit drei sechsseitigen Würfeln gegen einen Schwierigkeitsgrad zwischen 20 und 34+ ausgeführt, wobei zum Ergebnis noch der Fertigkeitswert addiert wird. Sechsen werden noch einmal gewürfelt und erhöhen dadurch den Wert des Erfolgswurfes noch weiter.
Dieser Mechanismus wird bei allen Spielaktionen verwendet. Beim Kampf kommt, ähnlich wie bei Midgard, auch noch die Erschöpfung ins Spiel, die Gefechte nicht zur endlosen Würfelorgien werden lässt.
Insgesamt war dem Autor wichtig, ein logisches, überschaubares und dennoch möglichst realistisches Rollenspiel zu schaffen. Das ist durchaus gelungen, wenn auch nicht immer vorbildsfrei. So gibt es bei der Charaktererschaffung die in Mode gekommenen Vor- und Nachteilelisten. Und bei der Festlegung der endgültigen Werte wird teilweise mit Multiplikatoren gearbeitet, die mit ihrem Berechnungsaufwand ein wenig an so komplexe Systeme wie Hârnmaster erinnern.

Die Regeln sind aber nicht alleiniger Schwerpunkt des Rollenspiels. Besonderen Wert wird auf Mustercharaktere für unterschiedliche Spielwelten und Erfahrungsniveaus gelegt, damit Spieler eine bessere Vorstellung von dem Ergebnis der Charaktererschaffung bekommen. Darüber hinaus bietet Ephorân einen umfangreichen Teil, der sich mit dem Spiel und Abenteuern beschäftigt. Dort wird erklärt, wie Rollenspiel generell funktioniert.
Im Anschluss werden drei Musterspielwelten (die Fantasywelt Theoyxora, die Space Opera-Welt Galactis und die Welt für Horror, Mystery und Superhelden Katoptron) beschrieben. Hilfestellungen, um danach eigene Spielwelten oder auch Abenteuer und Kampagnen zu erstellen, gibt es ebenfalls, denn Ephorân ist ja ein Universalrollenspiel. Heinscher bietet sogar für kurz entschlossenes Spiel sinnvolle Hilfe, so zum Beispiel mit dem Abenteuergenerator.

Eine wichtige Frage, die sich bei jedem neu erschienenen Rollenspiel stellt, ist die nach dem Sinn. Braucht man wirklich noch ein weiteres Spiel? Ephorân vermischt verschiedene Regelansätze und entwickelt teilweise weiter, hat aber keine festen eigenen Spielwelten zu bieten, wie sie das Vorbild GURPS in breiter Vielfalt liefert. Die Regeln an sich sind durchaus stimmig, wenn auch ein wenig rechenlastig. Der Text ist einfach geschrieben und dank der vielen Beispiele gut nachvollziehbar. Er wendet sich erkennbar auch an Rollenspielanfänger. Mit diesem Ansatz begeht der Autor eigentlich einen Fehler. Einsteiger fühlen sich in der Regel unsicher und wollen deshalb auf verlagseigene Publikationen zurückgreifen, die Ephorân in der Breite nicht bieten kann. Für erfahrene Rollenspieler ist es auf der anderen Seite ein Leichtes, ihre eigenen Abenteuer in beliebigen Welten mit beliebigen Regelsystemen anzusiedeln. Hemmungen vor der Improvisation gibt es dort eigentlich nicht mehr.
Und so kann Ephorân weder die eine Klientel noch die andere voll befriedigen. Das könnte sich eigentlich nur dann ändern, wenn das Team um Ingo Heinscher deutlich wächst. Dazu fehlt bisher noch ein passendes Marketing. Ephorân ist kein schlechtes Rollenspiel, aber es leidet unter optischen Mängeln und den natürlich begrenzten Möglichkeiten des Schöpfers.

Fazit: Ephorân ist ein Spiel, das sich vor allen Dingen für kreative Rollenspieler, die auch bereit sind, sich selbst zu engagieren, lohnen kann. Das Universalrollenspiel braucht noch helfende Hände, um die guten Ansätze auch voll zum Tragen bringen zu können. Für Rollenspieleinsteiger ist Ephorân nur etwas, wenn sie von sich aus improvisationsfreudig sind und ein gehöriges Selbstbewusstsein mitbringen. Der erfahrene Rollenspieler findet nichts Neues, wäre aber sicher jemand, der sich in dem Projekt engagieren könnte.




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