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Das Leben im Mittelalter
Von Martin Wagner

Rezension erschienen: 13.04.2008, Serie: Belletristik, Autor(en): Robert Fossier, Verlag: Piper Verlag GmbH, Seiten: 495, Erschienen: 2008, Preis: 22,90 Euro

Robert Fossier, der Professor für mittelalterliche Geschichte war, unter anderem auch an der Sorbonne in Paris, hat mit dem Buch Das Leben im Mittelalter sein eigenes Lebenswerk zusammengefasst. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken über das Leben im Mittelalter, die hauptsächlich vom Adel oder von der Kirche handelten, widmet sich dieses Buch den Menschen im Allgemeinen. Im Buch geht es um die normalen Probleme der Menschen, Wettereinflüsse, wilde Tiere und auch das alltägliche Leben.

Der Schutzumschlag ist unscheinbar und nahezu unschuldig in Weiß gehalten und wird von einem Bild geziert, das einen auf einem Tier reitenden Mann mit einer Harke zeigt. Auf der Rückseite findet sich ein Mann mit einem Dreschflegel. Beide Bilder sind aus dem späten Mittelalter und zeigen, welche Personengruppe die größte zu dieser Zeit war. Ebenfalls auf dem Umschlag findet sich eine knappe Zusammenfassung des Inhalts die verspricht, dass Dinge angesprochen werden, die bisher eher am Rande erwähnt wurden.

Angespornt durch eben jene Zusammenfassung fällt es niemandem schwer, das Buch voller Interesse aufzuschlagen. Dabei ist es auch egal, ob der Leser ein Historiker ist, der Antworten auf offene Fragen erwartet, oder ob er Rollenspieler ist und einen fundierten Hintergrund für eine mittelalterliche Welt oder gar für den Charakterhintergrund sucht. Für beide wird es genug neues Wissen geben, um zufrieden gestellt zu werden. Fossier schafft es immer wieder die damalige und noch ältere Situation auf aktuelle Dinge zu beziehen und erzeugt so eine funktionierende Multiperspektivität, die seinesgleichen in Büchern über das Mittelalter sucht. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Ansatz durch den Text.

Das Buch startet mit einer knappen Einleitung, die zwar keine wissenschaftliche These aber die Ziele des Buches nennt: verschiedene Blicke auf den Menschen im Mittelalter zu werfen. Der Band ist zweigeteilt. Der erste Teil befasst sich mit dem Menschen und der Natur, der zweite mit dem Menschen als solchem.

Fossier startet mit einem kritischen Blick auf den Menschen im Allgemeinen, insbesondere auf seine Schwächen, von denen es viel zu viele zu geben scheint, wenn dem Autor geglaubt werden kann. Hier geht er auf die Krankheiten, Seuchen und Gebrechen ein, wie ein anderer diese sieht und sah und welchen Entwicklungsstand die Medizin im Mittelalter hatte. Es folgen die Stadien des Lebens, wie sie von der Natur vorgegeben wurden und wie der Mensch sich das Leben erleichterte. Geburt, Aufwachsen, Familie, Tod und alles, was dazwischen liegt, mit Hausbau und Ehe, dabei natürlich auch Genderforschung, sind Themen diesen Teils. Im Anschluss daran handelt das Buch von der Natur und ihrem Einfluss auf das Leben; von Regen, Fluten, anderen Katastrophen und davon, wie der Bauer trotz aller Widrigkeiten und ohne modernen Dünger für sich und seine Familie sorgte. Der Leser erfährt zudem, welchen Nutzen der Wald neben der Jagd noch hatte. Der dritte Abschnitt des ersten Teils befasst sich mit den Tieren und damit, wie der Mensch sie nutzte. Haustiere, Nutztiere und Nahrungsmittel: Das alles sind Themen, die hier behandelt werden.

Im zweiten Teil, in dem es um den Menschen als solchen geht, befasst sich der Autor mit dem Leben des Menschen in der Gruppe, sei es auf dem Dorf, in der Stadt und in seiner Gemeinde. Es geht weiter mit dem Wissen, nicht nur dem angeborenen sondern auch dem erlernten Wissen. Welche Berufe gab es und wie war das Leben um sie herum aufgebaut? Die Antworten auf diese Fragen gibt es im Buch ebenso wie die Antwort auf die Frage nach der Kunst des Lesens und Schreibens, wer es beherrschte und worauf geschrieben wurde. Zu guter Letzt, und das darf natürlich nicht fehlen, geht es um den Glauben des Menschen des Mittelalters, die Häresie in allen Ausprägungen und das Bild vom Tod.

Ist das Ende des Buches erreicht, sind nicht viele Fragen offen geblieben. Eine habe ich aber dennoch: Woher hat der Autor sein Wissen? Welche Quellen und welche Sekundärliteratur hat er genutzt? Er nennt zwar einige Quellen, aber für eine weitere Vertiefung der einzelnen Abschnitte fehlen Fußnoten oder zumindest ein Literaturverzeichnis. Außerdem ist der Band für die Historiker unter den Lesern vielleicht etwas zu populärwissenschaftlich. All dies nimmt dem Inhalt natürlich nichts an seinem Informationsgehalt. Schwächen auf einzelnen Gebieten, die nur am Rande wichtig sind und deren Themen der Autor auch immer kürzt, können einem Mann, der Experte auf einem so großen Gebiet wie der mittelalterlichen Geschichte ist, auch immer verziehen werden. Im Schlusswort nennt er diese auch offen und das macht ihn dann, nach dem gesamten Wissen, das er angehäuft hat, auch wieder menschlicher.

Fazit: Robert Fossier hat mit Das Leben im Mittelalter ein Buch geschaffen, das viele offene Fragen zum Leben des normalen Mannes und der normalen Frau im Mittelalter beantwortet. Sowohl ein Historiker, der sich für die mittelalterliche Geschichte interessiert, als auch der Rollenspieler, der nur Hintergrundrecherche betreiben will, kommt im Buch auf seine Kosten und erhält wahrscheinlich mehr als er erwartet. Für den Historiker ist es allerdings schade, dass keine Literaturliste vorhanden ist. Mit ihr könnte er sein Wissen noch weiter vertiefen. Schwächen in einzelnen Gebieten fallen kaum auf, da der Autor diese Themen immer geschickt abkürzt. Natürlich hätte er sich auch von Experten des jeweiligen Gebietes beraten lassen können, aber das hätte den Rahmen des Buches dann doch um Längen gesprengt.




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