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Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew
Von Ralf Sandfuchs

Rezension erschienen: 27.03.2008, Serie: Belletristik, Autor(en): Oliver Plaschka, Verlag: Feder und Schwert, Seiten: 464, Erschienen: 2007, Preis: 12,95 Euro


Ich habe schon immer ein großes Faible für Romane mit einem fantastischen, nicht sofort einzuordnenden Hintergrund gehabt. Als ich das erste Mal von Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew hörte, war ich deshalb sofort interessiert und habe mir das Buch schließlich auch besorgt.
Der Roman spielt in der Stadt Fairwater, einem bizarren Pseudo-Venedig im amerikanischen Bundesstaat Maryland, einem Labyrinth aus Flüssen, Brücken und Fabrikanlagen. Diese auf nur wenigen Landkarten verzeichnete Stadt birgt ein bizarres Mysterium, das dieser Roman dem Leser nahebringen möchte.
Wer ist der geheimnisvolle lokale Magnat Cosmo van Bergen, dem scheinbar alle Fabriken der Stadt, wenn nicht gar die Ansiedlung selbst gehört? Und welche Rolle spielen die verschiedenen Personen, die sich in seinem Umfeld bewegen und die diesen Roman mit ihren Erzählungen und Sichtweisen tragen?
Das Buch ist unterteilt in sieben "Kapitel", ergänzt um ein Zwischenspiel und einen Epilog. In jedem dieser zwischen 16 und über 100 Seiten langen Abschnitte wird jeweils aus der Sicht einer Person über Fairwater berichtet. Sie beschreiben somit einen Teilaspekt der Stadt und der Handlung. Aus den Einzelteilen soll sich schließlich das Gesamtbild der Stadt und ihres Geheimnisses ergeben.
Sicherlich eine interessante Idee, doch leider lässt die literarische Umsetzung ein wenig zu wünschen übrig, was vor allem drei Gründe hat.
Zum Einen liebt der Autor offensichtlich lange verklausulierte Sätze. Diese baut er zwar grammatikalisch völlig korrekt auf, jedoch teilweise ohne das notwendige Sprachgefühl. Das führt dazu, dass der Leser plötzlich auf ein völlig unerwartetes "sie" oder "ihn" stößt, ohne dass er noch nachvollziehen kann, wer die jeweils gemeinte Person ist. Ein wenig Analyse des vorangestellten Satzes später erkennt er zwar den vorhandenen Bezug, doch zu diesem Zeitpunkt ist er bereits aus dem Lesefluss gerissen. Gehört das vielleicht zu den Anzeichen für ein literarisch anspruchsvolles Werk, die ich einfach nur nicht erkenne? Ich behaupte einfach mal nein.
Ein zweiter (in meinen Augen noch wesentlich gravierenderer) Kritik-Punkt ist die häufige Verwendung von Bezügen zur Beschreibung von Personen und deren Handlungsweisen, teilweise auch zur Verdeutlichung von Stimmungen. Oliver Plaschka benutzt dafür vor allem Filme und Musikstücke, wobei er häufig nur Film- und Rollennamen, Songtitel oder Bands in den literarischen Raum wirft, ohne näher darauf einzugehen. Wenn man also nicht weiß, was ein bestimmter Charakter in einem bestimmten Film getan hat, versteht man leider auch nicht, was der handelnde Charakter des Romans gerade tut. Wenn man einen angegebenen Songtitel nicht kennt, weiß man nicht, ob die Wirtschaft, in der man sich gerade befindet, nun eine Rockerkneipe oder ein New-Age-Schuppen ist. Was mich persönlich aber vor allem gestört hat, war das ständige Gefühl, eine Anspielung nicht mitzubekommen, obwohl der Autor dies scheinbar von mir erwartet. Dies fühlt sich an wie das unaufhörliche Knuffen eines Sitznachbarn, der einen Witz erzählt hat, den man aber einfach nicht begreift, wie oft auch immer er einen mit dem Ellenbogen anstubst.
Zusammengenommen mit einem leicht überzogenen Hang zum Pathos ergibt sich aus diesen beiden Punkten eine stellenweise recht schwer verdauliche Stilistik, die den Roman an manchen Stellen zu einem echten Hindernis-Parcours für den Leser werden lässt. Seltsamerweise tauchen jedoch immer wieder Passagen auf, bei denen der Leser plötzlich verwundert die Augenbrauen hochzieht: so stechen beispielsweise die wunderbar beschriebene Bootsfahrt eines Sterbenden mit dem Tod durch die Kanäle Fairwaters oder das einfühlsam geschilderte Leben eines einsamen Katers wie gleißende Lichter aus dem Roman heraus und zeigen, wozu der Autor wirklich fähig ist! Leider fallen sie aber vor allem deshalb so sehr auf, weil sie so anders sind als große Teile des restlichen Buches.
Das dritte Problem sehe ich in der dargestellten Handlung. Damit meine ich nicht nur den Inhalt, obwohl in meinen Augen auch dieser eine etwas unausgegorene und leicht verworrene Mischung aus Versatzstücken von Fantasy, Horror und Science Fiction ohne einheitliche Stimme darstellt, sondern vor allem die Art der Präsentation.
Eine gute Mystery-Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Handlung in kleinen Stückchen erzählt, und je länger sie es schafft, den Leser im Unklaren über ihre Intention zu lassen, desto besser. Doch dies sollte nicht soweit gehen, dass der Leser auch nach dem Ende eigentlich nicht weiß, was passiert ist. Genau das passiert aber hier. Jedes Kapitel erzählt wie gesagt nur einen Teil der Wahrheit, dies aber zudem noch aus verschiedenen Perspektiven und zeitlich ungeordnet. Einer realistischen Fairwater-Schilderung wie der im einleitenden Kapitel, die durch die Journalistin Gloria erfolgt, steht beispielsweise gleichberechtigt die Weltsicht Marvins gegenüber, dessen Fairwater von sprechenden Tieren bevölkert wird. Irgendwann zerfließen die Grenzen zwischen Realität und Wahn, und man weiß nicht mehr, ob ein bestimmter Handlungsstrang wirklich passiert ist oder den Wahnphantasien eines Charakters entsprungen ist. Nicht einmal alle handelnden Personen sind wirklich real, auch wenn man dies beim Lesen nicht merkt. Für eine gewisse Zeit mag das noch faszinierend wirken; wenn beim Leser aber irgendwann nur noch Verwirrung vorherrscht, wird in meinen Augen eine Grenze überschritten.
Gäbe es nicht die beiden Anhänge, in denen zunächst eine Chronologie von Fairwater enthalten ist, gefolgt von einer Übersicht der handelnden Personen des Romans und ihrer Bedeutung, ich hätte sicherlich kaum die Hälfte von dem verstanden, was in Fairwater WIRKLICH geschehen ist.
Was ist nun die Schlussfolgerung dieser Rezension? Für mich persönlich war die Lektüre des Romans über weite Strecken eine Qual, und ich gebe zu, hätte ich es für diese Rezension nicht zu Ende lesen müssen, ich hätte das Buch noch vor der Hälfte beiseite gelegt. Wahrscheinlich bedeutet das für andere, dass es sich um ein Meisterwerk handelt, dessen wahre Bedeutung ich nur nicht ermessen kann. Ein Buch wie dieses wird sicherlich polarisieren, kann nur polarisieren, denn die Mühe, die in diesen Roman eingegangen ist, kann man auf jeden Fall spüren.
Ich rate Lesern, die sich trotz (oder wegen?) dieser Rezension für Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew interessieren, ein paar Seiten in das Buch hinein zu lesen, sofern dies möglich ist, um sich ein Bild davon zu machen, ob ihnen der Stil zusagt. Ich persönlich werde mich aber trotzdem für Geschichten zwischen Wahn und Wirklichkeit eher den Herren Neil Gaiman oder Clive Barker zuwenden.




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